Manchmal geht es einfach nicht, ohne die Sache ganz von Anfang zu erzählen: Von zwei stehengebliebenen Mauern rechts und links gesäumt, war das „Plätzle“, wie wir es nannten, gelegen, ideal zum „Köpfeln“, genaugenommen war es natürlich Fußball, ging aber halt da nur mit dem Kopf auf dem Trümmergrundstück (ja so lang ist das her), und wem das nichts sagt, dann vielleicht so: Köpfeln war gewissermaßen eine spezielle Kunstform des Fußball, jedenfalls keine monotone Trainingseinheit für das eigentliche Kicken, eher der Versuch, die legendären Kopfballtore von „uns Uwe“ (wer den auch nicht kennt, dem kann hier nicht geholfen werden) zwischen Mauerresten wiederauferstehen zu lassen. Kleiner Unterschied: Statt ins Eckige, musste das Runde, wenn es geköpfelt worden war, die gegenüberliegende Wand berühren, was die Jungs auf der anderen Seite (Mädchen war wohl dafür ihr Kopf zu schade), längst bevor Raumdeckung erfunden war, durch geschickte Raumaufteilung und durch ein ausgefuchstes Kopfhinhalten zu verhindern suchten. Ende der Weitschweifigkeit, weiter im „Asthma-Stil“(1), für dessen rhetorische Qualität, das soll hier nicht verschwiegen werden, der Lemmermann (2) schon vor einem halben Jahrhundert nicht viel übrighatte. Also in kurz und knapp und auch für Kurzatmige: Eines Morgens treffen wir uns wieder auf dem Plätzle zum Köpfeln. Neuer Plastikball (das Runde, wer es nicht gemerkt hat). Ich darf wählen. Für die anderen Kurt. Fritz zu mir. Hans zu dir. Halgar – Achtung, einmal tief Luft holen!  – (ja, ja solche Namen gab es sogar damals) zu mir. Edgar zu dir. Aufstellung in Raumdeckung. Spielbeginn, Ball hochgeworfen. Hals mit Kopf in Position gebracht. Kopfstoß gegen den Ball. Und den genau in die Lücke – an die Wand!!! (Atempause, jetzt kommt’s!) Genau dorthin, wo seit diesem Morgen das Wort „Fotze“ an der Wand prangte: 1:0! Endstand. Was folgt, geht nur im Großsatz(3), dem weitausgesponnenen Denkzusammenhang. Kaum hatten wir Köpfler das Five-Letter-Word an der Wand entdeckt, das nur einer mit der schmutzigsten Fantasie, die man sich vorstellen konnte, mit einer Scherbe an die Wand geritzt haben konnte, bemerkt und gelesen, sahen wir uns kurz an und nahmen, vorerst jedenfalls und sicherheitshalber, mal Reißaus, Spielabbruch in der 1. Minute, kann sich heute selbst bei Bengalos auf dem Platz keiner mehr vorstellen. Ob wir uns bis auf den Grund unserer Lederhosen schämten – ein Österreicher grinst darüber wahrscheinlich blöd (darüber später) – oder ob wir einfach nur Angst davor hatten, für den Urheber des ziemlich puristisch, aber wie ein Menetekel für kommende Höllenqualen in die Wand geritzten Wortungeheuers gehalten zu werden? Schwamm drüber! Fakt ist aber: Wenn man bei so etwas kein Alibi vorweisen konnte (Mama, ich weiß, nicht mal, wie man sowas schreibt!), musste man damals – kein Märchen, sondern erlebte Geschichte – auch als unschuldiger Lederhosenträger mit mindestens zwei Wochen Hausarrest oder 250 mal (in Worten: zweihundertfünfzig) in Schönschrift verfasstem „Schmutzige-Sachen-schreibt-man-Nicht“ rechnen. Einwurf: Die zur Umerziehung durch Schönschrift verdammten von damals sind übrigens genau die heute Angegrauten und Nachblondierten der Generation 60+, die das Four-Letter-Word in „Who the fuck is Alice“ bei jedem Straßenfest hinausposaunen, sobald der Gitarrist in bester Pete-Townsend-Manier, weitausholend von oben nach unten, die ersten Akkorde des Songs anspielt. Echt abgefahren, um das F-Word, wie die Amis sagen, mit vorgestelltem „Ab“ an dieser Stelle der Geschichte noch nicht weiter zu strapazieren (später, wo es besser passt, werde ich die Reinheit der deutschen Sprache mit diesem unnötigen Anglizismus allerdings beschmutzen.)
