Archive für Kategorie: Selbstbild

Wer hinriechen wollte, hätte es längst wissen müssen. Aber viele tragen ihre Nase einfach schon immer so hoch, dass sich in deren Flügeln die überall herumwabernden Duftwolken von Deos und Intimsprays nicht verfangen. Deos und Intimsprays stehen möglichweise bald vor dem Aus: Der Schweiß macht’s.

Dabei steigen Gerüche, wie man ja, man muss es mal offen sagen, vom <em>Furzen</em> weiß, von besonderen thermischen Bedingungen mal abgesehen, leider auch immer nach oben, wenn der Pups, wie das Gemisch aus Methan und allerlei anderen Gär– und Faulgasen manchmal verniedlichend genannt wird, nicht beim rektalen Entweichen, z. B. im Schlaf, von einem Dickicht hohlkieliger Gänsefedern am Aufstieg gehindert wird.

Nicht immer mit Erfolg, wie jeder weiß,  der sich beim Abendessen bosnische Ćevapčići oder bulgarische Kebaptscheta, eine provenzalische Aigo Boulido, koreanisches Kimchi oder arabisches Zitronen-Knoblauch-Huhn mit Kartoffeln und Zwiebeln hat servieren lassen, aber wegen weniger Minusgrade draußen, ausnahmsweise versteht sich, das Schlafzimmerfenster nicht geöffnet hat.

Vielleicht sollte man solchen Stinkern (Frauen weigern sich ja bis heute vehement dazugezählt zu werden) einmal sagen, wie man seine Flatulenz besser kontrollieren kann und dass der Aus – und Aufstieg des Flatus mit Plumeau oder Daunendecke bei richtiger Handhabung wirksam verhindert werden kann.

Dazu muss man wissen, Fort-  und Weiterbildung kann ja nicht schaden – dass sich so ein Gänsefederdickicht von Natur aus geradezu ideal dafür eignet, „sowohl warme Luft an der Hautoberfläche einzuschließen, als auch die Durchdringung der kalten Luft von außen optimal zu verlangsamen.

Überflüssig darauf hinzuweisen, dass nicht jeder Furz den rektalen Weg nimmt, was schon Georg Kreisler zur olfaktorischen Markierung aller Schwätzer in den Parlamenten genutzt hat, als er in einem gleichnamigen Lied (ich glaube,  Song kann man dazu nicht sagen) die Zeilen dichtete:
„Dann sagt ein Redner: „Hohes Haus
Dieser Furz muss raus!“
Und das sind die richtigen Worte
Die kriegen viel Applaus!“
Und natürlich gibt es auch den kleinen Furzer, der sich aufführt, als sei er der Herr der Winde.

Gutsein, hier soll ja nicht dem Furz nach dem Geruch geredet werden und die weltweite Furzliteratur um eine neualte Glosse über den guten alten Leibeswind weiter aufgebläht werden. Der Furz als solcher kann auch nicht ästhetisiert werden, indem man ihn quasi in Abwesenheit (?) und mangels synästhetischer Präsentation zu einem abstrakten Thema und zum Gegenstand einer symbolischen Aneignung macht.
Soviel muss aber noch sein, ein paar Titel bei Amazon gegoogelt (keine Sorge, ich bin weder an den Büchern, noch den Werbeeinahmen einen Furz beteiligt!), zeigen, woher der Wind weht: Fürze, Der ultimative Blähführer: Buch mit Soundkonsole; Wer hat hier gefurzt?  Malbuch für Erwachsene; Far(h)t-(en)buch Fartbook Furzbuch: Das „Fahrtenbuch“ der Fürze; Furzbuch: Das kleine Mädchen, das nicht aufhören konnte zu pupsen (Kostenloses Furz Mädchen Malbuch enthalten) oder Zwei Diskurse über den Furz: Gelehrte Betrachtungen über ein anrüchiges Thema.

