Archive für Kategorie: Ängste und Sorgen

Über allen Gipfeln ist Ruh hat Goethe gut sagen, mit dem, was er, womöglich über Gott und die Welt sinnierend, mutmaßlich im September 1780, bei einer Wanderung mit einem Bleistift an die Holzwand der Jagdaufseherhütte auf dem Kickelhahn bei Ilmenau geschrieben hat. Und wie er fortfährt in allen Wipfeln/ Spürest du/ Kaum einen Hauch und dabei mit seinen Versen, wie Sigrid Damm sagt, den ganzen Kosmos durchwandert, will bei unserem Thema so gar keine Message rüberbringen.
Wenn man sich dem Gipfel allerdings auf einer anderen Route nähert, wird schnell klar, dass Gipfel, vor allem in der Politik, nichts Gutes versprechen. Wenn der Ruf nach einem Gipfel laut wird, dann ist von Ruhe nämlich weit und breit nichts mehr zu sehen und der Hauch hat sich längst zu einem Sturm entwickelt.
So verhieß auch der Wir-brauchen-einen-Renten-Gipfel-Ruf von Heribert Karch, dem Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Altersversorgung (aba)(1) im letzten Frühjahr grundsätzlich nichts Gutes (die großen und kleinen Rentengipfel zu Beginn dieses Jahrtausends sind Legion). Und wenn sich sogar ein DGB-Bundesvorständler beim Rentengipfel der DGB-Senioren der Region Osnabrück-Emsland von aufgebrachten Rentnerinnen und Rentnern sagen lassen muss, er und seine Gewerkschaft würden nicht genügend für die Rentner und gegen das sinkende Rentenniveau tun (2), dann ist auch im hintersten Zipfel angekommen, wie hart die Auseinandersetzungen um die Verteilung der Lasten des demografischen Wandels künftig geführt werden könnten.
Was Alt und Jung bewegt: Immer größere Altersarmut bei jenen, immer höhere Beiträge zur Rentenversicherung bei diesen. Und natürlich will keiner die Zeche einer verfehlten Rentenpolitik langer Jahre bezahlen. Und: viele können das auch nicht, selbst wenn sie es wollten. Aber über all den Rentengipfeln ist weitere Unruhe in Sicht: Jetzt machen sogar die eigenen Parteijungen (schließt Frauen ein) Front gegen das Rentenreformpaket der Großen Koalition. Während diese sich wegen ihrer milliardenschweren Verbesserungen für die langjährigen Versicherten, ältere Mütter und sogenannte „Erwerbsgeminderte“ (geht’s noch?!) eigenlobt, stellt der angebliche Fortschritt zu mehr Generationengerechtigkeit dem Jungen Wirtschaftsrat der CDU, jungen Leuten bei den Piraten und sogar bei der FDP (ja, die gibt es offenbar auch noch) die Haare zu Berge.
Was sie der Bundesregierung vorwerfen: Anzettelung eines Krieges der Generationen. Ihr Ziel im Generationenkrieg: Die Rente mit 63 stoppen. Der Verband der Jungen Unternehmer hat mit seiner Vorsitzenden Lencke Wischhausen so gar keine Lust, zur Zahlmeisterin des Rentnerstaates degradiert zu werden. Das Rundumsorglos-Paket der Großen Koalition verlange nämlich von der jungen Generation, „härter zu arbeiten und mehr zu bezahlen, um am Ende selbst weniger Rente zu bekommen“. Und am Ende wieder der Ruf: „Wir fordern einen Gipfel für die junge Generation.“ (3) Also wieder nichts mit Goethe.

Routenänderung: Der Generationenkrieg ist grundsätzlich nichts Neues, Scharmützel sind schon immer gang und gäbe, die offene Feldschlacht allerdings wurde meistens gemieden. Und das ist auch gut so.
Bei manchen Naturvölkern, holen wir also mal weiter aus, herrschen, wie man weiß, viel rauere Sitten, was den Umgang mit alten Menschen angeht. Dort, wo man in Gesellschaften, in denen der Mangel alles bestimmt und sich jeder als Jäger und Sammler aktiv am Überlebenskampf aller beteiligen muss, sind Alte und Gebrechliche eine Last, derer sich die anderen, sagen wir’s mal so sachlich-nüchtern wie möglich, entledigen.
Altenmord, nennen das andere, wenn diesen meist nomadisierenden Gesellschaften, die mit ihrem wenigen Hab und Gut und ihren Kindern oft weiterziehen müssen, offenbar nichts anderes übrigleibt, als die Alten zu töten oder dem sicheren Tod auszusetzen. Wie das jeweils geschieht, lehrt einen hier das Grausen, wenngleich angesichts der Foltergeschichte des christlichen Abend- und des muslimischen Morgenlandes, angesichts von Holocaust, Madaja, Islamischem Staat und Guantanamo kein Anlass zur Überheblichkeit gegenüber indigenen Völkern angesagt ist.
Aber auch eine romantisierende Sicht mit Scheuklappen vor Augen (Vorsicht: Hier nur nicht ins Fettnäpfchen treten!), taugt nichts, wenn man einen kurzen Blick auf die Praktiken von manchen Naturvölkern im Umgang mit ihren Alten wirft.
Jared Diamond, ein US-amerikanischer Evolutionsbiologe, hat in seinem Buch Vermächtnis (2012) eine ganze Liste davon zusammengetragen (genau das hat allerdings auch Kritiker aus der Wissenschaft, aber auch von indigenen Völkern auf den Plan gerufen, die meinen, dass diese Gesellschaften zu pauschal als kriegerisch dargestellt würden).
Bei den Hopi in Nordamerika, einigen Inuit-Stämmen in der Arktis und bei einigen Gruppen von Aborigenes in Australien werden die alten Menschen einfach ausgegrenzt, sie erhalten nichts mehr zu essen und verhungern. In der afrikanischen Kalahari, bei den Ache-Indianern in Südamerika und den Kutenai- und Omaha-Indianern in Nordamerika werden die Alten einfach ausgesetzt oder beim Weiterziehen des Stammes zurückgelassen. Es gibt sogar Völker, in denen die Alten mit (wer das wirklich glaubt, wird selig) oder ohne deren Einverständnis erdrosselt oder erstochen werden.
Aber: Nicht alle Naturvölker, die im Mangel leben, springen so mit ihren Alten um. Wenn es nämlich durch Arbeitsteilung gelingt, dass sie sich für die ganze Gemeinschaft nützlich machen können, bleibt ihnen dieses grausige Schicksal erspart. Mitunter profitiert die ganze Gemeinschaft davon, dass die Alten einfach in ihrem Leben so viel gelernt haben und ihr Wissen zum Überleben aller einfach nötig ist. Manchmal sorgen sie auch für die Kinder, wenn die anderen auf der Jagd oder beim Sammeln von Beeren, Früchten und Kräutern sind. Und wer’s als alter Mensch in manchen Naturvölkern besonders weit bringt, der wird am Ende seiner Tage Zauberer oder Schamane und als Hüter und Vermittler seines Wissens bei kultischen Handlungen unersetzlich. (4)
Nun sind die Naturvölker, jedenfalls was das anbetrifft, nicht gerade Vorbilder für uns und taugen auch wenig zum Vergleich mit einer Gesellschaft, in der die meisten eigentlich im Überfluss leben und das ständige Haben-Wollen in einem wahren Konsumrausch gipfelt.