Gut, Mitsingen, am liebsten bis zur Atemlosigkeit, ist hierzulande Kult, ob bei ausgesprochenen Mitsingkonzerten („Tellingstedt singt mit Heino“) oder bei Helene Fischer im Duett mit Mesut Özil unterm Brandenburger Tor, bei Dieter Thomas Kuhn, den Wildecker Herzbuben, den Stones und Lady Gaga, in dem Zusammenhang aber mal kurz über den Teich mit einer erweiterten Dass-wenn-dann-auch-wenn-Konstruktion, die jeder versteht (kein Großsatz, sondern nach einem festen Satzmuster aus Schüleraufsätzen): Wenn man sich vorstellt, dass, wenn in den puritanisch-bigotten USA der verantwortliche Moderator, auch wenn ihm das F-Word selbst nicht rausgerutscht wäre, dass wenn dann in seiner Musiksendung die „Who-the-fuck-is-Alice-Version“ des Smokie-Oldies gespielt würde, dass er dann, wenn nicht in Guantanamo, so ganz sicher, wenn es es Alcatraz nicht mehr gibt, wo seinerzeit, sagt Wikipedia, auch andere Gangster wie Al Capone oder Machine Gun Kelly einsaßen, in Sing-Sing, an den Ufern des Hudson River, eingebuchtet würde, wenn nicht noch schlimmer.
Das Fremdschämen in der Lederhose, reduzieren wir das historische Geschehen der Einfachheit halber auf dieses Motiv, hinterlässt jedenfalls Spuren, die nicht so einfach hinter Gefängnismauern oder bei Schönschrift- oder Satzbauübungen zur Periode rausgewaschen werden können. Ist auch keine, denn mich verfolgt es schon das ganze Leben. Da tut schon gut, wenn jemand, der es wissen muss, sagt: „Scham ist keine anerzogene Unart. die man sich abgewöhnen sollte, sondern die Bedingung von Moral schlechterdings.“(4) Dazu noch eine Geschichte aus der Geschichte: Wenn sogar eine der frühen Busenattentäterinnen von 1969, (auch davon sollte eigentlich immer noch erzählt werden) die frühere Studentin A, sich bis ins neue Jahrtausend für ihre Barbusenaktion gegen den armen Theodor Adorno am 22. April 1969 im Hörsaal VI der Frankfurter Universität schämt (5), tut das richtig gut. Schließlich wird dahinter sichtbar, dass auch solche provozierende Schamlosigkeit – wer würde sich heute noch wirklich über die zur Schau gestellten Brüste an so einem Ort aufregen? – bei Studentin A, wie Greiner betont, offenbar von bis heute nachwirkenden Schamgefühlen begleitet ist, wenn sie weiterhin anonym bleiben will und das legendäre Busenattentat nicht in Talkshows versilbert, wie dies die inzwischen leider auch geliftete Uschi Obermaier tut, die seinerzeit, auf anderem Terrain und in anderen Betten agierend, gemeinsam mit ihren Kommunarden in der berühmten „A-Tergo-Fotografie„, schamlos, wie viele empörte Zeitgenossen meinten, ihren knackigen Po und andernorts ihre Brüste – richtig schamlos waren eigentlich nur meine Fantasien!* – präsentierte, um den verbiesterten Zeitgenossen (Alte Kommunardenansage: Wer einmal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.) ihre Prüderie vorzuhalten. Obwohl die Busenattentäterin und die Po- und-Brüste-Kommunardin Kinder der gleichen Zeit waren, gehen sie mit ihrer barbusigen Vergangenheit bis heute völlig anders um. Und Pussy Riot und die anderen Femen in Europa? Respekt, Respekt. Bei ihren Oben-ohne-Aktionen (Fuck Putin in Hannover 2013, echt abgefuckte Sache, hallo!), ihren Bekenntnissen zu Gott (6), , gegen das „Machtmonopol der katholischen Kirche“, gegen den für seine Bunga Bunga-Spiele mit minderjährigen Prostituierten berüchtigten Cavaliere, Silvio Berlusconi, gegen die Pornoindustrie und die Scheichs von Katar (7), für Frauenrechte in islamischen Staaten und gegen den Zwang, dass Prostituierte eines Berliner Großbordells ihren Kunden Oralverkehr ohne Kondom anbieten mussten … Will aber sagen, also lieber wieder oral history, dass einmal gemachte Schamerfahrungen tief sitzen. So wundert es mich auch nicht, dass ich heute noch immer das gleiche Unbehagen empfinde und in meiner, wie ich vermute, Fremdscham versinke, wenn ich, wie vor einiger Zeit, eine Schülerin zu ihrer Busenfreundin sagen höre „Du alte Fotze, komm‘ mal her!“ Und, ein paar Ermahnungen und Einwände weiter – man muss den jungen Leuten ja auch mal gutgemeinte Ratschläge geben dürfen – die Erklärung, und das mal ohne Punkt und Komma: „Fotze Alter ist echt ok Mann wenn sie Schlampe sagen würde dann ey“ Ja, was dann? Dann läuft Schlampe dem Five- Letter-Word (manche schreiben es auch mit „Vogel-V„) die Scham ab und auch für mich, den Alten, gibt es keinen Grund mehr, Reißaus zu nehmen. War eine glatte Fotze, mitten ins Gesicht, würde der Österreicher dazu sagen und obendrauf noch blöd grinsen: Fotzen heißt dort nämlich ohrfeigen.