Wer glaubt, der Furz und die Art und Weise, wie er rektal abgesetzt wird, eigne sich besonders gut zur sozialen Distinktion, im Klartext: Man könne beim Furzen erkennen, ob der– oder (gewagt, gewagt! – s.o.) diejenige eher ein kleiner Furzer oder eine niedlich kleine Pupserin ist oder ganz oben Wind macht, dem sei gesagt, dass der Flatus groß und klein gleichmacht wie sonst nur der Tod.
Und privat ist die Darmflöte schon längst nicht mehr. Wer will, kann sich sogar mit Obamas Furz (Buchtitel) befassen, oder, da der Furz ja ein multimediales Ereignis ist, sich bei YouTube nach der Eingabe Furz mindestens 95.000 (in Worten: fündundneunzigtausend) Furzvideos ansehen, die in der Welt sozialer Netzwerke, (noch) ohne Geruchsübertragung, zum guten Ton gehören. Ein ganz eigene Welt der Fart-Community im Netz, deren Kernforderung Die eigene Dutfnote gehört ins Facebook-Profil! über kurz oder furz von Marc Zuckerberg sicher erhört werden wird, sobald der Meteorismus, wie der Abgang von Darmgasen, um es mal politisch und moralisch korrekt auszudrücken, weitere Milliarden von Dollar, Euro und Renmibi in seine Kassen hineinrubelt.
Wer will, findet also hinreichend Literatur und Anschauungsmaterial. Wem aber die ganze Furzerei zuviel ist (meine Tante in den USA bekommt, wenn sie das Wort fart hört, regelmäßig einen nicht ganz ungefährlichen Fremdschämlachkrampf und muss nun nach einem Zwerchfellanriss einen Flatus-interruptus-Kurs besuchen), und sich dem Furz lieber in „ästhetischer Distanzierung“ (Pierre Bourdieu) nähert, findet auch sicher etwas über den Furz an sich, den das Vulgäre des Miefs nicht mehr umweht.

Gegenwind: Die herumwabernden Gerüche – in der Pariser Metro meist ein süß-säuerliches Gemisch aus billigem Rasierwasser, teuren Parfüms und eher mittelmäßigen Intimsprays und am anderen Ende der Welt, in den An- und Abflughallen des Internationalen Flughafens von Incheon offenbar massenhaft rektal entsorgte Blähungen der Fluggäste aus aller Welt, die auf den hartstieligen koreanischen Knoblauch zurückgeführt werden müssen – haben als Gerüche gemeinsam, dass sie nicht einfach unmittelbar dramatisiert, in Heimvideos inszeniert und dann über Facebook und Instagram geshared werden können.
Auch wenn es auf den ersten Blick nicht gut aussieht: Die Rettung naht, wie bei allen Problemen dieser Welt, mit einer App. Nein, noch ist sie nicht da, die ultimative Furz-App und die ganze Entwicklung steht noch am Anfang, aber der ist gemacht. Eigentlich ist man erst einem Bruder des Furzes appmäßig auf die Pelle gerückt, dem Schweiß nämlich, der ja, wie man weiß, selbst gar nichts dafür kann, dass er als Stinker verschrien ist, denn erst die bei seinem Abbau entstehende Buttersäure bringt ihn regelmäßig in Verruf. Kulturell bedingt, sind die offenen Anhänger der natürlichen Aura von Schweiß und Furz nur die Männer, und auch bei denen ist dies nur die radikale Minderheit der Netzhemdfetischisten, die einem an heißen Sommertagen zwischen Baumarktregalen und Bierfestsitzgarnituren begegnen.