Also wieder Routenänderung: Auch in der griechischen Antike war es um die, die damals zu den Unterschichten zählten, im Alter nicht gut bestellt, denn Rücklagen dafür anzulegen, war ihnen schlicht unmöglich. Was diesen Alten blieb, war die Hoffnung, dass sie von ihren Kindern versorgt wurden. Nun wurde ja im antiken Griechenland zwar kaum jemand nach heutigen Verhältnissen betrachtet, richtig alt (wer’s bis 15 geschafft hatte, konnte aber schon noch 30 Jahre oder sogar länger leben) (5). Vom Methusalem-Komplex (6) jedenfalls konnte in einer Zeit, bei der die Hälfte der Menschen, die überhaupt das Jugendalter erreichten, zwischen 45 und 50 Jahren schon das Zeitliche segneten, damals nicht die Rede sein. Aber nichtsdestotrotz: Dem Nachwuchs musste die Aufgabe auch damals eingebläut werden, dass sie ihre Eltern zu ehren und im Alter für sie und nach ihrem Tod für ihre Bestattung zu sorgen hatten. Wer das nicht tat, dem ging man vor Gericht an den Kragen und entzog ihm unter Umständen seine bürgerlichen und politischen Rechte (würde heute vielleicht viele politikverdrossene Jugendliche kaum aufregen, die ihre Stimme ohnehin lieber bei Smartphone-Votings von DSDS oder dessen Ablegern abgeben als im Wahllokal) und dann war man ehrlos.
Harte Zeiten für Drückeberger, die ihrem Alten zu Hause nicht mal den täglichen Graupenbrei, einen weichen Mantel, einen Pelz und eine Prostituierte (ok, war auch in den Wespen des Aristophanes nur ein Witz) gönnen wollten. Aber die Sache mit der Prostituierten ist vielleicht doch nicht so ganz weltfremd, denn Männer, so sagen sie jedenfalls heute, können schließlich immer und bei der Lebenserwartung damals waren viele von ihnen, auch ohne blaue Pillen, gut das ist natürlich eine reine Vermutung, sicher noch potent genug.
Aber nur kein Mitleid mit den Jungen: Wenn man übertragen kann, was für das Römische Reich errechnet wurde, hatten nahezu zwei Fünftel der 15-Jährigen schon ihren Vater verloren, für den das mit der Prostituierten-Versorgung dann natürlich auch Essig war.
Wer im antiken Athen Kohle besaß, machte mitunter auch den Versuch, sein Eigentum schon früher seinem Sohn zu vererben, um ihn für die eigene Daseinsvorsorge zu verpflichten, aber das konnte natürlich schiefgehen. Da war es schon besser, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, und wenn man gar kinderlos war, musste man, auch wenns mitunter schwerfiel, den Hintern hochkriegen und sich etwas einfallen lassen. Menekles, einer dieser Sorte, zeigte sich dabei besonders pfiffig: Er adoptierte einfach den Bruder seiner zweiten, von ihm geschiedenen Ehefrau, um das Problem zu lösen. (7)

Wer sich den Altersbaum, wie man die Visualisierung der Altersstruktur der Bevölkerung bezeichnet, einmal für die Zeit von 1910 bis 2013 (8) und die Prognosen bis zum Jahr 2060 (9) ansieht, kann verstehen, warum in der Politik über die Zukunft von Alt und Jung mit allen Bandagen gerungen wird. Was sich da in den Wipfeln des Altersbaums zusammenbraut, kann einem jungen Menschen vor allem schon angst und bange machen: Immer mehr ältere und alte Menschen müssen von denen, die künftig noch arbeiten, per Generationenvertrag, im Klartext: mit ihren monatlich zwangsabgeführten Beiträgen unterhalten werden. Kein Wunder, dass etliche Alten beginnen, denen die arbeiten, (Vorsicht ist besser als Nachsicht) nicht mehr so recht zu trauen.

Schließlich geht es heute bei einigen von ihnen nicht mehr um Graupenbrei und die Vor-Ort-Prostituierte, sondern bei so manchem Rentner und Pensionär um Vietnamesische Sommerrollen im Thai Style und um die freie Prostituiertenauswahl in Pattaya, wo man, wie der kleine Heinz, ein ehemaliger Verpackungsingenieur im stolzgeilen Alter von 72 (10) erklärt hat, zu Zeiten des Euro-Höhenflugs „von 800 Euro im Monat leben kann, Alkohol, Frauen und Zigaretten inklusive.“ Und wen’s anmacht, der kann sich in unzähligen YouTube-Videos zeigen lassen, wie man mit wenig oder mehr Rente da unten zwischen Pool und Sandstränden die Puppen tanzen lassen kann. (11)
Aber die Erfolgsgeschichte des Renters Willi, Mitte 70, mit seiner jungen thailändischen Frau , das Ganze ebenfalls auf YouTube zu sehen (12) (der Altersunterschied macht das Ganze allerdings nicht obszön, wie man, wenn einer jetzt an Münte, den Cavaliere, Gerhard Schröder, Günter Öttinger, Helmut Kohl und Helmut Schmidt – ja auch der! – denkt, als Beitrag zur Männergerechtigkeit sagen muss), Willis Erfolgsstory kann als nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch dort unten die Kluft zwischen armen und wohlhabenden deutschen Rentnern weit auseinandergeht. Nur ist das – das wiederum ist wirklich der Gipfel! – bei vielen offenbar immer noch viel mehr ist, als das, was sich in den Puffs und auf dem Straßenstrich von Pattaya von den jungen Frauen verdienen lässt, die ihren Körper an die Rentnerzipfel vermeintlicher Woopies (Well-Off Older Persons) mit ihren mal mehr, mal weniger gut erhaltenen Oldie-Bodies, Faltengesichtern und Hängebäuchen verkaufen müssen. Willi jedenfalls bekommt noch heute lüsternglasige Augen, wenn er von seinen wilden 15 Jahren in Pattaya spricht. Hat er heute nicht mehr nötig, sagt er, blickt auf seine zwei Kopf kleinere Frau und grinst.

Gut für uns, die wir zu Hause bleiben (das macht uns aber nicht wirklich zu besseren Menschen), dass auf YouTube mit seinen inzwischen über eine Milliarde Nutzern, die jeden Tag weltweit  mehrere hundert Millionen Stunden Videos ansehen (13), das Genre Rentner-Nightlife-in-Pattaya und ähnliches wohl kaum von jungen Leuten gesucht und, obwohl, wie alles im Internet, eigentlich nur einen Klick entfernt ist, wohl auch selten gefunden wird. Solange sich keiner ihrer YouTube-Stars wie Y-Titty, Gronkh, Dagi Bee, freshaltefolie, albertoson, Simon Desue und andere von der Nur-Comedy, den Lets-Play-Videos, den SchminkBeautyLifestyle-Tipps und sonstigen simplen Inhalten (14) aus einer Welt voller Jux und Tollerei, einfach aus der Lust vieler, Spaß und nur Spaß zu haben, Geld drucken können, brauchen die Alten sich wenig Sorgen machen, selbst wenn es Rentner-Willi, der kleine Heinz oder die anderen mal in den YouTube-Charts weit nach oben bringen sollten. (LeFloid, alias Florian Mund mit seinen 2,6 Millionen Abonnenten ist mit seinem, teils etwas schrägen, auf Jugendliche zugeschnittenen Nachrichtenmagazin, in dem er auch aktuelle Themen aus Politik, Gesellschaft und Panorama aufgreift, die Ausnahme).
So haben die meisten Jugendlichen in ihren ureigenen YouTube-Reservaten oft nur wenig Ahnung davon, warum ausgerechnet Rentnerinnen und Rentner, die kaum mehr über die Runden kommen, vor Tafelläden (ein Begriff der, wenn man’s nicht besser kennt, auch leicht in die Irre führen kann) anstehen oder was einige selbsternannte Best Ager mit dem machen, was ihnen da monatlich nach Pattaya rüberwächst.
Weiß der Geier, wie schnell die Jungen dann wohl ins Lager der Generationenkrieger überlaufen würden, sieht man mal von der hartgesoffenen Malle-Fraktion ab, die sich den kleinen Heinz oder den Rentner-Willi schon heute zum Vorbild nimmt und halt, wenn’s nicht anders geht, mit einer privaten Riesterrente für den Bumsbomber nach Thailand spart, zumal der Preis für das Flugticket nach Pattaya (die Entfernung zwischen Palma de Mallorca und dem Flughafen U-Tapao in Thailand ist groß und die Flugzeit mit airberlin, Thai- und Bangkok-Airways mit zwei oder mehr Stopps und allem drum und dran schlappe 19 Stunden und 50 Minuten lang) auf den ersten Bordellbesuch draufgeschlagen werden muss.