* Hätte so eigentlich nicht erzählt werden müssen, unterstreicht aber den Geltungsanspruch, Geschichte hier aus erster Hand zu liefern.
Gert Egle, http://www.teachsam.de, 7.1.2016
Anmerkungen:
1) Heinz Lemmermann, Lehrbuch der Rhetorik, 3. Aufl., München: Goldmann 1968, S.92
2) ebd.
3) ebd.
4) Ulrich Greiner, Schamverlust. Vom Wandel der Gefühlskultur, 2. Aufl., Reinbek b. Hamburg: Rowohlt 2014
5) vgl. ebd., S.37
6) Am 25. Dezember 2013 sprang Josephine Witt während einer Weihnachtsmesse im Kölner Dom auf den Altar und rief „Ich bin Gott“ und „Ich glaube an die Gleichheit aller Menschen“, bevor sie von Domschweizern beiseite gezogen und zu Boden gebracht wurde. Auf ihrem entblößten Oberkörper war der Slogan „I am God“ aufgemalt. Nach Angaben der Aktivistin richtete sich die Aktion gegen das „Machtmonopol der katholischen Kirche“. Ein Jahr später wurde Witt vor dem Amtsgericht Köln wegen grober Störung der Religionsausübung zu einer Geldstrafe von 1200 Euro verurteilt, in der Berufungsverhandlung vor dem Landgericht Köln zu 600 Euro (Wikipedia, 7.1.2016)
7) Am 11. Dezember 2013 stürmten zwei halbnackte Aktivistinnen und zwei Aktivisten die Bühne der Live-Fernsehsendung Markus Lanz und demonstrierten gegen die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in Katar im Rahmen der Vorbereitung zur Fußball-WM 2022. (Wikipedia, 7.1.2016)

 

Am 30. Mai ist der Weltuntergang dudelte früher das Radio im Wohnzimmer immer wieder, wenn die ersten wirklich wärmenden Sonnenstrahlen zu Beginn des Wonnemonats Hoffnungen auf mehr machten. Nur noch kurz die Welt retten?  Einfach so dahingerapt – auch nicht besser  als die  winzigen Hoffnungen, die aufkeimten, als die  herbeikatastrophierte  Maya-Apokalypse am 21.12.2012  zerbröselte wie  die Mauern von Jericho,  nur Gott weiß, wie nötig solche gewesen wären, wenn es Ison, der Komet aus der Finsternis, im November  2013  wirklich bis vor unsere Haustür geschafft hätte, eine  Verschnaufpause bloß, soviel ist klar,  bedenkt man allen Ernstes,  was die  die richtigen Wikinger angeblich prophezeit haben, nur Lästermäuler denken hier an Hägar, auch wenn das durchaus seiner mettrunkenen Kampfesfreude hätte entsprungen sein können:  Der Fenriswolf und die Midgardschlange  werden befreit und machen, Hägar hin oder her, Odin und den anderen Göttern in Walhalla den Garaus, und das schon am 22. Februar   des laufenden Jahres 2014.  Nur noch kurz die Welt retten?  Verdammt kurz, Tim Bendzko, verdammt kurz … Da verschafft der Nummer-1-Hit von 1954 Am dreißigsten Mai ist der Weltuntergang, sofern man ihm glauben kann, von heute aus betrachtet, doch noch mehr als nur ein paar Wochen mehr Luft:
Am dreißigsten Mai ist der Weltuntergang
wir leben nicht, wir leben nicht mehr lang.