Die Deutsche Presseagentur hat gerade rechtzeitig, ehe die Netzhemden wieder aus dem Schrank geholt werden, die Erfindung – ich finde, sie hätte den Daniel-Düsentrieb-Preis verdient – in Deutschland verbreitet. Es gibt jetzt ein Schweißarmband, von dem eine, die das Ding im Selbstversuch ausprobiert hat, sagt, es sei ein fantastisches Tool, um den eigenen Körper kennenzulernen.
Das Schweißarmband (demnächst vielleicht auch mit 14-Karat beim Juwelier zu haben) hat einen Sensor, der die chemische Zusammensetzung des Köperschweißes, man glaubt es kaum, in Echtzeit!, messen kann. Schwuppdiwupp, besser gesagt: über Bluetooth aufs Smartphone an die transpiration app (?) – Vorsicht NSA und Krankenkasse lesen mit! – und schon hat man Datensätze generiert, die einem, ohne weitere Doktorspiele am eigenen Körper, sagen, ob man kommt oder geht, kurz: was mit einem los ist.

Muss man sich echt mal überlegen, was die von Ali Javey von der renommierten University of California in Berkeley erstmal nur für die Anwendung des Schweißbändels im Sport gemachte Aussage bedeutet: „Menschlicher Schweiß enthält physiologisch reichhaltige Informationen, was ihn zu einer attraktiven Körperflüssigkeit für nicht invasive, tragbare Sensoren macht.
Klingt vielleicht für alle, die nicht jede freie Minute auf dem Laufband verbringen und ohnehin alle ihre Aktivitäten mit einem der unzähligen Fitnesstracker aufzeichnen, um ein besseres Gefühl für ihren Körper entwickeln zu können, ein bisschen schräg. Aber, wenn man das mal weiterdenkt, dann ist das rechtzeitige Erkennen des Anteils der Natriumionen im Schweiß (die für sich allein genommen ja über jeden Gestank erhaben sind),  bevor man völlig dehydriert, also innerlich austrocknet, auch bei vielen Aktivitäten eines stinkebumsnormalen Bundesbürgers, der sich einen Bewegungsmelder bisher nur an der eigenen Haustüre vorstellen kann, eine Echtzeithilfe.
Ob beim Heckeschneiden oder Fensterputzen oder bei sexuellen Vergnügungen, die sich bei vielen mit aufsteigendem Alter immer häufiger unter der Decke abspielen, wo es, wir ja schon wissen, im Dickicht hohlkieliger Gänsefedern schnell unangenehm heiß werden kann, ist auch die dem Schweiß per Sensor abgeluchste Information in ein nicht allzu abtörnendes Warnsignal gebettet (ein passender Klingelton kann downgeloadet werden!) für beide Akteure eine echte Lebenshilfe. Und, Frauen jetzt mal alle hergehört, auch die Gefahr einer plötzlichen Ermüdung des Partners wird euch so rechtzeitig signalisiert, dass man darauf mit kleinen, aber wirksamen taktischen Änderungen und Spielereien reagieren kann.
Aber auch für Politiker wäre so ein Überhitzungsschutz zu empfehlen, dass sie nicht bei jedem Furz (s. Kreisler), der im Parlament Wind machen will, überdrehen.
Wahrscheinlich lässt sich in absehbarer Zeit in dem Hohen Hause aber kein Gesetz durchbringen, das im Gefolge der neuen Erkenntnisse aus Berkeley, Deos und Intimsprays aus Metros und öffentlichen Hallen verbannt. Aber die Zeit arbeitet sicher für die App und alle, die schon immer an die natürliche Aura geglaubt haben, die von Schweiß und – Furz ausgeht.