Die Mehrheit der jungen Leute zwischen 12 und 25 Jahren hat hierzulande jedenfalls nichts oder nicht viel gegen die Alten. Einige wissen vielleicht auch, was in den Wipfeln des Altersbaums, zwischen Tafelladen und Pattaya, los ist. Trotzdem sehen sich die meisten nicht als die Rentenbeitragssklaven von Silversurfern mit iPads, Best Agern und Woopies aller Art.
Und, solange jedenfalls die allgemeinen wirtschaftlichen Aussichten rosig sind und ein jeder und ein jede für sich hofft, sein Päckchen demografischen Wandels mit Eigeninitiative schultern zu können, wollen sich die meisten Jungen nicht in einen Krieg der Generationen hineinziehen lassen, wie die 16. Shell-Jugendstudie (2010, S.169) vor fünf Jahren schon festgestellt hat. (15)
Die jungen Leuten sehen allerding schon, dass der demografische Wandel der ganzen Gesellschaft eine Menge abverlangen wird, aber in der aktuellen Shell-Jugendstudie (2015) halten sogar verglichen mit 2006 nur noch die Hälfte von ihnen, nämlich 13%, es für ein sehr großes Problem, dass es in Zukunft mehr ältere und weniger jüngere Menschen gibt. (16) Aber für blöd verkaufen lassen, wollen sie sich auch nicht, und so erklären auch 2015 weiterhin knapp die Hälfte der befragten Jugendlichen, dass das mit den mehr Alten und den weniger Jungen schon ein großes Problem sei. Aber solange die allgemeine Stimmung im Lot ist und man für sich und das Ganze eine Perspektive sieht, bleibt wohl auch der Anteil der Jüngeren weiter gering (2010:25%; 2006 34%), die verlangen, dass Ältere zugunsten der Jüngeren zurückstecken sollen. Heinz und Willi können also aufatmen.
Überhaupt macht die Einschätzung der Mehrheit der jungen Leute, wonach das Verhältnis zwischen Alt und Jung heutzutage (2015) eher harmonisch (53%) statt angespannt (40%) ist, durchaus Mut, zumal sich viele Befragte, rein entwicklungsmäßig betrachtet, in einer Lebensphase befinden, in denen die Eltern naturgemäß schwieriger werden. Ja, und auch wenn – allerdings das offenbar in konjunkturellen Schwankungen – 32% meinen, dass sich das Verhältnis von Alt und Jung in Zukunft verschlechtern wird, liegen sie hinter dem Dreifünftel, das meint, alles bliebe beim Alten (49%) oder könnte sich sogar noch verbessern (13%), deutlich zurück. (17)

Also noch scheint im Verhältnis der Generationen alles irgendwie im Lot, auch wenn es wohl nicht lange gehen wird, bis der Anteil der Jungen, die noch 2010 geglaubt haben, der Wohlstand zwischen Alt und Jung sei gerecht verteilt (2006: 43%, 2010: 47%) abnehmen wird (18), wenn die Raten für einen BMW zu hoch sind und die Jungen im Rückspiegel ihres Kleinwagens sehen, wie manche Best Ager in ihren Wohnmobilen auf der Reise in den Süden hinter ihnen auf die Überholspur wechseln.

Besser als, wie Kaninchen vor der Schlange, auf das Gefühlsbarometer der Jungen zu schauen wäre es indessen, wenn auch wir Alten, insbesondere als Herbst-Menschen um die 60 herum, denen oft noch viele Jahre beschieden sind, ehe sie zu den Winter-Menschen werden, die pflegebedürftig und vielleicht auch dement ihre restlichen Tage leben, dem folgen würden, was Heribert Prantl einmal den gerontologischen Imperativ genannt hat: Pflege die sehr Alten so, wie Du selbst in zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahren gepflegt werden willst. (19) Und vielleicht verlieren wir dann auch unsere Angst vor dem Altern, vergessen das Gerede von der Alzheimerisierung unseres Landes und der drohenden Rentnerdiktatur und können dann, weil es für uns selbst ja auch nicht mehr so fern erscheint, ein Altern in Würde und sozialer Sicherheit ohne Psychopharmaka und Neuroleptika, ohne Festschnallgurte, kurz ohne Stalingrad im Pflegeheim (Prantl) mitorganisieren helfen.
So nehmen wir auch, wenn die Zeiten mal wieder schlechter werden, von den Jungen den Druck, sich für einen Generationenkrieg zu erwärmen, der in die soziale Kälte und für Alt und Jung gleichermaßen in die soziale Verwüstung (Prantl) führt.

In einer Zeit, in der simple Konzepte zur Lösung politischer Fragen und gesellschaftlicher Probleme Oberwasser zu bekommen drohen, darf man den Gipfel des Menschseins, die soziale und politische, aber auch ganz und gar eigenverantwortliche Anerkennung der Menschenwürde der Winter-Menschen nicht, wie Prantl weiter schreibt, am Lineal von Ökonomie und Leistungsfähigkeit messen. Und auch, wenn das an dieser Stelle nur wiederholt, was an anderer Stelle immer wieder mal zitiert worden ist: Die Betreuung und die Pflege altersverwirrter Menschen ist wesentlich mehr als eine lästige Pflicht, der wir uns zu unterziehen haben. Sie ist der einzige wirksame Schutz vor der Neuauflage der alten Idee vom ‚lebensunwerten Leben‘, zumal in einer Welt zunehmender wechselseitiger Distanziertheit unter dem eisigen Dreigestirn von Geld, Technik und rationalem Eigennutz. (John Bayley in seiner „Elegie für Iris“, die seinen Alltag mit seiner demenzkranken Ehefrau beschreibt). (20)
Wenn wir Herbst-Menschen, denen es gut geht (ganz viele sind indessen davon weit entfernt), uns nützlich machen, bleibt uns das Schicksal der Alten in manchen Naturvölkern (so viel Vergleich darf jetzt einfach mal sein) erspart und auch die Menekles-Strategie zur Sicherung der Altersversorgung muss niemand folgen. Und die Jungen werden, selbst wenn es in der Pubertät mit den Alten hoch hergeht, weiterhin sagen: Die Alten sind ganz ok so – und: Über allen Gipfeln und an allen Zipfeln ist Ruh.
(5.2.2016)

Anmerkungen:
1 http://www.presseportal.de/pm/102567/3016271
2 http://www.noz.de/lokales/osnabrueck/artikel/624240/rentengipfel-der-dgb-senioren-der-region-osnabruck-emsland
3 http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/umstrittene-rentenplaene-grosse-koalition-zettelt-krieg-der-generationen-an/9711084.html
4 vgl. Diamond, Vermächtnis, Frankfurt/M. 2012, S.246ff.
5 vgl. Krause, Ehe und Familie in Griechenland, 2003, S.24ff.
6 http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/alter-der-methusalem-komplex/1912784.html
7 vgl. Krause, Ehe und Familie in Griechenland, 2003, S.83f.
8 http://www.teachsam.de/politik/Arbeitswelt%20BRD/strukturwandel/demografischer%20wandel/demografischer%20wandel_ub_11.htm
9 http://www.teachsam.de/politik/Arbeitswelt%20BRD/strukturwandel/demografischer%20wandel/demografischer%20wandel_ub_8.htm
10 http://www.spiegel.de/spiegel/a-614996.html
11 http://www.youtube.com/watch?v=ae_BaB0HuRU
12 http://www.youtube.com/watch?v=sDQt2N7Qi3g
13 http://www.youtube.com/yt/press/de/statistics.html
14 http://www.heise.de/newsticker/meldung/YouTube-Stars-Viel-Geld-viel-Schleichwerbung-kaum-Inhalt-3056341.html
15 vgl. Jugend 2010, 16. Shelll-Jugenstudie, hrsgg. v. der Deutschen Shell, Frankfurt/M.: Fischer 2010, S.169
16 vgl. Jugend 20015, 17. Shell-Jugendstudie, hrsgg. v. der Deutschen Shell, Frankfurt/M.: Fischer 2001516. Shell-Jugendstudie 2010, S.191
17 vgl. ebd.
18 vgl. 16. Shell-Jugendstudie 2010, S.169
19 vgl. Heribert Prantl, Zeitenwende: Das Altern als Glücksfall für die Gesellschaft, aus: Der Bürger im Staat, H.2/3 2015, S.76-77
20 zit. n. ebd.