Doch keiner weiß in welchem Jahr
und das ist wunderbar. 

Wenn man wenigstens wüsste, an welchem Wochentag das Ganze steigen soll, könnte man am Doomsday wenigstens dabei sein.  Denn, wer den globalen Showdown nicht verpassen will, sollte künftig dienstags zu Hause bleiben und Fenster und Türen verriegeln. Dienstags, so hat man gerade in England herausgefunden, ist die Wahrscheinlichkeit nämlich besonders hoch, von einem Auftragskiller ermordet zu werden. Wäre doch schade drum …

Dass Namen sprechen können, hat so manchen Oberstudienrat bei der Aufzählung sprechender Namen aus der Literatur zu Namenskaskaden veranlasst, die, selbst wenn sie den Unterton entrüsteter Belehrung tunlichst vermieden, geradezu wohlgefällig mit wechselndem Tempo vorgetragen wurden, so aus dem entgegengesetzten Ohr der Zuhörer wieder hinausfluteten, wie sie hereingekommen waren: Der Wurm natürlich in, wer weiß es, ja Almuth stimmt, in Schillers Kabale und Liebe, Gottlieb Biedermann in Biedermann und die Brandstifter, habt ihr bestimmt in der Neunten gelesen, nein, dann eben Walter Faber, die Titelfigur in Max Frischs epochemachendem Roman, lesen wir noch, meinetwegen dann halt Gulliver, besser noch der Klöterjahn in Thomas Manns Tristan, wenn ihr wisst, was ich damit meine, natürlich auch der Peter Schlemihl, dieser Schlawiner von Adalbert von Chamisso, geradezu klassisch – Andreas und Clemens, das sollten vielleicht auch Sie wenigstens mal gehört haben – auch Else Schweigestill, die in Thomas Manns Doktor Faustus nie ihren Mund zumacht, sondern immer munter drauflosredet, ja und der einfältige Simplicius im Simplicissimus von Grimmelshausen, ja Frank? Meinetwegen auch Severus Snape in Harry Potter, wie bitte, könntet ihr mal zuhören, Mike hat noch eine Frage … wer? Bart Simpson, nie gehört, Ja okay Lucky Luke, besser noch, lach lach, die Panzerknacker, was meinst du, Daniel? Detlef – ein sprechender Name? Quatsch!
Halt! Stop, kommt drauf an, könnte man einwenden. Detlef ist eben nicht gleich Detlef. Und nicht jeder Name spricht, wenn man ihn ausspricht, das Gleiche. Der Detlef, den ich meine, spricht allerdings eine deutliche Sprache, die Sprache der Homophobie und Diskriminierung von schwulen Männern. Deeetlef mit einem extraweich mit bis knapp an die Unterlippe am unteren Gaumenrand artikulierten langgestreckten D, macht den ansonsten keineswegs ungewöhnlichen Vornamen zu dem, was seine Verwender in ihren „witzigen“ Bemerkungen ausdrücken wollen: Die Verächtlichmachung von Menschen mit „anderer“ sexueller Orientierung. Und so unnatürlich wie Detlef in dieser Form klingt, so „widernatürlich“ lässt sie auch scheinen, wenn Männer etwas von Männern wollen. Da passt natürlich auch ins Bild, wenn bald zweihunderttausend Deutsche sich in einer Online-Petition gegen einen Vorstoß der baden-württembergischen Landesregierung aussprechen, Lehrerinnen und Lehrer per Bildungsplan vorzuschreiben, sich mit dem Thema sexuelle Vielfalt in ihrem Unterricht zu beschäftigen Und natürlich die Katholische Kirche dabei vorneweg. Dabei stünde gerade ihr ein „warmer Bruder“ unter der Papstkrone einmal gut zu Gesicht. Hier könnte man sich ja auch an der Politik ein Beispiel nehmen. Es müsste ja nicht unbedingt ein Papst Detlef I. sein, auch ein Papst Guido I. oder Klaus I. könnten da befreiend wirken oder den Mantel des Schweigens über Homosexualität in der Kirche selbst lüften.