Das mit der Schweißanalyse-App eingeläutete Rollback für andere Naturdüfte ist dazu noch ökologisch und sozial im Trend.
Denkt man also weiter, und spinnt den Faden am Flatus weiter, was könnte eine App, die dessen chemische Zusammensetzung und Lautstärke misst, nicht alles dazu beitragen, um den eigenen Körper wieder neu kennenzulernen. Ins Facebook-Profil könnte automatisch in der Timeline aufgelistet werden, was man vor einer Weile gegessen und getrunken hat und Marc Zuckerberg könnte einem dann die passende Chop Suey-Tagesgericht-Werbung vom Chinesen um die Ecke aufs Smartphone schicken.
Und ökologisch wäre so eine App der Hammer. Endlich könnte man in Echtzeit wesentliche Daten des eigenen ökologischen Fußabdrucks durch die Vermessung und Analyse der selbstgemachten Flatulenz erkennen. Der eigene Methan-Ausstoß könnte dazu mit einer Art Umweltplakette markiert werden, und die App könnte in Verbindung mit Mobile Payment den käuflichen Erwerb von Knoblauch und Co. nach mehrfachen Überschreitens eines Grenzwertes einfach sperren. Und … schon weht es mich mit meinen Zukunftsfantasien noch weiter fort, auch beim Essen beim Griechen, Türken, Chinesen oder in Maredos Steakhouse müsste nicht nur auf der Speisekarte stehen, woher der Fleischklops auf dem Teller stammt, sondern auch wieviel Methan früher die Lebendware erzeugt hat und wieviel nach dessen Verdauung dazukommt, um sich nicht ungewollt in eine Methanfalle zu futtern.

Am Ende aber bleibt auch der Zweifel. Vielleicht ist der ganze Wind um Schweiß und Furz 2.0 eben doch nichts anderes als eine – Furzidee.

