Archive für Beiträge mit Schlagwort: Shell-Jugendstudie

„Ich wollte vor meinem neuen Freund, der aus besseren Verhältnissen stammte, einfach nicht blöd dastehen,“ sagte Nadine C. (23) um zu erklären, weshalb sie im Alter von 21 Jahren mit 7.000 Euro Schulden bei verschiedenen Gläubigern (Versand—und Möbelhäuser, Mobilfunkanbieter) dastand. (1) Natürlich will man, gerade wenn man verliebt ist, etwas gemeinsam unternehmen, will vielleicht gemeinsam essen gehen, natürlich auch mal in den Europapark fahren, miteinander zu einem Open-Air-Festival und sich die neuesten Blockbuster im Kino auf der Kuschelbank in der Loge, wo sonst, reinziehen. Und auch handymäßig möchte man auch nicht als von gestern rüberkommen. Natürlich? Man macht „halt eigentlich mehr diese Sachen, anstatt auf den Spielplatz zu gehen oder so, mehr die Sachen (…), die einfach Geld kosten. Eis essen gehen, ins Schwimmbad gehen oder ins Spieleland gehen oder was auch immer“, fügt Nadine an. (2)
Sind also Jugendliche und junge Menschen leichtfertige Schuldenmacher? Mitnichten. Zwar gab in der Jugendstudie 2015 des Bankenverbandes etwa jeder Dritte der befragten Jugendlichen (14-17 J.) und jungen Erwachsenen (18-24 J.) an, schon irgendwann einmal Schulden gemacht zu haben (3), daraus aber zu schließen, dass die große Mehrheit der Jugendlichen keine Schuldenbremse hätte und am Abgrund der Schuldenfalle stünde, ist weit gefehlt. Schulden, das ist ohnehin eine Sache der Perspektive, Überschuldung allerdings ein großes Problem.
Schulden sind ja, rein ökonomisch, ein Schmiermittel jeden Wirtschaftens und juristische Zahlungsforderungen, wie sie alltäglich und in jedem Haushalt entstehen, wenn Waren oder Dienstleistungen bezogen und nicht sofort bezahlt werden müssen. (4) Wer z. B. ein Telefon oder Handy zur Telekommunikation nutzt, geht automatisch ein Dauerschuldverhältnis ein. Und da nahezu jeder ein Telefon oder ein Handy hat, hat also auch jeder Schulden. (ja, ja, das ist ein klitzekleiner Fehlschluss, schließlich gibt es ja noch die Prepaid-Karten)
Aber: so ganz haben Schulden, auch wenn das den Kredithaien, die ihre Hände ja stets in Unschuld waschen und allen, die mit dem Schuldenmachen ihr Geld verdienen, nicht so recht in den Kram passt, ihre Stigmatisierung durch den Begriff Schuld eben nicht vollständig eingebüßt. Wer nicht spart zur rechten Zeit …Eine Werbeunterbrechung während der Kein-Ohr-zwei-Ohr-oder-Drei-Ohr-Hasen weiter, schon wird einem klar, wie viel Erspartes oder Erspekuliertes in die Bankenwerbung fließen muss, damit uns diese Konnotation von Schulden und individueller Schuld durch das Strahlefinanzierungsgesicht einer jungen Bankangestellten in ihrem Bankenglashaus hoch über den Niederungen des Lebens der Abstotterer aus dem Kopf gelächelt wird.
Schulden sind also das eine, Überschuldung etwas gaaaanz anderes (wer’s glaubt!) Im Ökonomenjargon: Bei Überschuldung geht es „um eine Krise im Zusammenhang mit Liquidität. Die vorhandene Liquidität und die benötigte Liquidität entsprechen einander nicht.“ (5) Kurz und gut: wer überschuldet ist, hat einfach, auch wenn er sich noch so krummlegt, nicht mehr genügend Mäuse in der Tasche, um seine Schulden zu bezahlen.
Natürlich wissen auch die Ökonomen, so gut können sie allemal kalkulieren, dass die Geschichte mit dem dauerhaften Einfach-nicht-mehr-flüssig-Sein mehr als eine anhaltende Liquiditätskrise, also mehr als eine Dauerebbe im Geldbeutel ist und eine solche Betrachtung das ganze soziale Drama und juristische Galama in keiner Weise abbildet, in das überschuldete Menschen geraten. Aber wen interessiert das schon, wenn es darum geht, die Schulden wieder einzutreiben.
Natürlich gibt es auch junge Leute, die bis über die Ohren verschuldet sind. Sie kommen mehrheitlich aus sozial benachteiligten Familien, haben keine weiterführenden Schulen besucht, sind häufig schon früh aus dem Elternhaus ausgezogen, haben die Schule oder die Ausbildung abgebrochen, sind dadurch in Arbeitslosigkeit gerutscht und kommen mit den finanziellen Folgen dieser Situation nicht mehr zurecht. Bei dieser vergleichsweise kleinen Gruppe können sich die Schulden schon einmal auf mehrere Tausend Euro summieren. (6)
Aber die Jugendstudie 2015 des Bankenverbandes weist aus, dass der Anteil junger Leute, der schon einmal Schwierigkeiten hatte, seine Schulden zurückzuzahlen, seit 2006 mit 6% auf niedrigem Niveau stabil geblieben ist. Mehr noch: Über diesen Zeitraum hinweg hat die Überschuldung bei beiden Altersgruppen hinweg sogar eher abgenommen. 2006 waren noch 5% der Jugendlichen zwischen 14- und 17 Jahren überschuldet, 2015 sind es noch 3%. Nicht ganz so deutlich die Abnahme bei den jungen Erwachsenen (2006: 11%, 2015: 8%) (7)
Dass Schulden an sich (sie sind ja ökonomisch gesehen als Forderungen ohnehin „wertneutral“, auf Deutsch: es ist ganz egal, ob sie für die Anschaffung eines Fahrrads oder eines BMWs entstanden sind) (8) auch für junge Leute nichts Ehrenrühriges sind, leuchtet sofort ein.
In einer Welt, in der das Leben auf Pump für Staaten als Ganzes (Stichworte: Schuldenkrise, Rettungsschirme und Eurodauerdruckpolitik der EZB) genauso so selbstverständlich geworden ist wie für die meisten Menschen hierzulande, die mit gepumptem Geld an den Segnungen der Konsumgesellschaft teilhaben wollen, verhalten sich Jugendliche also systemkonform. Der Aufkleber „Alt, aber bezahlt“, der früher noch an so mancher motorisierten Rostbeule klebte, ist längst auf Nimmerwiedersehen zwischen den Schrottpressen verschwunden und der legendäre Geiz-ist-geil-Werbeslogan ging für Saturn ja auch nur dadurch auf, dass die Verbraucher gerade den Geiz auf den Mond schickten und munter Raten für den neuen Flachbildschirm, Notebooks, Digitalkameras, Lufttrockner und -befeuchter, Massageauflagen, -stäbe oder Blutdruckmessgeräte abdrückten.
Wer redet schon gern von Pumpen, wenn da immer schon die Pleite und damit das persönliche Versagen mitschwingt (selbst der DUDEN bringt das Beispiel: am Ende des Monats war er pleite, also pumpte er) Dann also besser Finanzierungslücke und Überbrückungs- oder Wunschkredit. Und für was gibt es schließlich Wir-machen-den-Weg-frei-Dispokredite oder Kreditkarten, mit denen man getreu dem Folgen-Sie-Ihrem-Anspruchsdenken-Motto der Kreditinstitute bis zur eingebauten Schuldennotbremse schnell mal Geld, das man eigentlich nicht hat, einfach ausgeben kann. Und angesichts der besonderen Kundenfreundlichkeit von Kreditkartenunternehmen, die einem, wie z. B. bei einer Amazon-Visakarte, den eingeräumten Kredit mit monatlich 10% abstottern lassen, macht einem auch der bis zum Anschlag ausgenutzte Kreditrahmen eine Weile lang keine Angst.