Abends um 18 Uhr im Supermarkt. Eine Rentnerin steht an der Kasse und pfriemelt in aller Gemütsruhe auch noch die letzten Cent-Münzen aus ihrer Geldbörse, um die Rechnung auf Heller und Pfennig genau zu bezahlen. Nicht selten dauert das so seine Zeit, wenn nicht wirklich, dann halt gefühlt. Denn wer hinten ansteht, gerade aus dem Büro kommt, der vollgestopften U-Bahn noch einmal heil entkommen, für den verrinnen solche Minuten, meistens ist es nicht einmal eine ganze, wie Stunden. Und mancher Fluch ist dabei schon rausgerutscht, über die Rentner, alte Frauen vor allem, wegen ihrer Pennigfuchserei.
Aber nicht nur ältere Menschen, die jeden Euro zweimal umdrehen müssen, und deshalb kleine Cent-Münzen stets zum Bezahlen nutzen, sorgen an den Kassen nach Büroschluss für Ärger. Wer eine Kredit- oder Bankkarte zückt, wird oft auch wenig gelitten. Aber: Plastikgeld atmet eben den Duft der Moderne, die Pfennigfuchserei mit dem letzten Cent riecht verdammt nach Altersheim und – Geiz. Um das zu vermeiden, wirft so mancher moderne Zeitgenosse schon mal alles wirkliche Kleingeld, also Münzen unter 10 Cent einfach weg, mit einer Gönnergeste wohlgemerkt, in Sammelbüchsen für das Restgeld, die inzwischen unzählige Supermarktkassen zieren. So wird das, was einem selbst nicht genug wert ist, um es herumzutragen, irgendeinem gemeinnützigen Zweck zugeführt. „Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert“ – diese alte Redensart aus fernen Tagen ist, so gesehen, schon seit einiger Zeit eine Lachnummer.
Dem Eurocent geht es da wohl nicht anders wie dem D-Mark-Pfennig. Zu Hause gesammelt in Blechdosen und leeren 5l-Schnaps-, Wein- oder Champagnerflaschen geben die Münzen am Ende eines Lebens Auskunft über das Ausmaß des Zusammentreffens von Kleingeld und seinen Sammlern. Wenn sie schon sonst nichts wert sind. Und die Erben: Sie überlegen wahrscheinlich nur noch, ob der Metallwert inzwischen weit höher ist als der Wert der Abertausenden von kleinen Kupfermünzen, die langsam aber sicher Grünspan angesetzt haben.
Machen wir uns nichts vor: Es wird soweit kommen, dass Geld wirklich wieder zu dem wird, was es eigentlich schon immer war: Eine Illusion. Eine Illusion, die wir alle glauben, wenn wir jemanden im Austausch gegen eine bestimmte Ware ein paar runde Metallstücke oder ein paar bedruckte Papierfetzen in die Hand drücken. Da lohnt es sich auch nicht wie in alten Western immer wieder gerne gezeigt, auf den Euro wie auf den Golddollar zu beißen, um mit Hilfe der eigenen Zähne den Wert des „buck“ zu testen. Da beißt man sich eher die Zähne aus.
Eine Revolution steht uns mit dem so genannten Mobile Payment ins Haus, die im Übrigen auch dazu führen wird, dass Jung und Alt immer weniger miteinander teilen können. So wird das Ziel der Shared Culture gründlich verfehlt. Denn, wie erklärt man einem Kind die Faszination und den inneren Aufschrei gegen die soziale Ungleichheit in unserer Gesellschaft, wenn man ihm das tägliche Bad vonDagobert Duck in seinem mit Gold gefüllten Geldspeicher vorenthält, weil es gar nicht mehr verstehen kann, worum es dabei geht? Und nicht nur Dagobert bleibt dann auf der Strecke, sondern auch die Panzerknackerbande. Denn wer ein Handy knackt oder sich in einen mobilen Bezahlvorgang einhackt, hat gewöhnlich kein Gesicht. Und die Geschichte vom legendären Postraub in den Sechzigern, bei dem die „Gentlemen“ säckeweise Geldscheine abtransportierten, wird unseren Jüngsten kaum noch zu vermitteln sein. Und jeder Krimi mit den Herren in feinem Zwirn, die mit Kettenschloss gesicherte Lederkoffer voll bedruckten Papiers davonschleppen, wird Erklärungsbedarf haben, von Peter Grafs Vorliebe für Plastiktüten voller Scheine ganz zu schweigen!