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Es ist immer das Gleiche, kaum hat jemand Erfolg, schon wetzen allerorten Neider die Messer. Da geht es auch Richard David Precht nicht anders. Da klingt „rücksichtslose Ranschmeiße“ (Jens Chrisitian Rabe in der SZ v. 13.06.2008) schon sehr nach Sozialneid und das „Als Tiger gesprungen, als Bettvorleger gelandet“ einer Rezensentin namens anne60 auf buecher.de, zumindest was das Niveau des von Precht selbst kokett heruntergeredeten philosophischen Jugendbuchs für Erwachsene angeht, kaum weniger vernichtend. Die Marke Precht (es wird wohl nicht mehr lange dauern, dann wird sie wohl wie der Namenszug von Tommy Hilfiger oder David Beckhams neben Unterhosen auch Flip-Flops zieren, die irgendwo in Bangladesh mit Kinderarbeit produziert werden) ist auf dem Vormarsch und zwar auf allen Kanälen. Allein sein Beststeller Wer bin – und wenn ja wie viele?  schaffte  mit weit über 1 Million verkaufter Exemplare, in 32 Sprachen, wovon Aristoteles, Kant, Descartes und Adorno nur geträumt hätten. In den Bestsellern des Jahrzehnts schaffte diese philosophische Reise sogar Platz 3, wahrscheinlich (aber ich weiß es nicht) hinter den Kochbüchern von Tim Mälzer und den Feuchtgebieten. Im Philosophischen Quartett des ZDF konnte man Precht schon bewundern, wahrscheinlich auch bei Maybrit Illner und in diversen Kochshows (das Dschungelcamp ist selbst Precht zu unterirdisch), und wahrscheinlich erhält er bald eine eigene Show (Charlotte Roche darf schließlich auch ran). Dass sich dazu die Leserschar (die Kunden selbst sind schließlich heute die Marke) auf einer Facebook-Seite des Buches (687 gefällt das, 24.3.2012)  selbst bei Kauflaune hält, nun gut. Die Dekalogie von Precht-Videos auf YouTube aber ist da schon ein anderes Kaliber. Ihr Marketingkonzept fast schon herkömmlichen Stils zielt mitten ins Herz Videoclip-begeisterter User. Und das mit öffentlich-rechtlicher Unterstützung. Bei wdr-Planet Schule gibt es im Internet unter dem Titel Ich denke, also bin ich diese Videos auch frei Haus, dazu allerlei Hintergrundinformationen und natürlich pdf-topgestylte Unterrichtsmaterialien (Philosophische Gedanken mit Richard David Precht) über Freiheit, Verantwortung, Das Gute, Krieg, Glück, Eigentum, Leistung und Angst mit konkretem Lehrplanbezug in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz  und dem Saarland. Da strahlt dann, wie könnte es anders sein, ein Konterfei Prechts  von einem Arbeitsblatt herunter, wenn die Schüler z. B. aufgefordert werden, zum Thema Angst kreativ zu arbeiten und ihre Gefühle, wenn ihnen dabei nicht zum Kotzen zumute wird, auszudrücken. Die Themen Glück, Eigentum, Leistung und Angst hätten aber, so viel Kritik muss an dieser Stelle auch inhaltlich sein, auch auf einer philosophischen Reise das Leben etwas besser treffen können. Dazu hätte Precht sich nur, sagen wir mal, der Jugendfreiheit wegen, an der eigenen Nase packen müssen, als er ausgerechnet im Playboy-Interwiew antwortete: natürlich interessiere ich mich für Frauen, wie jeder andere gesunde Mann auch. Und an gleichem Ort an anderer Stelle: Die Frauen kommen und gehen, aber die besten Kumpel bleiben. Recht hat er, aber die Tür zu der alle beschäftigen Frage, wie viele Männer bzw. Frauen dürfen oder sollen Adam und Eva gehabt haben, hält er geschlossen. Da beschäftigt er sich lieber mit der Verurteilung des modernen Walfanges und damit, dass es uns Menschen auch nicht gefallen würde, in der Fischdose zu landen oder in Käfigen wie die Tiere gehalten zu werden. Dabei hätte Precht, dem omnipräsenten Oswald Kolle in schlichten philosophisch angehauchten Lebensangelegenheiten, ein Blick ins Internet die Augen öffnen können. Bin 24 und hatte 17 verschiedene Männer, bekennt da alias123456878 und rote paprika (28) setzt da mit ca.30 mir fallen die Namen nicht immer ein noch im Forum von urbia.de eines drauf. Und die Eltern.de – Community lässt sogar mal  über die Frage abstimmen (ein Foto des Babys, das dabei herausgekommen ist, sorgt dabei bisweilen für zusätzliche Authentizität): Der wievielte Sexpartner durfte Papa werden? Freimütig, aber etwas old-fashioned daherkommende Statements wie das von mausezahn82: Mein Schatzi ist und bleibt der einzige und da bin ich auch stolz drauf sind da wohl heute eher selten. Männer wollen immer die ersten sein, vollzieht aineshaw auf go feminin.de in einem Forumsbeitrag zur „bekannten Frage: Mit wie vielen Männern hast du schon geschlafen?“ den nötigen Perspektivenwechsel. Auch die Elitepartner-Vermittlung für Akademiker & Singles mit Niveau stellt die Frage (auf einem ganz anderen, wohlelaborierten Niveau): „Ab wann kann man von Promiskuität sprechen?„, die „Frederika“ hochakademisch mit erstens, zweitens, drittens und diversen Spiegelstrichen darunter zu beantworten weiß: mehr als ein Sexualpartner pro Zyklus ist auf jeden Fall promisk, heißt es da, mehr als sechs Partner pro Jahr ebenso und wer mit 20 schon mehr als 5 Partner gehabt hat, mit 30 mehr als 10, mit 40 mehr als 20 Partner .. mir wird schwindelig. Und doch, auch wenn es die falsche geschlechtliche Richtung ist, aus der es tönt (ich habe, der Einfachheit und Verständlichkeit halber, das Geschlecht einfach geändert): Als 20ster Partner würde ich mich schäbig, austauschbar und verglichen fühlen … Ich will nicht nur Körper sein, sondern Person. Vielleicht wäre das Problem, das alle Männer (was können wir denn schon dafür) bis ans Lebensende umtreibt. auch einmal etwas für Daniel Precht. Kaum auszumalen, wie viele Bücher darüber noch (einmal) zu schreiben wären, wie viele Interviews zu geben, wie viele Arbeitsblätter für einen Gender-sensitiven Unterricht sich da noch produzieren ließen, eine wahre Gelddruckmaschine die Frage: Bin ich wirklich viele – und wenn ja der wievielte?