Viele wissen ja schlicht und einfach nicht, dass dann für den Rest 14,98 Prozent Zinsen anfallen, was Harald Czycholl von der Welt schon 2014 veranlasste, solche Konditionen „fast als Wucher (zu) bezeichnen.“ (9) Wer der Wir sind-für-Sie-da-Bankenwerbung allzu naiv aufsitzt und glaubt, das Geschäftsmodell Verschuldung sei ganz auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten, verkennt schnell die Geschäftsgrundlage, übersieht, was einem blüht, wenn man ohne jedes Bedürfnis Pleite geht. Die Folge: Die Bank an Ihrer Seite wird schnell zur Bank fürs Leben, die einen mit dem Eintreiben ihrer Forderungen um die geplatzten Träume vom guten Leben bringt.
Traurig, aber wahr: Aus dem Hut (einen Sparstrumpf hat ja kaum einer) lassen sich fällige Raten eben nicht zaubern und nicht selten summieren sie sich schnell wegen einer ganzen Reihe von Abzahlungsgeschäften so auf, dass an eine ordentliche Ratenzahlung überhaupt nicht mehr zu denken ist. Dann muss das Geld zunächst einmal woanders herkommen: Miete wird nicht mehr bezahlt, Stromrechnungen bleiben liegen, Mahnungen werden ignoriert und machen das Ganze noch viel schlimmer.
Denn jetzt fallen die über den säumigen Zahler her, die mit der Überschuldung der Betroffenen selbst Kasse machen. Inkassobüros schlagen zum Teil drastische Bearbeitungsgebühren obendrauf, selbst wenn die Beträge, die sie im Auftrag der Gläubiger beitreiben sollen, oft vergleichsweise gering sind. Wer einmal ein Schreiben eines, durchaus auch seriösen Inkasso-Unternehmens in der Hand gehalten hat, weiß wahrscheinlich ganz gut, wie es ist, wenn man sich von diesen Dienstleistern der Gläubiger unter Druck gesetzt fühlt. Dabei ist von den wirklich schwarzen Schafen darunter, den schwarzgekleideten Schuldeneintreibermuskelprotzen des so genannten Russen- oder Moskau Inkassos noch gar keine Rede, die sich für ihr auch vom Branchenverband der Inkasso-Unternehmen gerügtes harsches Auftreten gegen Schuldner schon etliche Anzeigen wegen Nötigung eingehandelt haben.
Trotzdem: Wer heutzutage seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen kann, muss keine Schuldknechtschaft mehr befürchten. Keiner muss sich also heutzutage bei uns wie in der frühen Antike als Sklave bei seinem Gläubiger verdingen, um seine Schulden mit willkürlich vom Gläubiger festgesetzten Verrichtungen abzuarbeiten. Und auch das mittelalterliche Konzept der öffentlichen Schuldhaft ist mittlerweile nur noch touristisch interessant, wenn man z. B. den Schuldturm in der Nürnberger Stadtmauer besichtigt.
Heute kann bei uns niemand mehr nur deshalb ins Gefängnis kommen, weil er Verpflichtungen nicht mehr erfüllen kann, die er vertraglich eingegangen ist (das ist Teil der Europäischen Menschenrechtskonvention und in dem seit 1976 in Kraft getretenen UN-Zivilpakt, den inzwischen 168 Staaten unterzeichnet und ratifiziert haben, verbürgt (10)) Allerdings wird man auf andere Art und Weise bestraft: Man verliert nämlich schneller, als man glaubt, seine Kreditwürdigkeit, bekommt einen negativen Schufa-Eintrag und findet dann kaum noch jemanden, der einem, wenn man es braucht, Kredit gibt. Und am Ende steht oft die Privatinsolvenz, mit der man sich zwar nach Ablauf mehrerer Jahre von den restlichen Schulden befreien kann, wenn bis auf das Mindeste alles, was man einst besessen hat, zur Tilgung herangezogen worden und alles, was man über einer Pfändungsgrenze verdient hat, an die Gläubiger gegangen ist. Die Hürden für einen derartigen finanziellen Neustart sind aber trotz neuerer Erleichterungen immer noch ziemlich hoch und die den Betroffenen auferlegte „Wohlverhaltensphase“, die ihnen gerade noch das Existenzminimum lässt, oft nicht einfach zu überstehen. (11)
Gut, wenn Betroffene noch rechtzeitig den Weg in eine Schuldnerberatung finden, die sich mit solchen Fällen auskennt. (Adressverzeichnis der Schuldnerberatungsstellen (12) Auch im Internet finden Menschen, die in eine schier aussichtlose Verschuldungslage geraten sind, verschiedene Anlaufstellen. So bietet z. B. das Forum Schuldnerberatung (fsb) (13) Informationen und Hilfestellung zu allen Fragen im Zusammenhang mit dem Thema. In spezifischen Diskussionsforen können sich Schuldner untereinander über ihre Erfahrungen und Probleme, auch mit Schuldenberatern, austauschen. Spezielle Foren kümmern sich um die sachliche Klärung von Fragen zu Verschuldung und Überschuldung. Im Forum Life! (14) kommen die persönlichen, sozialen, familiären oder beruflichen Auswirkungen von Überschuldung zur Sprache.
Aber auch für Personen, die sich mit ihren Schulden auseinandersetzen wollen, findet man auf der Webseite des fsb wichtige Hilfestellungen (z. B. Informationen rund um Schulden mit Musterbriefen (15), einem Schuldenlexikon (16) und zahlreiche andere nützliche Dinge rund um die Themen Schulden Überschuldung und Privatinsolvenz.
Die sind doch selber schuld! Man macht halt keine Schulden! Auch wenn das Problem haltologisch vom gesunden Menschenverstand gerne kleingeredet wird, ganz so einfach ist die Sache eben nicht. Meistens kommen eine ganze Reihe weiterer Faktoren dazu, ehe die Schuldenfalle zuschnappt. Das zeigen auch die persönlichen Erfahrungsberichte, die das fsb auf seiner Webseite unter der Rubrik „Der Mensch hinter den Schulden“ (17) veröffentlicht hat. Da ist z. B. die Geschichte von Joyce (2005), einer damals 20-jährigen jungen Frau, die durch Handy-Verträge und Kredite als Auszubildende in die Überschuldung geriet (18) oder auch die Geschichte von Tatjana, die die eigentlich „nie auf großem Fuß“ gelebt hat, und doch in große finanzielle Schwierigkeiten geriet. (19)
Wo immer ich hinkam, war der Flachbildschirm vor mir da“, sagte einmal Paul Zwegat, Deutschlands populärer Fernseh-Schuldenberater im Unterschichtekelfernsehen von RTL („Raus aus den Schulden„) (20) Viel mehr fiel ihm nicht ein, um auszudrücken, woran es seiner Ansicht nach liegt, dass viele junge Leute unter 30 überschuldet sind, außer seiner Beobachtung, „dass die Altersgruppe unter 30 höhere Konsumansprüche hat als die Älteren“ und dann schob er noch hinterher: „Ein Smartphone zu nutzen, bis es wirklich kaputt ist, wäre für viele der Jüngeren ein Unding.“ (21) Natürlich war ihm der Beifall sicher und so wundert es im Nachhinein auch nicht, dass Tobias Füllbeck von der HuffPost ihm beipflichtete. (22)
Aber hallo! Da muss man schon etwas genauer hingucken. „Der Jugendalltag ist“ einfach „kostenpflichtig geworden“, sagen Wissenschaftlerinnen und Fachleute aus Schuldnerberatungsstellen für Jugendliche wie Andrea Braun, Vera Lanzen und Cornelia Schweppe (23). Sie betonen dazu, dass heute „nicht zu konsumieren kaum eine Option“ darstellt (24). Wenn es eine ist, dann für wenige. Was immer junge Leute mit ihren Freunden in der Freizeit machen wollen, kostet heute Geld. Zu ihren fünf häufigsten Freizeitaktivitäten pro Woche zählen mit 34% „in die Disco, zu Partys oder Feten gehen“ (2002:21%). 16% sagen das vom Shoppen und Sich-tolle-Sachen-Kaufen (2002: 15%). Nur zehn Prozent gehen häufiger in der Woche in eine Kneipe (2002: 7%) (25) Verabredungen zu diesen Freizeitaktivitäten und die ganze weitere Kommunikation laufen nun einmal über Smartphones, die heute nahezu alle Jugendlichen ab 14 Jahre besitzen (96% der 14-17-Jährigen!, (26)), und das alles gibt es bekanntlich nicht zum Nulltarif. Und vielleicht sollte Zwegat einmal Radio hören und sich den Werbespot eines Mobilfunkanbieters anhören: Willst du etwa, dass man dich auslacht, weil das Video auf deinem (lahmen) Smartphone immer zuletzt angezeigt wird?