Im Übrigen soll es sogar Leute geben, die ihr bares Geld – wer will es ihnen wirklich verdenken – nicht einmal Banken anvertrauen wollen. Und zahlreiche Sparer, die schon als Kinder am Weltspartag mit ihren Sparschweinen zum Schlachttag in die nächstliegende Bank gelockt worden sind, mussten später erleben, dass das, was sie dort oft in barer Münze abgegeben haben, sich in den Händen der Zocker in den Banken buchstäblich in Luft aufgelöst hat. Und so wundert es denn auch nicht, dass der gute alte Sparstrumpf fröhliche Urstände feiert und wieder unter Hi-Tec-Matratzen verschwindet oder wasserdicht im Wasserbett gebunkert wird.
Aber auch bestimmte Zeitgenossen geraten durch die Entwicklung zum Mobile Payment kurzerhand auf die Liste der gefährdeten Arten, auch wenn man für deren Gebaren nicht unbedingt eine Lanze brechen sollte. Der Zuhälter, der Playboy, der A- oder B-Promi, der sich hin und wieder mal gerne mit einem Bündel frisch gedruckter Scheine zeigt, um seine Potenz zu demonstrieren, wird in jedem Fall umdenken müssen. Und das Pokern mit Scheinen in der Mitte des Tisches? Ende. Die Machogeste, der Stripperin einen Fuffi in den Tanga oder BH zu stecken? Aus und vorbei. Vielleicht kann man dann ja ihren eintätowierten QR-Code einscannen, ihr damit ein paar Euro zustecken, und sie erfährt gleich auch noch Name und Adresse des big spenders? Lassen wir das, nicht auszudenken, was, wenn die Anonymität des Bezahlens einmal gänzlich aufgehoben sein wird, in deutschen Musterehen los sein wird!
Ein Mann wie Peter Graf, Vater und zeitweise Manager unserer vergötterten Steffi, Gott hab ihn selig, der auf Tennisturnieren schon einmal ein paar Plastiktüten voller Scheine an der Steuer vorbei schleppte? Undenkbar und für seinen Bruder im Geist bei den Münchner Bayern wahrlich kein Vorbild.
Komme es, wie es wolle. Ein wenig Wehmut bleibt: Ribbling nannten wir Kinder der Fünfziger Jahre das Spiel: Man warf im Wettstreit mit anderen Pfennig-Stücke, vielleicht auch mal ein „Zehnerle“, gegen eine ein paar Schritte entfernte Wand. Wer daran am nächsten landete, gewann in der Spielrunde alles. Was heraussprang, war vielleicht ein „Zwanziger-Eis“.
Wer will, kann dies ja mal mit seinem Smartphone spielen, das mit Mobile Payment-Funktionen, unserer Lebenswelt immer mehr auf die Pelle rücken wird.

Meistens erfolgte kurz vor seiner Ausführung eine handfeste Drohung: „Wenn du zu meinem Bruder noch einmal ‚Blöde Sau‘ sagst, kriegst du einen Hirsch.“ Und war der „große Bruder“ – drei Jahre älter und mindestens eineinhalb Kopf größer musste er schon sein, um als solcher durchzugehen – körperlich auch in der Lage, diese Racheaktion zeitnah, wie man heute sagt, auch durchzuziehen, dann konnte das Ergebnis ein gut und gerne drei bis vier Zentimeter großer Bluterguss an der Außenseite eines der Oberschenkel sein, der einen zehn Tage oder sogar länger an die „blöde Sau“ bzw. ihren Bruder erinnerte. Ein „Hirsch“ nämlich war, kein Mensch weiß genau, was der gehörnte Waldbewohner dafür kann, ein kräftiger Kniestoß, der den Gegner in der Mitte, oder besser noch: ein klein wenig darüber treffen sollte. Nicht nur, dass so ein Hirsch saumäßig wehtat, man knickte auch meistens für eine Weile ein und musste, nicht selten vor Schmerz und Wut heulend, von dannen humpeln. Eines war dabei freilich klar: Der Hirsch des großen Bruders stand in keinem Verhältnis zu dem weitaus geringer einzuschätzenden Beleidigungswert der „blöden Sau“‚, die in einer in alle Richtungen offenen Skala bestenfalls halb soviel wert war, wie die Beschimpfung als „viermotorige Steppensau mit Düsenantrieb“, die wiederum nicht annäherndernd jene Werte erreichte wie die im Brustton klarer Abwertung vorgebrachte Äußerung „Deine Mutter“‚, welche ohne irgendwelche Zusätze, heutzutage schon ganze Bandenkriege ausgelöst hat.