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Die „Bild“-Zeitung vom 1.1.2016 kürte den Mann zum größten „Knallkopp“ von Berlin, weil er in der Silvesternacht über mehrere Stunden hinweg nach eigenen Angaben Feuerwerkskörper im Wert von 6.000 Euro zum Explodieren brachte und in den Nachthimmel verschoss. Hätte nicht viel gefehlt und der Knallkopp wäre mitsamt der restlichen Dreiviertel-Tonne Krachern, Raketen und Böllerbatterien, die er noch im Keller unter Bewachung eines Kampfundes gebunkert hatte, am nächsten Tag bei ihrer Beschlagnahmung durch die Polizei in der grünen Minna abtransportiert worden.1 Sein privates Böllerarsenal lag damit wohl, rein kilogrammäßig, kaum unter dem, was am Bodensee, in Konstanz allein, bei einem traditionellen Seenachtsfest in einer halben Stunde von professionellen Feuerwerkern verpulvert wird. Ein Wunder fast, dass bei den siebenstündigen Dauerdetonationen und Raketenstarts und Shots, auch mit illegalen Kalibern wie „Dum Bum“, dem selbsternannten „General Manager of Playstation“, wie der Knallkopp sich vollmundig auf seiner Facebookseite präsentiert, nichts passiert ist und er offenbar auch die Dachstühle der Umgebung nicht in Brand setzte, wie dies andere Knallköppe und unzählige Hobby-Feuerwerker jedes Jahr in der Silvesternacht tun. Wegen des Knallkopps musste die Feuerwehr, die wie immer an Silvester in Berlin und andernorts im Dauereinsatz war, jedenfalls nicht ausrücken, aber wer kann da ganz sicher sein bei den Abertausenden von Raketen, die den Himmel über Berlin an Silvester erhellt haben. So dumm der 27-jährige Mann aus Hellersdorf jetzt auch dastehen mag, was er da aufzog, war eine, von der Sprengkraft der Böller her betrachtet, sagen wir mal, semiprofessionelle Inszenierung, die von den meisten Gaffern aus der Nachbarschaft während des stundenlangen Dauerfeuers durchaus gerne gesehen worden ist. Und damit die Kunde von dem Spektakel des Mannes – Frauen kämen wahrscheinlich nie auf solche Ideen! – auch bis nach China, wo man einst das Feuerwerk erfunden hat, dringen konnte, präsentierte der Sprengmeister in Sachen Feuerwerk sich und seine Böller schon seit längerem auf Facebook, wo er ansonsten gerne herumdaddelt. Ob die ganze Knallerei geistloses Gewumme war, wie die hämischen Kommentare aus den sozialen Netzwerken, die nun auf ihn herunterregnen, unterstellen, oder ob der Knallkopp jedes Jahr mit so großen Erwartungen an das neue Jahr herangeht, dass er geradezu zwanghaft so lange böllern muss, oder ob er einfach, einem rein kompetitiven Ansatz wie ein Leistungssportler folgend, in den weltweit übers Internet kommunizierbaren Wettstreit mit historischen und heute lebenden Artgenossen eintreten will – wer hat den größten und den längsten Böller?  – ist jedenfalls nicht ganz klar. Irgendwie tragisch für ihn, dass er nun für die ganze Plackerei in der Silvesternacht noch eine Anzeige wegen des Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz am Hals hat, die mit ihrer Geldbuße seine Ausgaben gut und gerne verdoppeln könnte. Immerhin: Er wird er wohl seinen Hals retten und ist, was seine Hände, Nase, Ohren oder Augen angeht, davongekommen. Ein Kapitel zum Thema „Blutiges Silvester! Frau verliert Fuß, Junge seine Finger, Männer getötet“, wie auf der Webseite von news.de an Neujahr getitelt wurde, hat er, das sei ihm hier einfach einmal als mildernder Umstand angerechnet, nicht geschrieben. Solches Glück hatten viele, darunter auch gänzlich Unbeteiligte, in der Nacht der Nächte nicht. Die Lazarette und Sanitäter wissen ein Lied davon zu singen und der Schlagzeile von oben ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Dennoch: Nur mal so und einmal kurz den Begriff „Unfälle an Silvester“ gegoogelt, schon werden einem binnen 31 Sekunden 735.000 Ergebnisse geliefert, die ein Schreckensbild nach dem anderen zeichnen. Und wer es härter mag, der kann sich mit dem gleichen Suchbegriff ja einmal auf (oder bei?) YouTube umsehen und seine voyeuristischen Neigungen bis zum Abwinken befriedigen. Also, nicht weiter mit Knalltraumata, Brandwunden und verlorenem Augenlicht! Stattdessen ein Blick darauf, dass Böller schon einmal zum regelrechten Kriegsgerät umfunktioniert werden, wenn, z. B. wie in Berlin in der Silvesternacht geschehen, Polizeibeamte mit Kanonenschlägen und Raketen unter Feuer genommen werden.
Dass der Knallkopp und alle anderen Silvesterfeuerwerker damit aber dafür sorgen, dass Umsatz und Gewinne der pyrotechnischen Industrie weiter auf hohem Niveau bleiben, ist für ihn und die anderen sicher auch nicht weiter wichtig. Fakt ist allerdings, dass die Freude am Zünden diverser Feuerwerkskörper außergewöhnlich groß ist. Selbst in Krisenzeiten, in denen es vielen Menschen nicht so gut geht oder die allgemeine Stimmung im Hinblick auf die Zukunft eher gedämpft ist, heften die Menschen ihre Hoffnungen an die Zündschnüre von Raketen oder vertreiben ihre Sorgen mit dem Knall eines Kanonenschlages. Fehlt lediglich noch die individualisierte Variante des Feuerwerks, bei der man sich z. B. übers Internet Leucht- und Knallfarben nach Wunsch zusammenstellen und die Rakete online mit einem Spruch eigener Wahl versehen kann, um den vom eigenen Feuerwerk erhellten Platz am Nachthimmel auch wirklich persönlich für die eigene Zukunft in Besitz zu nehmen und gegen die dort blitzenden und zerplatzenden Hoffnungen und Erwartungen anderer zu behaupten. Eigentlich ein ganz normaler Vorgang in der Ellbogengesellschaft.
Der Silvesterumsatz mit Feuerwerksartikeln jedenfalls soll nach Schätzungen des Verbandes der pyrotechnischen Industrie 2015 in Deutschland wie im Vorjahr bei etwa 129 Millionen Euro liegen. Zehn Jahre zuvor waren das noch 96 Millionen gewesen, 2007 wurde die 100-Millionen-Marke gerissen. Seitdem ist der Umsatz zumindest im 2-Jahres-Rhythmus weiter gestiegen (2009: 113 Mio., 2011: 115 Mio., 2013: 124 Mio.) Feuerwerke anderer Art, die bei großen Massenveranstaltungen, aber mittlerweile auch kleineren Dorf-, Stadtteil- oder Straßenfesten veranstaltet werden, nicht mit eingerechnet.
Gründe, warum die Menschen in so großer Zahl von Feuerwerken im Allgemeinen und dem Silvesterfeuerwerk im Besonderen fasziniert sind, gibt es viele und einige hängen unmittelbar mit der Tradition und Bräuchen zusammen. So hat der Wumms von Feuerwerken eben auch seine eigene Geschichte.
Die ersten Feuerwerke gab es wohl in China, wo es aller Wahrscheinlichkeit nach Mönche waren, die es im 6. oder 7. Jahrhundert erfunden haben. Über arabische Händler kam das Feuerwerk im 14. Jahrhundert nach Europa. In Italien entwickelte sich im späten 14. Jahrhundert eine besondere Feuerwerkskunst, die sich von da aus in Europa weiterverbreitete. Insbesondere im Zeitalter des Barock wurden Feuerwerke an den Höfen von Fürsten und Königen in ganz Europa hochgeschätzt. Sie standen oft im Mittelpunkt der Feste an den Höfen, die auch mit solchen pyrotechnischen Attraktionen europaweit miteinander wetteiferten. Allen voran gingen dabei die Feuerwerke, die am königlichen Hof in Versailles veranstaltet wurden. Aber auch eher mittelprächtige Fürsten ließen sich bei Feuerwerken und Illuminationen nicht lumpen. Sie öffneten wie z. B. Carl Eugen von Württemberg es vor allem während seiner wilden Jahre tat, gerne ihre mit erfindungsreichen Abgaben wie der Spatzensteuer gefüllten Schatullen, um Hof und Untertanen mit solchen und anderen Events zu beeindrucken. Und Anlässe für Feuerwerke, welche die absolutistische Herrlichkeit wie auf eine Großleinwand an den Nachthimmel zauberten, gab es natürlich in Hülle und Fülle. Geburtstage, Hochzeiten, Besuche von Staatsgästen und einfach auch mal einfach so aus Jux und Tollerei, besser gesagt aus Lust an Prasserei und absolutistischem Potenzgebaren. Legendär bis heute das 1770 unter Ludwig XV. (1710-1774) im Schlosspark von Versailles veranstaltete Feuerwerk, mit dem der absolutistische Herrscher Frankreichs seine Schwiegertochter Marie Antoinette (1755-1793) begrüßte. Trotzdem konnten auch die dabei zum Einsatz gelangten 20.000 Raketen, 6.000 Feuertöpfe und Vulkane und mehrere Dutzend Sonnen mit einem Durchmesser von bis zu 30 Metern2, der späteren Königin von Frankreich, wie jeder weiß, den Hals nicht retten. Allerdings, so sei gesagt, waren solche Spektakel eben auch nicht dafür gemacht, Gottes Segen einzuholen oder Geister und Dämonen für eine glückliche Zukunft einzelner Individuen zu beschwören. Genauso wenig waren sie an typisch bürgerliche, an die eigene Leistung geknüpfte Wohlstandserwartungen oder Deklassierungsängste gekoppelt. Für absolutistische Prachtentfaltung und Repräsentation von Macht waren sie aber besonders gut geeignet, weil sie, mythisch-mystisch oder mystisch-mythisch, „den Sieg des Lichts über die Dunkelheit“ verkörperten. Indem man so das Feuerwerk mit Blitz und Donner ineins setzte, wurde es als göttliche Gewalt verstanden, an der der absolutistische Fürst oder König mit seinem Feuerwerk, und zwar je größer und prächtiger, desto mehr teilhatte.3
Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden Feuerwerke zu einem Vergnügen größerer Teile der Bevölkerung. Nun fanden sie im öffentlichen Raum statt, bald schon in Städten in der Silvesternacht und auch bei anderen Veranstaltungen unter freiem Himmel. Aber erst im 20. Jahrhundert konnten Feuerwerkskörper von jedem, der dafür das nötige Kleingeld besaß, gekauft werden. Erst damit konnte die private Feuerwerksinszenierung zu einem, keineswegs als spießig geltenden, Privatvergnügen werden, bei dem Raketen von der Rampe einer eben mit Freunden und Verwandten geleerten Sektflasche aus dem eigenen Vorgarten in den Himmel geschossen wurden. Dass dort oben, wo die Raketen krachten, wieder eine gemeinsame Raketenöffentlichkeit entstand, tat dem Ganzen keinen Abbruch. Schließlich konnte man (Mann?) ja, und kann das bis heute, bei Bombenrohren, Feuerwerksbatterien, Verbundfeuerwerk und Knallern dem Nachbarn auch noch hoch oben am Nachthimmel zeigen, wo der Hammer hängt bzw. wer den dicksten Geldbeutel besaß und besitzt. An die gigantischen Wunderwerke pyrotechnischer Kunst mit ihrem vor sich hin protzenden Wahnsinn, die bei der Eröffnung oder am Ende von Olympischen Spielen, beim Champions-League-Finale oder bei Freiluft-Klassikevents zur Aufführung gelangen, reichen die Privatfeuerwerke natürlich nicht heran, jene befeuern aber, als Top-Medienereignisse mit traumhaften Einschaltquoten inszeniert, die Nachfrage nach immer knalligeren Knalleffekten bei Feuerwerkskörpern durch die breite Masse, die sich, Gottseidank nur im Extremfall mit einem wie dem Berliner Knallkopp messen oder als Superknallkopp einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde haben will.