Die Ablösung vom Elternhaus, eine der wichtigsten Entwicklungsaufgaben im Jugendalter, geht heute ohne Geld kaum mehr reibungslos. Für alle, die es in dieser Kürze nicht glauben wollen, auch wissenschaftlicher: „Geld ist ein notwendiges Mittel zur Bewältigung der Jugendphase und zentral für die damit verbundenen Bildungs-, Sozialisations- und Entwicklungsprozesse und Übergänge.“ (27) Also doch, ohne Moos nichts los, klar. Geld war doch schon immer wichtig? Schon, aber offenbar noch nie so sehr. Da sollte man sich nicht die Haben-oder-Sein-Polarität in die Tasche lügen und das romantisch-nostalgische Kokettieren der Älteren mit dem vermeintlichen Armutstopos der anspruchslosen Hippie-Generation und ihrer vermeintlichen Konsumverweigerung hilft da auch nicht weiter. Im Gegenteil.
Daher bringt es auch nichts, wenn man, wie all die Zwegats von Sylt bis Oberammergau es tendenziell tun, die Smartphone-Gewohnheiten der jungen Leute als Folge eines ungezügelten I-shop-therefore-I-am-Wahn zu geißeln. Statt die Jugendlichen zu pathologisieren sollte man lieber die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen unter die Lupe nehmen, auf die solches Verhalten antwortet. Was für die Gesellschaft nämlich allgemein gilt, dass sie sich heute insgesamt vor allem über die Teilhabe am Konsum konstituiert, gilt erst recht für Jugendliche: Für ihre Identitätsentwicklung und die dafür erforderliche Auseinandersetzung mit den Peers ist die Teilhabe am Konsum unerlässlich. Über die Teilhabe am Konsum läuft ihre Einbindung in die Gesellschaft, nur, wenn sie konsumieren können, was ihnen wichtig ist oder ihnen per Werbungsbrainwash vom früheren Kindesalter an suggeriert worden ist, fühlen sie sich als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft. (28) Ein Muster, das eigentlich wohlbekannt ist.
Ohne den Blick auf die Bedeutung des Konsums gerade für Jugendliche zu richten, bleibt jede Kritik am Finanzverhalten junger Leute in oberflächlichen Erklärungsmustern stecken. Schließlich ist nicht jeder, der sich der Statussymbolik von Smartphones usw. nicht entziehen kann, auch ein Konsumidiot. Schlimmer noch: Wer so argumentiert, hat schlicht keine Ahnung davon, wie es den Jugendlichen geht, die aufgrund ihrer sozialen Verhältnisse „aus dem gesellschaftlich definierten leistungs-, wohlstands- und konsumorientierten Lebensentwurf ausgeschlossen“ sind. (29) Stolz, ein Deutscher zu sein und Hass auf alles Fremde, wer sehen will, weiß um solche Folgen.
Wissenschaftlich betrachtet, ist, wie schon eingangs erwähnt, die Verschuldung von Jugendlichen längst nicht so verbreitet, wie gemeinhin angenommen wird. So gaben lediglich 6% der 10- bis 17-Jährigen in einer Untersuchung aus dem Jahr 2005 an, dass sie sich Geld geliehen hätten, das sie nicht gleich wieder zurückzahlen könnten. (30) Im Durchschnitt hatten die Kinder und Jugendlichen 70 Euro Schulden, die meisten aber nicht mehr als 10 Euro (Median). In der Schweiz hat eine 2008 veröffentlichte Untersuchung unter Schülerinnen und Schülern verschiedener Schularten für die Altersgruppe der 18-24-Jährigen ergeben, dass über 3/5 überhaupt keine Schulden (62%) hatten. Bei den 38% der Befragten, die Schulden hatten, gab etwa jeweils ein Viertel an bis ca. 100 Franken, zwischen 100 und 1.000 Franken, zwischen 1.000 und 2.400 Franken und 2.500 Franken und mehr Schulden zu haben. (31)
Interessant auch die Frage, bei wem sich die jungen Leute Geld leihen: Überwiegend von den Eltern. Und: Diese Schulden werden in der Regel binnen weniger Tage zurückgezahlt. Solche Schulden gehören, wie die Schweizer Forscher schreiben „zur ‚normalen‘ Organisation des Alltags von Minderjährigen, mit der viele gut zurechtkommen.“ (32)
Wenn allerdings die Schuldenfalle zuschnappt, woran liegt es dann? Die Antwort ist vergleichsweise einfach wie komplex, lässt sich haltologisch (das liegt halt daran, dass) nicht sinnvoll beantworten. Das Ganze ist Ergebnis einer Entwicklung, die häufig mit sozialen und gesundheitlichen Problemen einhergeht. (33) Schulden sind also „meist mit vielfältigen Problembelastungen und Lebensschwierigkeiten verwoben“. (34) Es ist die „kumulierte Problemlage“ (Christa Schär), die das ganze Schuldenproblem zur Schuldenfalle werden lässt. Und um aus den Schulden herauszukommen müssen Betroffene erst einmal lernen, ein eigenes Leben in Selbstverantwortung führen zu können. Und das ist, wenn, wie bei den meisten überschuldeten Jugendlichen die Unterstützung aus der Familie oder dem sonstigen sozialen Umfeld fehlt, nicht gerade einfach.
Schulden an sich und die Gefahren und Folgen von Überschuldung dürfen nicht kleingeredet werden, aber eben auch nicht unnötigerweise dramatisiert werden. Aber über den Weg streiten, was dagegen getan werden kann, das muss sein:
Häufig werden Jugendliche, wenn das Thema und das Ausmaß ihrer Schulden oder ihrer Überschuldungen in den Medien zur Sprache kommt, gar nicht gefragt, wie es ihrer Ansicht nach zu einer Überschuldung gekommen ist. Stattdessen bilanzieren die, die von der Überschuldung der Jugendlichen und anderer Schuldner leben, die Gründe dafür. Schnell werden solche Jugendliche dann zu verschwendungssüchtigen und jeder Selbstkontrolle unfähigen Konsumabhängigen abgestempelt, die zu ihrer Shoppingwut auch noch keine Ahnung hätten, wie man mit Geld und Gelddingen wie Krediten usw. umgehen muss. Dementsprechend ist für das iff und die Stiftung „Deutschland im Plus“ die finanzielle Bildung der „wichtigste Stellhebel zur Schuldenprävention.“ Sie wollen „möglichst viele Bürger für einen angemessenen und verantwortungsvollen Umgang mit den eigenen Finanzen sensibilisieren, damit diese die richtigen Budgetentscheidungen treffen können.“ Und neben Workshops an Schulen verweist man dabei gerne darauf, dass man auch im App-Zeitalter mithalten kann und eine entsprechende App (Mein Budget) zum Download anbietet (seit 2013 40.000 Downloads). Und die App soll mit dazu beitragen, dass sich ihre Nutzer „nachhaltig mit ihren Finanzen beschäftigen“ (35)
Aber finanzielle Bildung ist eben nur das eine. Viel wichtiger scheint es, „jene Fragen aufzugreifen, die Jugendliche in Bezug auf Geld und Schulden auch wirklich beschäftigen.“ (36) Das sind ihre Wünsche und Vorstellungen vom Glück und dem richtigen Leben unter den Bedingungen der Konsumgesellschaft. (37)