Nun war so ein Hirsch also schmerzhaft und zwang einen meistens dazu, mehr oder weniger humpelnd das Feld zu räumen, aber er in seiner Wirkung blieb er doch weitgehend im Korperlichen haften, in die Seele des Opfers fand er selten hinein. Die psychosozialen Folgen waren nicht so dramatisch, auch das Opfer – vergessen wir nicht, das es mit der blöden Sau ja auch Täter gewesen ist – konnte trotz der wirklich zu beanstandenden Unverhältnismäßigkeit der Mittel mit dem blauen Fleck leben.
Ganz was anderes war es freilich, wenn man für irgendetwas, was dem großen Bruder nicht passte, einen Spitzer bekam. Dann traf einen die pure Verachtung ganz von oben herab. Dabei wurde der Spitzer ja eigentlich ganz von unten ausgeführt. Er war nämlich ein Fußtritt, der so gar nichts mit der Taekwondo-Ästhetik gemeinsam hat. Genaugenommen war er auch nicht nur ein Fußtritt – Fußballer würden die Fußhaltung als eine Art Spannstoß, ohne Ball versteht sich, bezeichnen – wenn man also genau hinsah, war der Spitzer eine Abfolge von mehreren, genau aufeinander abgestimmten Handlungen, an deren Ende der Spitzer ausgeführt wurde. Um es kurz zu machen: Das Opfer wird dabei mit beiden Händen an den Schultern gefasst, gegen seinen Willen um 180 Grad in die „A-tergo-Stellung“ bugsiert, dann so weit von sich weggeschubst, dass die Schuhspitze beim nachfolgenden weit ausholenden Fußtritt genau zwischen den Arschbacken landen konnte. Wer einen solchen Spitzer empfing, war bis in die Knochen blamiert, aber was nach viel schwerer wog, er war ausgeschlossen, zumindest für eine gewisse Zeitlang geächtet, litt aber meist viel länger unter der Demütigung, die der Spitzer einem bereitete. Auf solche Wirkung scheint auch der Namensvetter des besagten Spitzers aus zu sein. Damit ist nun keineswegs jenes kleine so nützliche und in unzähligen Formen die Schreibtische und Schulmäppchen zierende Utensil gemeint, in das man einen Stift hineinsteckt, dreht und so wieder spitz macht. Nein, hier ist die Rede vom Spitzer in Person, Manfred mit Vornamen und einem Professorentitel davor, der mit seinen auf populistische Zustimmung heischenden, fast marktschreierischen, nichtsdestotrotz oder gerade deshalb so erfolgreichen Ausführungen zur digitalen Demenz seinem Namen alle Ehre bereitet. Und die Masse seiner Leser sieht mit Vergnügen zu, wie er all denen, die sich darum bemühen, Kinder und Jugendliche auf ihrem oft nicht einfachen Weg zu einer kompetenten und selbstachtsamen Teilhabe am Leben in der Medien- und Informationsgesellschaft zu begleiten, seine Spitzer versetzt. Vielleicht ist es auch nur die Schadenfreude darüber, gepaart mit dem Wunsch nach einfachen Konzepten in einer hochkomplexen Welt wie heute, dass den medienpädagogischen Fachleuten oft auch nichts anderes einfällt, als den Eltern immer wieder gebetsmühlenhaft ins Gewissen zu reden: Kümmert euch um eure Kinder! Ob man es im Kreise von Medienpädagogen hören mag oder nicht: Den erhobenen Zeigefinger, der sich aller guter Absichten zum Trotz darin zeigt, wollen Eltern nicht sehen, die sich tagtäglich in zum Teil ganz schwierigen Verhältnissen in und außerhalb des Mediendschungels behaupten müssen, ihr tägliches doing family auf die Reihe bekommen möchten. Und trotzdem: Man wird das Gefühl einfach nicht los, dass es einfach ungerecht ist, wenn besorgte Väter und Mütter ihren Spitzer zücken, um auf Elternabenden dem Lehrer, für den Medieneinsatz aus guten Gründen unerlässlich ist, einmal ordentlich heimzuleuchten. Und dann beschleicht einen schon einmal der Wunsch, den Spitzer einfach umzudrehen, gegen den Namensvetter wohlgemerkt.