In der letzten Zeit ist ein Trend festzustellen, der vom privaten Kleinfeuerwerk im Kreis der Familie und von Freunden wegführt. Outdoor-Silvesterpartys mit Hunderttausenden von Teilnehmerinnen und Teilnehmern trotzen Wind und Wetter und lassen sich unter dem Schutz von Polizeikräften, auch bei Angst vor Terroranschlägen, ihr Vergnügen beim gemeinsamen Feiern und Böllern in der Öffentlichkeit nicht nehmen. Vielleicht schließt dieses Verhalten an die Tradition an, mit der man in der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr schon seit Menschengedenken Dämonen, Hexen und Geister mit allerlei Lärm und Geräuschen vertreiben wollte. Und für das, was von dem Spuk zurückbleibt, nämlich abertausend Tonnen von Müll, sind schließlich der Staat und die Gemeinden zuständig.
Dass die Menschen auf der Silvestermeile während und nach dem Feuerwerk den ganzen Lichterglanz als Dreck in die Lungen bekommen, stört wenige und gehört zu den Risiken, die alle, auch wenn sie sonst dem vermuteten Elektrosmog eines Reiseweckers mit Messgeräten auf den Leib rücken, eingehen. Und für manche gehören der archetypische Pulverdampf und Feinstaub zu Silvester halt ebenso dazu wie Weihrauch bei der Taufe oder Beerdigung. Der Luft selbst tut die ganze Böllerei jedenfalls nicht gut. So werden in der Silvesternacht und oft auch noch am folgenden Neujahrstag bundesweit immer wieder deutlich erhöhte Feinstaubwerte gemessen, die nicht nur verkaterte Zeitgenossen, die es nach einer mit Alkohol durchfeierten Nacht mit oder ohne Aspirin eigentlich nach draußen zum fast obligatorischen Neujahrspaziergang zieht, in die Heizungsluft ihrer Wohnungen verbannt. Die Schadstoffe, die mit jeder in den Himmel gejagten Rakete in der Luft verteilt werden und in unsere Atemluft zurückkehren, machen jedenfalls vielen Menschen gesundheitlich kurz- oder auch längerfristig zu schaffen. Ja-aber-schon-Technik: Ja, aber schon, einfach mal weiterdenken! Wie Phoenix aus der Asche steigt dadurch ein neuer Markt aus dem verdreckten Firmament! Modisch designte Ein-Weg-Atemmasken für das Silvesterfeuerwerk, in allen Trendfarben und/oder mit einem Selfie verziert …  man hört die Kassen fast schon klingeln! Ein kleines Aber höchstens: Pekings oder Neu Delhis ganz normaler Alltagssmog lassen grüßen. Zugleich winkt von dort vielleicht auch eine kleine Lösung: Wie bei Regelungen für den Autoverkehr in den asiatischen Megastädten, mit denen der Smog gesenkt werden soll – einmal dürfen Autos mit gerader, mal mit ungerader Nummer fahren – könnte ja jedes Jahr abwechselnd nur der Teil bei uns böllern dürfen, der in einem geraden Jahr oder einem ungeraden Jahr geboren ist. Wenn da nicht die Arbeitsplätze wären, heißt es.
Dass die Böllerei für viele Tiere ein Albtraum ist, Hunde, Katzen oder Pferde in Angst und Panik versetzen kann, ist ebenso so unstrittig wie die Tatsache, dass sich davon aber auch eingefleischte Liebhaber der Vierbeiner kaum abhalten lassen, den Jahreswechsel mit Kanonenschlägen „einzuläuten“. Schließlich gibt es ja noch den Tierarzt, der einem ein Mittel aushändigt, mit dem man seinen Hund ein paar Stunden lang einschläfern kann. Und wenn ein völlig verstörter Vierbeiner Reißaus genommen hat, Pech für ihn: Dann muss er halt durch wie die Eichhörnchen eben auch, die es sich in ihren Nestern gerade so kuschelig eingerichtet haben. Immerhin mit seinem Schicksal ist er ja nicht allein. Und wenn das gleiche Schicksal Füchsen widerfährt, die wir ohnehin in unseren Städten nicht sehen wollen, ist das doch eigentlich ein positiver Nebeneffekt. Gut, schade um den Falken im Kirchturm und die Fledermäuse, die im Kasten am Haus hängen, aber die sind je eh die Ausnahme, und wer sagt denn, dass die wirklich etwas mitkriegen?
So what? Da ist guter Rat schwer, will man doch weder Spaßbremse sein, noch als ignoranter Knallkopp dastehen. Bleigießen? Geht gar nicht! Dann schon eher Tischfeuerwerk mit Knallbonbons und Rosenkanonen? Für Kinder schon, Frauen vielleicht, aber für Männer? Ich weiß nicht. Dorfbums ohne Dorfwumms? Dann lieber gar nicht, aber wer will das allen Ernstes wirklich?
Und doch gibt es Alternativen. Schon seit 1981 ruft die Hilfsorganisation Brot für die Welt dazu auf, wenigstens einen Teil der ansonsten für Silvesterfeuerwerk ausgegebenen Geldsumme für die Entwicklungshilfe zu spenden. Die Präsidentin der Organisation Cornelia Füllkrug-Weitzel will mit der Aktion die Menschen dazu einladen, „das neue Jahr mit einem Geschenk an Menschen in Not zu beginnen.“ 4 Für sie steht fest: „Der Spaß, den ein Feuerwerk macht, ist nur kurz. Die Freude, die durch Teilen entsteht, ist von Dauer.“ Und auch andere Organisationen sind der Ansicht, dass sich das ganze Geld, das an Silvester im wahrsten Sinne des Wortes verpulvert wird, anders besser angelegt ist. So hat z. B. der Tourismusverband die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern in diesem Jahr schon zum neunten Mal dazu aufgerufen, statt Geld für Silvesterböller auszugeben, dieses Geld im Rahmen seiner Kampagne „Bäume statt Böller“ in Waldaktien anzulegen.5
Allerdings sind solche „Statt-Böller-Kampagnen“ keineswegs unumstritten und ihre Kritiker kommen nicht aus den Reihen der pyrotechnischen Industrie oder sind auch keine Pyromanen oder „Knallköppe“. So erklärt z. B. die Berliner TAZ den „Zusammenhang zwischen dem Hunger in Afrika und dem Geböller“ für schlichtweg „konstruiert“ und beruft sich auf die Aktion Dritte Welt Saar, die darin eine Beliebigkeit sieht, die genauso gut in einer Kampagne wie „Brot statt Jogginganzüge“ fortgeführt werden könne. Auf die eigentlichen Ursachen für den Hunger in der Welt werde jedenfalls während der Brot-statt-Böller-Kampagne nicht hingewiesen. Um an Spenden zu kommen, werde damit dem Normalbürger ein schlechtes Gewissen gemacht, indem man ihm einrede, sein punktuelles und persönliches Verhalten „habe irgendwie was mit dem Elend in Afrika zu tun“. Für die Aktion Dritte Welt Saar ist das Ganze aber auch eine typisch protestantische „Lustfeindlichkeit“.6 „Auffällig“, heißt es da sinngemäß weiter, dass solche „Statt-Böller-Kampagnen“ sich über das Lustfeuerwerk des kleinen Mannes und der Massen mokieren, andere Feuerwerke aber wie z. B. bei den Salzburger Festspielen, bei denen sich die Reichen und Mächtigen verlustieren, ungeschoren davonkommen lassen. Und wer legt sich schon mit FIFA, IOC oder den Bayernbossen an, wenn sie ihre Sportgroßereignisse mit unzähligen Knallkörpern am Himmel zelebrieren?
Am Ende … alle Fragen offen, aber auch ein wenig Hoffnung: Wie wäre es, nur mal so laut gedacht, wenn man bei den großen Outdoor-Silvesterpartys einfach die Riesenleinwände, die beim Sommermärchen und dem WM-Gewinn 2014 zum Einsatz gekommen sind, nehmen und vielleicht ein paar davon noch so zusammenmontieren würde, dass sie die störenden Lichteffekte eines ja jederzeit drohenden Sternenhimmels abdecken, um dann auf diesen Supermegawänden virtuell erzeugte Feuerwerke zu zeigen oder stundenlang, ganz ohne Feinstaubgefahr, YouTube-Videos von Feuerwerken früherer Tage abzuspielen. Wenn dazu noch – was kann schöner sein? – die Bassboxen der Loveparades von Berlin und Zürich gemeinsam ohrenbetäubend wummern würden, könnte vielleicht auch ein größerer Teil der „Spaßfraktion“ auf die klassische Silvesterböllerei ganz verzichten. Und wer auf den billigen Plätzen, meilenweit von den Supermegaleinwänden entfernt, auch noch Spaß haben will, dem könnte man das Ganze doch aufs Smartphone und von da in die Ohrstöpsel streamen, um Blitz, Knall und Glamour des aufziehenden neuen Jahres auch in den letzten Winkel der Spaßmeile zu tragen. Und von da über Facebook in die ganze Welt und so weiter und so fort. Das passt dann auch zu einem weiteren Trend: Da der Lichtzauber am Himmel allein die oft zahlenden Partygäste auf den Silvestermeilen und -plätzen von Berlin bis Sidney nicht mehr hinreichend unterhält, der Lärm von Knallern und Schwärmern und das Blitzen von Raketen nicht mehr genügend „Spaß“ machen, ist man nämlich bei großen Freiluftveranstaltungen wie dem Konstanzer Seenachsfest schon seit einiger Zeit dazu übergegangen, mit Megaboxen Megaklänge aus Klassik und Pop über den See hallen zu lassen. Und wenn, wie auf der zwei Kilometer langen Silvestermeile von Berlin, Showstars mit ihren Showacts auf Showbühnen von Actionhighlights, Laser- und Lichtanimationen ins Rampenlicht gesetzt werden und damit ein eigenes Feuerwerk von Attraktionen zur Bespaßung der Partygäste abfeuern, dann kann das neue Jahr vielleicht auch kommen, wenn es nicht mit herkömmlichen Böllern und Krachern von einem Ende zum anderen Ende der Welt gehetzt wird. Dann ist nicht nur das Erlebnis Feuerwerk so ein richtiger Knaller, sondern es wird endlich zu einer Win-Win-Sache für alle, die Aktionäre der pyrotechnischen Industrie mal ausgenommen. Einzig die unterbezahlten Böllermänner und Böllerfrauen, die in China das Schwarzpulver in die Böller stopfen, müssen sich nach einem neuen Job umsehen. Machen diese Ideen erstmal die Runde, wird wohl auch der gute alte Chinaböller ein Globalisierungsopfer werden. Der Knallkopp von altem Schrot und Korn bliebe allerdings in jedem Fall auf der Strecke. – Eine Runde Mitleid schon, aber kein Grund, dass allen der Spaß vergeht.