Gert Egle. zuletzt bearbeitet am: 27.02.2016

Anmerkungen:

1 vgl. Name frei erfunden; ansonsten sinngemäße Äußerung einer Frau, deren Fallbeispiel von Braun, Andrea; Vera Lanzen und Cornelia Schweppe (2016): Junge Menschen, Geld, Schulden, in: APuZ 1-2/2016, S. 38f. geschildert wird
2 vgl Braun, Andrea; Vera Lanzen und Cornelia Schweppe (2016): Junge Menschen, Geld, Schulden, in: APuZ 1-2/2016, S. 38f.
3 vgl. Bankenverband: Jugendstudie 2015: Wirtschaftsverständnis, Finanzkultur, Digitalisierung (Langfassung der GfK Marktforschung, Nürnberg, im Auftrag des Bundesverbandes deutscher Banken, https://bankenverband.de/media/files/2015_11_20_BdB_Jugendstudie_2015_Ergebnisbericht_Langfassung-final.pdf, S.57
4 iff-Überschuldungsreport 2015: Überschuldung in Deutschland. Untersuchung mit freundlicher Unterstützung der Stiftung Deutschland im Plus, erstellt von Michael Knobloch unter Mitarbeit von Wilfried Laatz, Udo Reifner, Laura Hebebrand uns Kerim Sebastian Al-Umaray mit einem Beitrag von Harald Ansen, http://www.iff-ueberschuldungsreport.de/media.php?id=5101, S.6
5 ebd.
6 vgl. Streuli, Elisabeth u. a. (2008): Eigenes Geld – Fremdes Geld. Jugendverschuldung in Basel-Stadt, Olten-Basel 2008, S.4 Streuli spricht von mehreren Tausend Schweizer Franken.
7 vgl. Bankenverband: Jugendstudie 2015, S.59/60
8 vgl. iff-Überschuldungsreport 2015, S.6
9 vgl. http://www.welt.de/finanzen/verbraucher/article132807836/Hinter-Amazon-Kreditkarte-lauern-Kostenfallen.html
10 vgl. http://www.auswaertiges-amt.de/cae/servlet/contentblob/360794/publicationFile/3613/IntZivilpakt.pdf
11 vgl. http://www.handelsblatt.com/finanzen/steuern-recht/recht/reform-der-privatinsolvenz-schuldenfrei-im-nullkommanix/10104250.html
12 vgl. http://www.forum-schuldnerberatung.de/adressen/adressen-schuldnerberatungsstellen/
13 http://www.forum-schuldnerberatung.de/
14 http://forum.f-sb.de/forumneu/forumdisplay.php?6-Life
15 http://www.forum-schuldnerberatung.de/arbeitshilfen/musterbriefe/
16 http://www.forum-schuldnerberatung.de/informationen/schuldenlexikon/
17 http://www.forum-schuldnerberatung.de/informationen/meine-geschichte/
18 vgl. http://www.forum-schuldnerbera-tung.de/informationen/newsdetails/?tx_ttnews[tt_news]=1435&cHash=0a4316d9177ac362464782227c7a4917
19 vgl. http://www.forum-schuldnerberatung.de/informationen/newsdetails/?tx_ttnews[tt_news]=1429&cHash=ebe7d8c546ee6d6b5fb45ad41fc0ae12
20 vgl. http://www.huffingtonpost.de/2014/05/23/schulden-jugend-zwegat_n_5370628.html
21 vgl. ebd.
22 vgl. http://www.huffingtonpost.de/2014/05/23/schulden-jugend-zwegat_n_5370628.html
23 Braun/ Lanzen/Schweppe (2016), S.39
24 ebd.
25 vgl. Leven. Ingo und Ulrich Schneekloth, Freizeit und Internet: Zwischen klassischem »Offline« und neuem Sozialraum, in: Shell Deutschland Holding (Hrsg.) (2015): Jugend 2015. Eine pragmatische Generation im Aufbruch, Frankfurt/M.: Fischer, S.113)
26 vgl. Bankenverband: Jugendstudie 2015, S.18
27 Braun/ Lanzen/Schweppe (2016), S.39
28 vgl. ebd.
29 Böhnisch. Lothar (2008), Sozialpädagogik der Lebensalter. Eine Einführung, Weinheim-Basel 2008, S.235, zit. n. Braun u.a. 2016, S.39)
30 vgl. Lange, Elmar und Kari R. Fries (2006): Jugend und Geld 2005. Eine empirische Untersuchung über den Umgang von 10-17-jährigen Kindern und Jugendlichen mit Geld, München-Münster 2006, S.67
31 vgl. Streuli u. a. 2008, zit. n. Braun u.a. 2016, S.37
32 vgl. ebd.
33 vgl. Braun u.a. S.37, vgl. Streuli u.a. 2008, S.5
34 vgl. Braun u.a. S.40
35 vgl. . http://www.iff-ueberschuldungsreport.de/index.php?id=1976&viewid=48888,
36 vgl. Braun u.a. S.41
37 vgl. ebd.