Einem macdonalisierten Zeitgenossen mag der Begriff Schnitzeljagd vorkommen wie eine leicht missglückte Übersetzung für das Gedränge um den Big Mac oder, bei anderen Fastfood-Vorlieben, um den Doppel-Whopper (engl. Double Whopper) in den einschlägigen Kettenrestaurants um die Mittagszeit. Doch während man, um zu diesen Zielen zu kommen, lediglich seiner Nase folgen muss und den Geruch von Frittierfett einsaugen muss (manche folgen auch der Beschilderung, die 25 km vor der Ortsgrenze schon auf die schon bald von Südwesten oder Nordosten auf einen zuwabernde Pommes Frites-Wolke aufmerksam machen, die dann wie z. B. in Freiburg, fast direkt aus dem mittelalterlichen Martinstor, in den Himmel steigt), kommt, wer an einer echten Schnitzeljagd teilnimmt, nicht umhin seinen Blick auf den Boden zu richten, um Pfeile, aus morschem Holz zu kunstvollen Objekten gefügt, zu entdecken, die zu einem unbekannten Ziel hinführen sollen.

Wer bin ich eigentlich und warum eigentlich genau der, von dem die andern sagen, dass ich der bin oder sogar gerade so einer, der mir aus dem Spiegel direkt ins Gesicht schaut, und das sogar noch dann, wenn ich mich gar nicht sehen will oder gar für einen ganz anderen, meistens deutlich besser Aussehenden, halte? Wenn es stimmt, was George Herbert Mead meinte, als er sagte, man könne sich nur mit den Augen des anderen sehen, das Me, wie er den Teil des Ichs nennt, der mein soziales Selbst darstellt, eben nur die Verinnerlichung dessen ist, was die anderen von mir erwarten, dann ist die ewige Selbstbespiegelung ohnehin ebenso nutzlos wie überflüssig. Und auch Louis XIV. müsste wohl ein Einsehen haben und die Wandverkleidung seines Spiegelsaales durch eine schlichte Raufasertapete ersetzen, um sich nicht die Aussicht auf die zahlreichen Pupillen zu nehmen, mit denen unzählige Verehrerinnen (ganz Genaues weiß man ja nicht) und die Meute hundsföttischer Höflinge seine, von Rigaud andernorts immer wieder auf Leinwand gespannte, absolutistische Männerherrlichkeit widerspiegelten.
Nun ist natürlich so eine Pupille, selbst wenn man gewöhnlich zwei vor sich hat, eine bisschen klein und spiegelt auch nicht sonderlich gut (ein Zahnarztspiegel etwa von gleicher Größe bringt da weit mehr ans Tageslicht!), und, ob man sein „Me“ darin findet, ist mehr als zweifelhaft, aber auch der Weg in den Kopf der anderen und damit eine authentische Auskunft darüber, was sie über uns denken, ist uns, wie fast jeder, von Ehepaaren nach der Silbernen Hochzeit einmal abgesehen, weiß, prinzipiell verwehrt. Dann also doch: Her mit der immer wieder fröhliche Urstände feiernden, Verwendung der altbekannten Descartes-Formel für Spiegellose: Cogito ergo sum oder eben: ich denke, also bin ich. So denke ich also, dass die junge Türkin, die vor ein paar Monaten in einer Talkshow von Maybrit Ilnner gefragt wurde, ob denn ein Bundespräsident wie Joachim Gauck für junge Leute nicht eben doch ein wenig zu alt sei, antwortete: „Mmh, schon, wir jungen Leute sind heute doch alle bei Facebook.“ Da blitzte sie also auf, die Antwort auf die Frage, wer bin ich eigentlich und woran sieht man das: Ich bin bei Facebook, also bin ich und mein Me ist das in Facebook in Postform (nein, nicht die gute alte Post), sondern in Postings kristallisierte Me, das einem online, je nach Privacy-Einstellung, den Spiegel so vorhält, wie es einem gerade passt, selbst wenn die Grundbotschaft immer die gleiche ist: Ich Facebook, also bin ich.