Anmerkungen:
1) vgl. Bild-online, 3.1.2016
2) vgl. Huo-Pau – Die Geschichte des Feuerwerks, http://www.pyroweb.de/informationen/geschichte/, 4.1.2016
3) vgl. Anja Kircher-Kannemann, http://resikom.adw-goettingen.gwdg.de/abfragebegriffe.php?optionID=50 –  vgl. auch ihren Beitrag in: Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich. Bilder und Begriffe. Hg. von Werner Paravicini, bearb. von Jan Hirschbiegel und Jörg Wettlaufer.Residenzenforschung 15 II, Teilbd. 1+2, Thorbecke Verlag, Ostfildern 2005
4) http://www.brot-fuer-die-welt.de/so-helfen-sie/brot-statt-boeller.html?gclid=CP2f9O-4jsoCFQb3wgod1PwJDA
5) http://www.focus.de/regional/rostock/brauchtum-fuer-ein-gruenes-gewissen-an-silvester-baeume-statt-boeller_id_5178509.html
6) http://www.taz.de/!5076331/

Mit dem Vorsatz ist das, wie jeder weiß, so eine Sache. Manchmal genügt schon das Aufwachen aus den süßen Träumen eines kleinen, unschuldigen Mittagsschläfchens, dass er angesichts der noch irgendwo in der Wohnung ohne jeden Vorsatz gebunkerten Restschokoweihnachtsmänner und -osterhasen nach einem halben Stündchen schon nicht mehr vorgeht. Vorsätze menscheln eben, weiß auch jeder! Böser das Erwachen aber, wenn man den Fehler gemacht hat, seinen Vorsatz hinauszuposaunen, hinauszutwittern oder gar hinauszuposten. Als ob man seine Vorsätze absichtlich gegen die Schokolade gefahren hat, bekommt man schon beim nächsten Kaffeekränzchen von liebenswürdigen Kaffeetanten und – man achte auf die Genderlinie! – Kaffeeonkels die hämische Erinnerung an diese Vorsätze wieder vorgesetzt, wenn man, zugegeben etwas blauäugig, die aufgenötigte Sachertorte mit halbwegs Genuss verspeist. Wer sich in Gefahr begibt … Ehe man sich versieht, hat einer der „Freunde in echt“ – natürlich nur aus Jux und Tollerei und ohne jeden Vorsatz! – seine Facebook-Freunde informiert, dort auf die Pinnwand des armen Versagers vor alle anderen Einträge gesetzt: „Na, Moppel, wieder nichts mit den guten Vorsätzen? Macht nix!“ – Macht’s wohl! Wer dann noch erleben darf, dass ausgerechnet das Foto vom Kaffeekränzchen unter Freunden an die WhatsApp-Gruppe „Rund-aber-Gesund“ gesendet wurde, auf dem man mit aufgesperrtem Munde gerade mit seiner Kuchengabel der Torte auf die Schokolade rückt, dann könnte man, ohne Aussicht auf mildernde Umstände, also mit Vorsatz oder Heimtücke, am besten mit beidem, den Rachefeldzug gegen die Lästermäuler, besten Freunde mit den besten Absichten in echt und anderswo, die Mobber und die Cybermobber und am Ende gegen Gott und die Welt vorsätzlich beginnen.
Der Weg zur Hölle ist eben mit guten Vorsätzen gepflastert, wusste Samuel Johnson (1709-1784) zu sagen, warum sagt einem das heute keiner mehr! Dabei hat der Gute allerdings übersehen, dass das mit dem Vorsatz eigentlich begann, noch ehe man so richtig von der Hölle sprechen konnte. War es doch Eva im Paradies gewesen, die ihren Adam mit dem Apfel vorsätzlich verführt und damit für uns alle erst den Weg dahin so richtig freigemacht hat. Aber war die Schöpfung selbst nicht auch etwas wie eine vorsätzliche Tat? Wenn ja, was hat sich der liebe Gott bei der Sache eigentlich vorgenommen? Wie würde er heute angesichts von Dauerkriegen, Hunger, Not, Flüchtlingselend und Klimakatastrophe das Ganze beurteilen? Und, mit welchen Vorsätzen könnte der das Ganze nachbessern? Schwer zu sagen, ob er wirklich für das Ganze einen Plan hatte, aber das macht ihm ja auch keiner zum Vorwurf und postet seine Kritik an die Pinnwand des Himmels. Also doch lieber Plan als Vorsatz, haftet doch letzterem seit Evas unsäglicher Aktion immer die Vorstellung vom Vorhof der Hölle an, auf dessen abschüssiger Bahn hinunter man nur Halt finden kann, wenn man bereit ist, sich vorsatzgemäß zu kasteien. Wer allerdings der Geißeltour der Vorsätze und ihrer Antreiber aus dem Weg gehen will, der sollte doch lieber von Plänen reden. Klingt nicht nur besser, motiviert mehr, ist vergleichsweise simpel, kommt aber mit einer Weißt – du- oder Wissst-Ihr-Anrede bei Freunden und Bekannten auch rundum kreativ rüber: „Weißt du/Wisst ihr, ich habe immer so viele Pläne!“ Damit wird man nicht nur weniger leicht angreifbar, sondern signalisiert auch, dass man nicht zu den Zeitgenossen gehört, die sich, ohne jeden Plan für ihr Leben, jeden Morgen geist- und lustlos zur Arbeit schleppen. Aber vor allem garantieren Pläne, wenn man sie über den Haufen werden muss oder mit ihrer Umsetzung hadert (s. Gott und Welt), dass man obenauf bleibt. Wofür gibt es, da kann der bleierne Vorsatz nur staunen, schließlich den Plan B?