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Über allen Gipfeln ist Ruh hat Goethe gut sagen, mit dem, was er, womöglich über Gott und die Welt sinnierend, mutmaßlich im September 1780, bei einer Wanderung mit einem Bleistift an die Holzwand der Jagdaufseherhütte auf dem Kickelhahn bei Ilmenau geschrieben hat. Und wie er fortfährt in allen Wipfeln/ Spürest du/ Kaum einen Hauch und dabei mit seinen Versen, wie Sigrid Damm sagt, den ganzen Kosmos durchwandert, will bei unserem Thema so gar keine Message rüberbringen.
Wenn man sich dem Gipfel allerdings auf einer anderen Route nähert, wird schnell klar, dass Gipfel, vor allem in der Politik, nichts Gutes versprechen. Wenn der Ruf nach einem Gipfel laut wird, dann ist von Ruhe nämlich weit und breit nichts mehr zu sehen und der Hauch hat sich längst zu einem Sturm entwickelt.
So verhieß auch der Wir-brauchen-einen-Renten-Gipfel-Ruf von Heribert Karch, dem Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Altersversorgung (aba)(1) im letzten Frühjahr grundsätzlich nichts Gutes (die großen und kleinen Rentengipfel zu Beginn dieses Jahrtausends sind Legion). Und wenn sich sogar ein DGB-Bundesvorständler beim Rentengipfel der DGB-Senioren der Region Osnabrück-Emsland von aufgebrachten Rentnerinnen und Rentnern sagen lassen muss, er und seine Gewerkschaft würden nicht genügend für die Rentner und gegen das sinkende Rentenniveau tun (2), dann ist auch im hintersten Zipfel angekommen, wie hart die Auseinandersetzungen um die Verteilung der Lasten des demografischen Wandels künftig geführt werden könnten.
Was Alt und Jung bewegt: Immer größere Altersarmut bei jenen, immer höhere Beiträge zur Rentenversicherung bei diesen. Und natürlich will keiner die Zeche einer verfehlten Rentenpolitik langer Jahre bezahlen. Und: viele können das auch nicht, selbst wenn sie es wollten. Aber über all den Rentengipfeln ist weitere Unruhe in Sicht: Jetzt machen sogar die eigenen Parteijungen (schließt Frauen ein) Front gegen das Rentenreformpaket der Großen Koalition. Während diese sich wegen ihrer milliardenschweren Verbesserungen für die langjährigen Versicherten, ältere Mütter und sogenannte „Erwerbsgeminderte“ (geht’s noch?!) eigenlobt, stellt der angebliche Fortschritt zu mehr Generationengerechtigkeit dem Jungen Wirtschaftsrat der CDU, jungen Leuten bei den Piraten und sogar bei der FDP (ja, die gibt es offenbar auch noch) die Haare zu Berge.
Was sie der Bundesregierung vorwerfen: Anzettelung eines Krieges der Generationen. Ihr Ziel im Generationenkrieg: Die Rente mit 63 stoppen. Der Verband der Jungen Unternehmer hat mit seiner Vorsitzenden Lencke Wischhausen so gar keine Lust, zur Zahlmeisterin des Rentnerstaates degradiert zu werden. Das Rundumsorglos-Paket der Großen Koalition verlange nämlich von der jungen Generation, „härter zu arbeiten und mehr zu bezahlen, um am Ende selbst weniger Rente zu bekommen“. Und am Ende wieder der Ruf: „Wir fordern einen Gipfel für die junge Generation.“ (3) Also wieder nichts mit Goethe.