Trotz allem: In der Kindheit waren wir, trotz Schrägles Ballonreifen-Roller, der uns sozial deklassierte, erstaunlich gleich. In einem Stadtviertel, das von Arbeitern und kleineren Angestellten geprägt war, kümmert es zunächst wenig, ob der eine vom Wenigen mehr hat als der andere. Die Stadtteilgrenzen wirkten dagegen noch wie hohe soziale Mauern. Und über den Stühlinger ging es bestenfalls innerlich fröstelnd und mit dem Gefühl, sich verlaufen zu können, kaum hinaus. Markierte doch die „Fensterle-Brücke“ in die eine Richtung fast die Grenze zur Unterwelt, die man nur erreichte, wenn man sich durch das Labyrinth der Schrebergärten wagte, das, so fürchtete meine Mutter, von so genannten „Bonbon-Onkels“ belagert war. „Bonbon-Onkels“ nannte man die sonst als  „Schmutzfinken“ titulierten Männer, meist fortgeschrittenen Alters, die kleine Jungs mit einem Bonbon hinter den Geräteschuppen lockten, um sie zu missbrauchen. Das elterliche Präventionskonzept vor pädophilen Übergriffen war knapp und klar: Keine Bonbons von fremden Leuten! Komisch nur, dass solche „Bonbon-Onkels“ nur dort ihr Unwesen treiben konnten, wo so ein dicker, fetter Mocken oder ein in Knisterpapier gehülltes Bonbon, Gutsele, wie wir sagten, halt doch nicht zu den täglichen Verköstigungen gehörten, die den Alltag eines Kindes versüßen. Dass wir „Gutsele“ dafür auch noch für andere Sachen sagten, die irgendwie Süßes versprachen, von dem wir indessen weder wussten, wie es schmeckt noch wie es eingepackt war, scheint aus heutiger Sicht betrachtet, die Folge dieses Mangels. Bei „Doktorspielen“ im Park und dunklen Treppenaufgängen kam es nämlich schon einmal vor, dass ein Mädchen, ebenfalls im Kindergartenalter, aufgefordert wurde, uns Jungs ihr „Gutsele“ zu zeigen. In Littenweiler oder in Herdern gar, dort, wo die „Großkopfeten“ vor ihren Villen in Swimmingpools lagen, so viel war klar, gab es genügend Bonbons, dort war das ganze Leben ein Bonbonstand, der den Kindern anderswo klarmachte: Haste nix, biste nix.

Ist die Prämisse akzeptiert „Der Mensch ist, was er isst.“, dann macht es keine Schwierigkeiten das Ganze umzudrehen. Und dabei kommt nicht mehr und nicht weniger heraus, was man schon vorher, nur mit umgekehrtem Vorzeichen wusste. So verwundert es nicht, dass ein spirgeliger Schlacks von Mensch eben so gut wie nichts isst, sieht man ihn an, ist er ja auch irgendwie ein Nichts, nur Haut und Knochen eben. Ein rechter Mann, so meine Großmutter väterlicherseits, die musste es schließlich wissen, trägt Bauch. Und wer Bauch tragen will, bekommt dies eben nicht geschenkt. Eine gute, immer gehaltvolle Küche, vollgestopfter Kühlschrank, Chips und eine ganze Reihe sorgsame ausgewählter Verstecke für die eiserne Reserve von mindestens 4 Tafeln feinster Schokolade, Rum-Trauben-Nuss oder ähnliche Verführer, gehören dazu. Und dann eine Menge Mut zur Selbstoffenbarung dessen, was eh alle wissen, wenn man an jedem, sagen wir jedem zweiten Imbissstand beim Stadtrundgang stehen bleibt, und sich an die Arbeit macht: Ich esse zuviel, ich weiß. Und: Fette Sachen sind ungesund! Und weiter: Schau mal den an, ist ja kein Wunder, dass der so dick ist. Ein Fettsack eben, und ein Fettsack isst eben, was er ist. Nicht leicht anders zu sein, wenn alle anderen das meinen. Der generalisierte Andere im eigenen Selbst sorgt dafür, dass man es nie vergisst: Der Mensch isst, was er ist – und umgekehrt.