Zu Unterrichtszwecken auch veröffentlicht auf teachSam: Mit dem Vorsatz ist das so eine Sache

Manchmal geht es einfach nicht, ohne die Sache ganz von Anfang zu erzählen: Von zwei stehengebliebenen Mauern rechts und links gesäumt, war das „Plätzle“, wie wir es nannten, gelegen, ideal zum „Köpfeln“, genaugenommen war es natürlich Fußball, ging aber halt da nur mit dem Kopf auf dem Trümmergrundstück (ja so lang ist das her), und wem das nichts sagt, dann vielleicht so: Köpfeln war gewissermaßen eine spezielle Kunstform des Fußball, jedenfalls keine monotone Trainingseinheit für das eigentliche Kicken, eher der Versuch, die legendären Kopfballtore von „uns Uwe“ (wer den auch nicht kennt, dem kann hier nicht geholfen werden) zwischen Mauerresten wiederauferstehen zu lassen. Kleiner Unterschied: Statt ins Eckige, musste das Runde, wenn es geköpfelt worden war, die gegenüberliegende Wand berühren, was die Jungs auf der anderen Seite (Mädchen war wohl dafür ihr Kopf zu schade), längst bevor Raumdeckung erfunden war, durch geschickte Raumaufteilung und durch ein ausgefuchstes Kopfhinhalten zu verhindern suchten. Ende der Weitschweifigkeit, weiter im „Asthma-Stil“(1), für dessen rhetorische Qualität, das soll hier nicht verschwiegen werden, der Lemmermann (2) schon vor einem halben Jahrhundert nicht viel übrighatte. Also in kurz und knapp und auch für Kurzatmige: Eines Morgens treffen wir uns wieder auf dem Plätzle zum Köpfeln. Neuer Plastikball (das Runde, wer es nicht gemerkt hat). Ich darf wählen. Für die anderen Kurt. Fritz zu mir. Hans zu dir. Halgar – Achtung, einmal tief Luft holen!  – (ja, ja solche Namen gab es sogar damals) zu mir. Edgar zu dir. Aufstellung in Raumdeckung. Spielbeginn, Ball hochgeworfen. Hals mit Kopf in Position gebracht. Kopfstoß gegen den Ball. Und den genau in die Lücke – an die Wand!!! (Atempause, jetzt kommt’s!) Genau dorthin, wo seit diesem Morgen das Wort „Fotze“ an der Wand prangte: 1:0! Endstand. Was folgt, geht nur im Großsatz(3), dem weitausgesponnenen Denkzusammenhang. Kaum hatten wir Köpfler das Five-Letter-Word an der Wand entdeckt, das nur einer mit der schmutzigsten Fantasie, die man sich vorstellen konnte, mit einer Scherbe an die Wand geritzt haben konnte, bemerkt und gelesen, sahen wir uns kurz an und nahmen, vorerst jedenfalls und sicherheitshalber, mal Reißaus, Spielabbruch in der 1. Minute, kann sich heute selbst bei Bengalos auf dem Platz keiner mehr vorstellen. Ob wir uns bis auf den Grund unserer Lederhosen schämten – ein Österreicher grinst darüber wahrscheinlich blöd (darüber später) – oder ob wir einfach nur Angst davor hatten, für den Urheber des ziemlich puristisch, aber wie ein Menetekel für kommende Höllenqualen in die Wand geritzten Wortungeheuers gehalten zu werden? Schwamm drüber! Fakt ist aber: Wenn man bei so etwas kein Alibi vorweisen konnte (Mama, ich weiß, nicht mal, wie man sowas schreibt!), musste man damals – kein Märchen, sondern erlebte Geschichte – auch als unschuldiger Lederhosenträger mit mindestens zwei Wochen Hausarrest oder 250 mal (in Worten: zweihundertfünfzig) in Schönschrift verfasstem „Schmutzige-Sachen-schreibt-man-Nicht“ rechnen. Einwurf: Die zur Umerziehung durch Schönschrift verdammten von damals sind übrigens genau die heute Angegrauten und Nachblondierten der Generation 60+, die das Four-Letter-Word in „Who the fuck is Alice“ bei jedem Straßenfest hinausposaunen, sobald der Gitarrist in bester Pete-Townsend-Manier, weitausholend von oben nach unten, die ersten Akkorde des Songs anspielt. Echt abgefahren, um das F-Word, wie die Amis sagen, mit vorgestelltem „Ab“ an dieser Stelle der Geschichte noch nicht weiter zu strapazieren (später, wo es besser passt, werde ich die Reinheit der deutschen Sprache mit diesem unnötigen Anglizismus allerdings beschmutzen.)
Gut, Mitsingen, am liebsten bis zur Atemlosigkeit, ist hierzulande Kult, ob bei ausgesprochenen Mitsingkonzerten („Tellingstedt singt mit Heino“) oder bei Helene Fischer im Duett mit Mesut Özil unterm Brandenburger Tor, bei Dieter Thomas Kuhn, den Wildecker Herzbuben, den Stones und Lady Gaga, in dem Zusammenhang aber mal kurz über den Teich mit einer erweiterten Dass-wenn-dann-auch-wenn-Konstruktion, die jeder versteht (kein Großsatz, sondern nach einem festen Satzmuster aus Schüleraufsätzen): Wenn man sich vorstellt, dass, wenn in den puritanisch-bigotten USA der verantwortliche Moderator, auch wenn ihm das F-Word selbst nicht rausgerutscht wäre, dass wenn dann in seiner Musiksendung die „Who-the-fuck-is-Alice-Version“ des Smokie-Oldies gespielt würde, dass er dann, wenn nicht in Guantanamo, so ganz sicher, wenn es es Alcatraz nicht mehr gibt, wo seinerzeit, sagt Wikipedia, auch andere Gangster wie Al Capone oder Machine Gun Kelly einsaßen, in Sing-Sing, an den Ufern des Hudson River, eingebuchtet würde, wenn nicht noch schlimmer.
Das Fremdschämen in der Lederhose, reduzieren wir das historische Geschehen der Einfachheit halber auf dieses Motiv, hinterlässt jedenfalls Spuren, die nicht so einfach hinter Gefängnismauern oder bei Schönschrift- oder Satzbauübungen zur Periode rausgewaschen werden können. Ist auch keine, denn mich verfolgt es schon das ganze Leben. Da tut schon gut, wenn jemand, der es wissen muss, sagt: „Scham ist keine anerzogene Unart. die man sich abgewöhnen sollte, sondern die Bedingung von Moral schlechterdings.“(4) Dazu noch eine Geschichte aus der Geschichte: Wenn sogar eine der frühen Busenattentäterinnen von 1969, (auch davon sollte eigentlich immer noch erzählt werden) die frühere Studentin A, sich bis ins neue Jahrtausend für ihre Barbusenaktion gegen den armen Theodor Adorno am 22. April 1969 im Hörsaal VI der Frankfurter Universität schämt (5), tut das richtig gut. Schließlich wird dahinter sichtbar, dass auch solche provozierende Schamlosigkeit – wer würde sich heute noch wirklich über die zur Schau gestellten Brüste an so einem Ort aufregen? – bei Studentin A, wie Greiner betont, offenbar von bis heute nachwirkenden Schamgefühlen begleitet ist, wenn sie weiterhin anonym bleiben will und das legendäre Busenattentat nicht in Talkshows versilbert, wie dies die inzwischen leider auch geliftete Uschi Obermaier tut, die seinerzeit, auf anderem Terrain und in anderen Betten agierend, gemeinsam mit ihren Kommunarden in der berühmten „A-Tergo-Fotografie„, schamlos, wie viele empörte Zeitgenossen meinten, ihren knackigen Po und andernorts ihre Brüste – richtig schamlos waren eigentlich nur meine Fantasien!* – präsentierte, um den verbiesterten Zeitgenossen (Alte Kommunardenansage: Wer einmal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.) ihre Prüderie vorzuhalten. Obwohl die Busenattentäterin und die Po- und-Brüste-Kommunardin Kinder der gleichen Zeit waren, gehen sie mit ihrer barbusigen Vergangenheit bis heute völlig anders um. Und Pussy Riot und die anderen Femen in Europa? Respekt, Respekt. Bei ihren Oben-ohne-Aktionen (Fuck Putin in Hannover 2013, echt abgefuckte Sache, hallo!), ihren Bekenntnissen zu Gott (6), , gegen das „Machtmonopol der katholischen Kirche“, gegen den für seine Bunga Bunga-Spiele mit minderjährigen Prostituierten berüchtigten Cavaliere, Silvio Berlusconi, gegen die Pornoindustrie und die Scheichs von Katar (7), für Frauenrechte in islamischen Staaten und gegen den Zwang, dass Prostituierte eines Berliner Großbordells ihren Kunden Oralverkehr ohne Kondom anbieten mussten … Will aber sagen, also lieber wieder oral history, dass einmal gemachte Schamerfahrungen tief sitzen. So wundert es mich auch nicht, dass ich heute noch immer das gleiche Unbehagen empfinde und in meiner, wie ich vermute, Fremdscham versinke, wenn ich, wie vor einiger Zeit, eine Schülerin zu ihrer Busenfreundin sagen höre „Du alte Fotze, komm‘ mal her!“ Und, ein paar Ermahnungen und Einwände weiter – man muss den jungen Leuten ja auch mal gutgemeinte Ratschläge geben dürfen – die Erklärung, und das mal ohne Punkt und Komma: „Fotze Alter ist echt ok Mann wenn sie Schlampe sagen würde dann ey“ Ja, was dann? Dann läuft Schlampe dem Five- Letter-Word (manche schreiben es auch mit „Vogel-V„) die Scham ab und auch für mich, den Alten, gibt es keinen Grund mehr, Reißaus zu nehmen. War eine glatte Fotze, mitten ins Gesicht, würde der Österreicher dazu sagen und obendrauf noch blöd grinsen: Fotzen heißt dort nämlich ohrfeigen.