Routenänderung: Der Generationenkrieg ist grundsätzlich nichts Neues, Scharmützel sind schon immer gang und gäbe, die offene Feldschlacht allerdings wurde meistens gemieden. Und das ist auch gut so.
Bei manchen Naturvölkern, holen wir also mal weiter aus, herrschen, wie man weiß, viel rauere Sitten, was den Umgang mit alten Menschen angeht. Dort, wo man in Gesellschaften, in denen der Mangel alles bestimmt und sich jeder als Jäger und Sammler aktiv am Überlebenskampf aller beteiligen muss, sind Alte und Gebrechliche eine Last, derer sich die anderen, sagen wir’s mal so sachlich-nüchtern wie möglich, entledigen.
Altenmord, nennen das andere, wenn diesen meist nomadisierenden Gesellschaften, die mit ihrem wenigen Hab und Gut und ihren Kindern oft weiterziehen müssen, offenbar nichts anderes übrigleibt, als die Alten zu töten oder dem sicheren Tod auszusetzen. Wie das jeweils geschieht, lehrt einen hier das Grausen, wenngleich angesichts der Foltergeschichte des christlichen Abend- und des muslimischen Morgenlandes, angesichts von Holocaust, Madaja, Islamischem Staat und Guantanamo kein Anlass zur Überheblichkeit gegenüber indigenen Völkern angesagt ist.
Aber auch eine romantisierende Sicht mit Scheuklappen vor Augen (Vorsicht: Hier nur nicht ins Fettnäpfchen treten!), taugt nichts, wenn man einen kurzen Blick auf die Praktiken von manchen Naturvölkern im Umgang mit ihren Alten wirft.
Jared Diamond, ein US-amerikanischer Evolutionsbiologe, hat in seinem Buch Vermächtnis (2012) eine ganze Liste davon zusammengetragen (genau das hat allerdings auch Kritiker aus der Wissenschaft, aber auch von indigenen Völkern auf den Plan gerufen, die meinen, dass diese Gesellschaften zu pauschal als kriegerisch dargestellt würden).
Bei den Hopi in Nordamerika, einigen Inuit-Stämmen in der Arktis und bei einigen Gruppen von Aborigenes in Australien werden die alten Menschen einfach ausgegrenzt, sie erhalten nichts mehr zu essen und verhungern. In der afrikanischen Kalahari, bei den Ache-Indianern in Südamerika und den Kutenai- und Omaha-Indianern in Nordamerika werden die Alten einfach ausgesetzt oder beim Weiterziehen des Stammes zurückgelassen. Es gibt sogar Völker, in denen die Alten mit (wer das wirklich glaubt, wird selig) oder ohne deren Einverständnis erdrosselt oder erstochen werden.
Aber: Nicht alle Naturvölker, die im Mangel leben, springen so mit ihren Alten um. Wenn es nämlich durch Arbeitsteilung gelingt, dass sie sich für die ganze Gemeinschaft nützlich machen können, bleibt ihnen dieses grausige Schicksal erspart. Mitunter profitiert die ganze Gemeinschaft davon, dass die Alten einfach in ihrem Leben so viel gelernt haben und ihr Wissen zum Überleben aller einfach nötig ist. Manchmal sorgen sie auch für die Kinder, wenn die anderen auf der Jagd oder beim Sammeln von Beeren, Früchten und Kräutern sind. Und wer’s als alter Mensch in manchen Naturvölkern besonders weit bringt, der wird am Ende seiner Tage Zauberer oder Schamane und als Hüter und Vermittler seines Wissens bei kultischen Handlungen unersetzlich. (4)
Nun sind die Naturvölker, jedenfalls was das anbetrifft, nicht gerade Vorbilder für uns und taugen auch wenig zum Vergleich mit einer Gesellschaft, in der die meisten eigentlich im Überfluss leben und das ständige Haben-Wollen in einem wahren Konsumrausch gipfelt.

Also wieder Routenänderung: Auch in der griechischen Antike war es um die, die damals zu den Unterschichten zählten, im Alter nicht gut bestellt, denn Rücklagen dafür anzulegen, war ihnen schlicht unmöglich. Was diesen Alten blieb, war die Hoffnung, dass sie von ihren Kindern versorgt wurden. Nun wurde ja im antiken Griechenland zwar kaum jemand nach heutigen Verhältnissen betrachtet, richtig alt (wer’s bis 15 geschafft hatte, konnte aber schon noch 30 Jahre oder sogar länger leben) (5). Vom Methusalem-Komplex (6) jedenfalls konnte in einer Zeit, bei der die Hälfte der Menschen, die überhaupt das Jugendalter erreichten, zwischen 45 und 50 Jahren schon das Zeitliche segneten, damals nicht die Rede sein. Aber nichtsdestotrotz: Dem Nachwuchs musste die Aufgabe auch damals eingebläut werden, dass sie ihre Eltern zu ehren und im Alter für sie und nach ihrem Tod für ihre Bestattung zu sorgen hatten. Wer das nicht tat, dem ging man vor Gericht an den Kragen und entzog ihm unter Umständen seine bürgerlichen und politischen Rechte (würde heute vielleicht viele politikverdrossene Jugendliche kaum aufregen, die ihre Stimme ohnehin lieber bei Smartphone-Votings von DSDS oder dessen Ablegern abgeben als im Wahllokal) und dann war man ehrlos.
Harte Zeiten für Drückeberger, die ihrem Alten zu Hause nicht mal den täglichen Graupenbrei, einen weichen Mantel, einen Pelz und eine Prostituierte (ok, war auch in den Wespen des Aristophanes nur ein Witz) gönnen wollten. Aber die Sache mit der Prostituierten ist vielleicht doch nicht so ganz weltfremd, denn Männer, so sagen sie jedenfalls heute, können schließlich immer und bei der Lebenserwartung damals waren viele von ihnen, auch ohne blaue Pillen, gut das ist natürlich eine reine Vermutung, sicher noch potent genug.
Aber nur kein Mitleid mit den Jungen: Wenn man übertragen kann, was für das Römische Reich errechnet wurde, hatten nahezu zwei Fünftel der 15-Jährigen schon ihren Vater verloren, für den das mit der Prostituierten-Versorgung dann natürlich auch Essig war.
Wer im antiken Athen Kohle besaß, machte mitunter auch den Versuch, sein Eigentum schon früher seinem Sohn zu vererben, um ihn für die eigene Daseinsvorsorge zu verpflichten, aber das konnte natürlich schiefgehen. Da war es schon besser, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, und wenn man gar kinderlos war, musste man, auch wenns mitunter schwerfiel, den Hintern hochkriegen und sich etwas einfallen lassen. Menekles, einer dieser Sorte, zeigte sich dabei besonders pfiffig: Er adoptierte einfach den Bruder seiner zweiten, von ihm geschiedenen Ehefrau, um das Problem zu lösen. (7)

Wer sich den Altersbaum, wie man die Visualisierung der Altersstruktur der Bevölkerung bezeichnet, einmal für die Zeit von 1910 bis 2013 (8) und die Prognosen bis zum Jahr 2060 (9) ansieht, kann verstehen, warum in der Politik über die Zukunft von Alt und Jung mit allen Bandagen gerungen wird. Was sich da in den Wipfeln des Altersbaums zusammenbraut, kann einem jungen Menschen vor allem schon angst und bange machen: Immer mehr ältere und alte Menschen müssen von denen, die künftig noch arbeiten, per Generationenvertrag, im Klartext: mit ihren monatlich zwangsabgeführten Beiträgen unterhalten werden. Kein Wunder, dass etliche Alten beginnen, denen die arbeiten, (Vorsicht ist besser als Nachsicht) nicht mehr so recht zu trauen.