* Hätte so eigentlich nicht erzählt werden müssen, unterstreicht aber den Geltungsanspruch, Geschichte hier aus erster Hand zu liefern.
Gert Egle, http://www.teachsam.de, 7.1.2016
Anmerkungen:
1) Heinz Lemmermann, Lehrbuch der Rhetorik, 3. Aufl., München: Goldmann 1968, S.92
2) ebd.
3) ebd.
4) Ulrich Greiner, Schamverlust. Vom Wandel der Gefühlskultur, 2. Aufl., Reinbek b. Hamburg: Rowohlt 2014
5) vgl. ebd., S.37
6) Am 25. Dezember 2013 sprang Josephine Witt während einer Weihnachtsmesse im Kölner Dom auf den Altar und rief „Ich bin Gott“ und „Ich glaube an die Gleichheit aller Menschen“, bevor sie von Domschweizern beiseite gezogen und zu Boden gebracht wurde. Auf ihrem entblößten Oberkörper war der Slogan „I am God“ aufgemalt. Nach Angaben der Aktivistin richtete sich die Aktion gegen das „Machtmonopol der katholischen Kirche“. Ein Jahr später wurde Witt vor dem Amtsgericht Köln wegen grober Störung der Religionsausübung zu einer Geldstrafe von 1200 Euro verurteilt, in der Berufungsverhandlung vor dem Landgericht Köln zu 600 Euro (Wikipedia, 7.1.2016)
7) Am 11. Dezember 2013 stürmten zwei halbnackte Aktivistinnen und zwei Aktivisten die Bühne der Live-Fernsehsendung Markus Lanz und demonstrierten gegen die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in Katar im Rahmen der Vorbereitung zur Fußball-WM 2022. (Wikipedia, 7.1.2016)

 

Am 30. Mai ist der Weltuntergang dudelte früher das Radio im Wohnzimmer immer wieder, wenn die ersten wirklich wärmenden Sonnenstrahlen zu Beginn des Wonnemonats Hoffnungen auf mehr machten. Nur noch kurz die Welt retten?  Einfach so dahingerapt – auch nicht besser  als die  winzigen Hoffnungen, die aufkeimten, als die  herbeikatastrophierte  Maya-Apokalypse am 21.12.2012  zerbröselte wie  die Mauern von Jericho,  nur Gott weiß, wie nötig solche gewesen wären, wenn es Ison, der Komet aus der Finsternis, im November  2013  wirklich bis vor unsere Haustür geschafft hätte, eine  Verschnaufpause bloß, soviel ist klar,  bedenkt man allen Ernstes,  was die  die richtigen Wikinger angeblich prophezeit haben, nur Lästermäuler denken hier an Hägar, auch wenn das durchaus seiner mettrunkenen Kampfesfreude hätte entsprungen sein können:  Der Fenriswolf und die Midgardschlange  werden befreit und machen, Hägar hin oder her, Odin und den anderen Göttern in Walhalla den Garaus, und das schon am 22. Februar   des laufenden Jahres 2014.  Nur noch kurz die Welt retten?  Verdammt kurz, Tim Bendzko, verdammt kurz … Da verschafft der Nummer-1-Hit von 1954 Am dreißigsten Mai ist der Weltuntergang, sofern man ihm glauben kann, von heute aus betrachtet, doch noch mehr als nur ein paar Wochen mehr Luft:
Am dreißigsten Mai ist der Weltuntergang
wir leben nicht, wir leben nicht mehr lang.
Doch keiner weiß in welchem Jahr
und das ist wunderbar. 

Wenn man wenigstens wüsste, an welchem Wochentag das Ganze steigen soll, könnte man am Doomsday wenigstens dabei sein.  Denn, wer den globalen Showdown nicht verpassen will, sollte künftig dienstags zu Hause bleiben und Fenster und Türen verriegeln. Dienstags, so hat man gerade in England herausgefunden, ist die Wahrscheinlichkeit nämlich besonders hoch, von einem Auftragskiller ermordet zu werden. Wäre doch schade drum …