Schließlich geht es heute bei einigen von ihnen nicht mehr um Graupenbrei und die Vor-Ort-Prostituierte, sondern bei so manchem Rentner und Pensionär um Vietnamesische Sommerrollen im Thai Style und um die freie Prostituiertenauswahl in Pattaya, wo man, wie der kleine Heinz, ein ehemaliger Verpackungsingenieur im stolzgeilen Alter von 72 (10) erklärt hat, zu Zeiten des Euro-Höhenflugs „von 800 Euro im Monat leben kann, Alkohol, Frauen und Zigaretten inklusive.“ Und wen’s anmacht, der kann sich in unzähligen YouTube-Videos zeigen lassen, wie man mit wenig oder mehr Rente da unten zwischen Pool und Sandstränden die Puppen tanzen lassen kann. (11)
Aber die Erfolgsgeschichte des Renters Willi, Mitte 70, mit seiner jungen thailändischen Frau , das Ganze ebenfalls auf YouTube zu sehen (12) (der Altersunterschied macht das Ganze allerdings nicht obszön, wie man, wenn einer jetzt an Münte, den Cavaliere, Gerhard Schröder, Günter Öttinger, Helmut Kohl und Helmut Schmidt – ja auch der! – denkt, als Beitrag zur Männergerechtigkeit sagen muss), Willis Erfolgsstory kann als nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch dort unten die Kluft zwischen armen und wohlhabenden deutschen Rentnern weit auseinandergeht. Nur ist das – das wiederum ist wirklich der Gipfel! – bei vielen offenbar immer noch viel mehr ist, als das, was sich in den Puffs und auf dem Straßenstrich von Pattaya von den jungen Frauen verdienen lässt, die ihren Körper an die Rentnerzipfel vermeintlicher Woopies (Well-Off Older Persons) mit ihren mal mehr, mal weniger gut erhaltenen Oldie-Bodies, Faltengesichtern und Hängebäuchen verkaufen müssen. Willi jedenfalls bekommt noch heute lüsternglasige Augen, wenn er von seinen wilden 15 Jahren in Pattaya spricht. Hat er heute nicht mehr nötig, sagt er, blickt auf seine zwei Kopf kleinere Frau und grinst.

Gut für uns, die wir zu Hause bleiben (das macht uns aber nicht wirklich zu besseren Menschen), dass auf YouTube mit seinen inzwischen über eine Milliarde Nutzern, die jeden Tag weltweit  mehrere hundert Millionen Stunden Videos ansehen (13), das Genre Rentner-Nightlife-in-Pattaya und ähnliches wohl kaum von jungen Leuten gesucht und, obwohl, wie alles im Internet, eigentlich nur einen Klick entfernt ist, wohl auch selten gefunden wird. Solange sich keiner ihrer YouTube-Stars wie Y-Titty, Gronkh, Dagi Bee, freshaltefolie, albertoson, Simon Desue und andere von der Nur-Comedy, den Lets-Play-Videos, den SchminkBeautyLifestyle-Tipps und sonstigen simplen Inhalten (14) aus einer Welt voller Jux und Tollerei, einfach aus der Lust vieler, Spaß und nur Spaß zu haben, Geld drucken können, brauchen die Alten sich wenig Sorgen machen, selbst wenn es Rentner-Willi, der kleine Heinz oder die anderen mal in den YouTube-Charts weit nach oben bringen sollten. (LeFloid, alias Florian Mund mit seinen 2,6 Millionen Abonnenten ist mit seinem, teils etwas schrägen, auf Jugendliche zugeschnittenen Nachrichtenmagazin, in dem er auch aktuelle Themen aus Politik, Gesellschaft und Panorama aufgreift, die Ausnahme).
So haben die meisten Jugendlichen in ihren ureigenen YouTube-Reservaten oft nur wenig Ahnung davon, warum ausgerechnet Rentnerinnen und Rentner, die kaum mehr über die Runden kommen, vor Tafelläden (ein Begriff der, wenn man’s nicht besser kennt, auch leicht in die Irre führen kann) anstehen oder was einige selbsternannte Best Ager mit dem machen, was ihnen da monatlich nach Pattaya rüberwächst.
Weiß der Geier, wie schnell die Jungen dann wohl ins Lager der Generationenkrieger überlaufen würden, sieht man mal von der hartgesoffenen Malle-Fraktion ab, die sich den kleinen Heinz oder den Rentner-Willi schon heute zum Vorbild nimmt und halt, wenn’s nicht anders geht, mit einer privaten Riesterrente für den Bumsbomber nach Thailand spart, zumal der Preis für das Flugticket nach Pattaya (die Entfernung zwischen Palma de Mallorca und dem Flughafen U-Tapao in Thailand ist groß und die Flugzeit mit airberlin, Thai- und Bangkok-Airways mit zwei oder mehr Stopps und allem drum und dran schlappe 19 Stunden und 50 Minuten lang) auf den ersten Bordellbesuch draufgeschlagen werden muss.

Die Mehrheit der jungen Leute zwischen 12 und 25 Jahren hat hierzulande jedenfalls nichts oder nicht viel gegen die Alten. Einige wissen vielleicht auch, was in den Wipfeln des Altersbaums, zwischen Tafelladen und Pattaya, los ist. Trotzdem sehen sich die meisten nicht als die Rentenbeitragssklaven von Silversurfern mit iPads, Best Agern und Woopies aller Art.
Und, solange jedenfalls die allgemeinen wirtschaftlichen Aussichten rosig sind und ein jeder und ein jede für sich hofft, sein Päckchen demografischen Wandels mit Eigeninitiative schultern zu können, wollen sich die meisten Jungen nicht in einen Krieg der Generationen hineinziehen lassen, wie die 16. Shell-Jugendstudie (2010, S.169) vor fünf Jahren schon festgestellt hat. (15)
Die jungen Leuten sehen allerding schon, dass der demografische Wandel der ganzen Gesellschaft eine Menge abverlangen wird, aber in der aktuellen Shell-Jugendstudie (2015) halten sogar verglichen mit 2006 nur noch die Hälfte von ihnen, nämlich 13%, es für ein sehr großes Problem, dass es in Zukunft mehr ältere und weniger jüngere Menschen gibt. (16) Aber für blöd verkaufen lassen, wollen sie sich auch nicht, und so erklären auch 2015 weiterhin knapp die Hälfte der befragten Jugendlichen, dass das mit den mehr Alten und den weniger Jungen schon ein großes Problem sei. Aber solange die allgemeine Stimmung im Lot ist und man für sich und das Ganze eine Perspektive sieht, bleibt wohl auch der Anteil der Jüngeren weiter gering (2010:25%; 2006 34%), die verlangen, dass Ältere zugunsten der Jüngeren zurückstecken sollen. Heinz und Willi können also aufatmen.
Überhaupt macht die Einschätzung der Mehrheit der jungen Leute, wonach das Verhältnis zwischen Alt und Jung heutzutage (2015) eher harmonisch (53%) statt angespannt (40%) ist, durchaus Mut, zumal sich viele Befragte, rein entwicklungsmäßig betrachtet, in einer Lebensphase befinden, in denen die Eltern naturgemäß schwieriger werden. Ja, und auch wenn – allerdings das offenbar in konjunkturellen Schwankungen – 32% meinen, dass sich das Verhältnis von Alt und Jung in Zukunft verschlechtern wird, liegen sie hinter dem Dreifünftel, das meint, alles bliebe beim Alten (49%) oder könnte sich sogar noch verbessern (13%), deutlich zurück. (17)

Also noch scheint im Verhältnis der Generationen alles irgendwie im Lot, auch wenn es wohl nicht lange gehen wird, bis der Anteil der Jungen, die noch 2010 geglaubt haben, der Wohlstand zwischen Alt und Jung sei gerecht verteilt (2006: 43%, 2010: 47%) abnehmen wird (18), wenn die Raten für einen BMW zu hoch sind und die Jungen im Rückspiegel ihres Kleinwagens sehen, wie manche Best Ager in ihren Wohnmobilen auf der Reise in den Süden hinter ihnen auf die Überholspur wechseln.

Besser als, wie Kaninchen vor der Schlange, auf das Gefühlsbarometer der Jungen zu schauen wäre es indessen, wenn auch wir Alten, insbesondere als Herbst-Menschen um die 60 herum, denen oft noch viele Jahre beschieden sind, ehe sie zu den Winter-Menschen werden, die pflegebedürftig und vielleicht auch dement ihre restlichen Tage leben, dem folgen würden, was Heribert Prantl einmal den gerontologischen Imperativ genannt hat: Pflege die sehr Alten so, wie Du selbst in zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahren gepflegt werden willst. (19) Und vielleicht verlieren wir dann auch unsere Angst vor dem Altern, vergessen das Gerede von der Alzheimerisierung unseres Landes und der drohenden Rentnerdiktatur und können dann, weil es für uns selbst ja auch nicht mehr so fern erscheint, ein Altern in Würde und sozialer Sicherheit ohne Psychopharmaka und Neuroleptika, ohne Festschnallgurte, kurz ohne Stalingrad im Pflegeheim (Prantl) mitorganisieren helfen.
So nehmen wir auch, wenn die Zeiten mal wieder schlechter werden, von den Jungen den Druck, sich für einen Generationenkrieg zu erwärmen, der in die soziale Kälte und für Alt und Jung gleichermaßen in die soziale Verwüstung (Prantl) führt.

In einer Zeit, in der simple Konzepte zur Lösung politischer Fragen und gesellschaftlicher Probleme Oberwasser zu bekommen drohen, darf man den Gipfel des Menschseins, die soziale und politische, aber auch ganz und gar eigenverantwortliche Anerkennung der Menschenwürde der Winter-Menschen nicht, wie Prantl weiter schreibt, am Lineal von Ökonomie und Leistungsfähigkeit messen. Und auch, wenn das an dieser Stelle nur wiederholt, was an anderer Stelle immer wieder mal zitiert worden ist: Die Betreuung und die Pflege altersverwirrter Menschen ist wesentlich mehr als eine lästige Pflicht, der wir uns zu unterziehen haben. Sie ist der einzige wirksame Schutz vor der Neuauflage der alten Idee vom ‚lebensunwerten Leben‘, zumal in einer Welt zunehmender wechselseitiger Distanziertheit unter dem eisigen Dreigestirn von Geld, Technik und rationalem Eigennutz. (John Bayley in seiner „Elegie für Iris“, die seinen Alltag mit seiner demenzkranken Ehefrau beschreibt). (20)
Wenn wir Herbst-Menschen, denen es gut geht (ganz viele sind indessen davon weit entfernt), uns nützlich machen, bleibt uns das Schicksal der Alten in manchen Naturvölkern (so viel Vergleich darf jetzt einfach mal sein) erspart und auch die Menekles-Strategie zur Sicherung der Altersversorgung muss niemand folgen. Und die Jungen werden, selbst wenn es in der Pubertät mit den Alten hoch hergeht, weiterhin sagen: Die Alten sind ganz ok so – und: Über allen Gipfeln und an allen Zipfeln ist Ruh.
(5.2.2016)

Anmerkungen:
1 http://www.presseportal.de/pm/102567/3016271
2 http://www.noz.de/lokales/osnabrueck/artikel/624240/rentengipfel-der-dgb-senioren-der-region-osnabruck-emsland
3 http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/umstrittene-rentenplaene-grosse-koalition-zettelt-krieg-der-generationen-an/9711084.html
4 vgl. Diamond, Vermächtnis, Frankfurt/M. 2012, S.246ff.
5 vgl. Krause, Ehe und Familie in Griechenland, 2003, S.24ff.
6 http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/alter-der-methusalem-komplex/1912784.html
7 vgl. Krause, Ehe und Familie in Griechenland, 2003, S.83f.
8 http://www.teachsam.de/politik/Arbeitswelt%20BRD/strukturwandel/demografischer%20wandel/demografischer%20wandel_ub_11.htm
9 http://www.teachsam.de/politik/Arbeitswelt%20BRD/strukturwandel/demografischer%20wandel/demografischer%20wandel_ub_8.htm
10 http://www.spiegel.de/spiegel/a-614996.html
11 http://www.youtube.com/watch?v=ae_BaB0HuRU
12 http://www.youtube.com/watch?v=sDQt2N7Qi3g
13 http://www.youtube.com/yt/press/de/statistics.html
14 http://www.heise.de/newsticker/meldung/YouTube-Stars-Viel-Geld-viel-Schleichwerbung-kaum-Inhalt-3056341.html
15 vgl. Jugend 2010, 16. Shelll-Jugenstudie, hrsgg. v. der Deutschen Shell, Frankfurt/M.: Fischer 2010, S.169
16 vgl. Jugend 20015, 17. Shell-Jugendstudie, hrsgg. v. der Deutschen Shell, Frankfurt/M.: Fischer 2001516. Shell-Jugendstudie 2010, S.191
17 vgl. ebd.
18 vgl. 16. Shell-Jugendstudie 2010, S.169
19 vgl. Heribert Prantl, Zeitenwende: Das Altern als Glücksfall für die Gesellschaft, aus: Der Bürger im Staat, H.2/3 2015, S.76-77
20 zit. n. ebd.