Über allen Gipfeln ist Ruh hat Goethe gut sagen, mit dem, was er, womöglich über Gott und die Welt sinnierend, mutmaßlich im September 1780, bei einer Wanderung mit einem Bleistift an die Holzwand der Jagdaufseherhütte auf dem Kickelhahn bei Ilmenau geschrieben hat. Und wie er fortfährt in allen Wipfeln/ Spürest du/ Kaum einen Hauch und dabei mit seinen Versen, wie Sigrid Damm sagt, den ganzen Kosmos durchwandert, will bei unserem Thema so gar keine Message rüberbringen.
Wenn man sich dem Gipfel allerdings auf einer anderen Route nähert, wird schnell klar, dass Gipfel, vor allem in der Politik, nichts Gutes versprechen. Wenn der Ruf nach einem Gipfel laut wird, dann ist von Ruhe nämlich weit und breit nichts mehr zu sehen und der Hauch hat sich längst zu einem Sturm entwickelt.
So verhieß auch der Wir-brauchen-einen-Renten-Gipfel-Ruf von Heribert Karch, dem Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Altersversorgung (aba)(1) im letzten Frühjahr grundsätzlich nichts Gutes (die großen und kleinen Rentengipfel zu Beginn dieses Jahrtausends sind Legion). Und wenn sich sogar ein DGB-Bundesvorständler beim Rentengipfel der DGB-Senioren der Region Osnabrück-Emsland von aufgebrachten Rentnerinnen und Rentnern sagen lassen muss, er und seine Gewerkschaft würden nicht genügend für die Rentner und gegen das sinkende Rentenniveau tun (2), dann ist auch im hintersten Zipfel angekommen, wie hart die Auseinandersetzungen um die Verteilung der Lasten des demografischen Wandels künftig geführt werden könnten.
Was Alt und Jung bewegt: Immer größere Altersarmut bei jenen, immer höhere Beiträge zur Rentenversicherung bei diesen. Und natürlich will keiner die Zeche einer verfehlten Rentenpolitik langer Jahre bezahlen. Und: viele können das auch nicht, selbst wenn sie es wollten. Aber über all den Rentengipfeln ist weitere Unruhe in Sicht: Jetzt machen sogar die eigenen Parteijungen (schließt Frauen ein) Front gegen das Rentenreformpaket der Großen Koalition. Während diese sich wegen ihrer milliardenschweren Verbesserungen für die langjährigen Versicherten, ältere Mütter und sogenannte „Erwerbsgeminderte“ (geht’s noch?!) eigenlobt, stellt der angebliche Fortschritt zu mehr Generationengerechtigkeit dem Jungen Wirtschaftsrat der CDU, jungen Leuten bei den Piraten und sogar bei der FDP (ja, die gibt es offenbar auch noch) die Haare zu Berge.
Was sie der Bundesregierung vorwerfen: Anzettelung eines Krieges der Generationen. Ihr Ziel im Generationenkrieg: Die Rente mit 63 stoppen. Der Verband der Jungen Unternehmer hat mit seiner Vorsitzenden Lencke Wischhausen so gar keine Lust, zur Zahlmeisterin des Rentnerstaates degradiert zu werden. Das Rundumsorglos-Paket der Großen Koalition verlange nämlich von der jungen Generation, „härter zu arbeiten und mehr zu bezahlen, um am Ende selbst weniger Rente zu bekommen“. Und am Ende wieder der Ruf: „Wir fordern einen Gipfel für die junge Generation.“ (3) Also wieder nichts mit Goethe.

Routenänderung: Der Generationenkrieg ist grundsätzlich nichts Neues, Scharmützel sind schon immer gang und gäbe, die offene Feldschlacht allerdings wurde meistens gemieden. Und das ist auch gut so.
Bei manchen Naturvölkern, holen wir also mal weiter aus, herrschen, wie man weiß, viel rauere Sitten, was den Umgang mit alten Menschen angeht. Dort, wo man in Gesellschaften, in denen der Mangel alles bestimmt und sich jeder als Jäger und Sammler aktiv am Überlebenskampf aller beteiligen muss, sind Alte und Gebrechliche eine Last, derer sich die anderen, sagen wir’s mal so sachlich-nüchtern wie möglich, entledigen.
Altenmord, nennen das andere, wenn diesen meist nomadisierenden Gesellschaften, die mit ihrem wenigen Hab und Gut und ihren Kindern oft weiterziehen müssen, offenbar nichts anderes übrigleibt, als die Alten zu töten oder dem sicheren Tod auszusetzen. Wie das jeweils geschieht, lehrt einen hier das Grausen, wenngleich angesichts der Foltergeschichte des christlichen Abend- und des muslimischen Morgenlandes, angesichts von Holocaust, Madaja, Islamischem Staat und Guantanamo kein Anlass zur Überheblichkeit gegenüber indigenen Völkern angesagt ist.
Aber auch eine romantisierende Sicht mit Scheuklappen vor Augen (Vorsicht: Hier nur nicht ins Fettnäpfchen treten!), taugt nichts, wenn man einen kurzen Blick auf die Praktiken von manchen Naturvölkern im Umgang mit ihren Alten wirft.
Jared Diamond, ein US-amerikanischer Evolutionsbiologe, hat in seinem Buch Vermächtnis (2012) eine ganze Liste davon zusammengetragen (genau das hat allerdings auch Kritiker aus der Wissenschaft, aber auch von indigenen Völkern auf den Plan gerufen, die meinen, dass diese Gesellschaften zu pauschal als kriegerisch dargestellt würden).
Bei den Hopi in Nordamerika, einigen Inuit-Stämmen in der Arktis und bei einigen Gruppen von Aborigenes in Australien werden die alten Menschen einfach ausgegrenzt, sie erhalten nichts mehr zu essen und verhungern. In der afrikanischen Kalahari, bei den Ache-Indianern in Südamerika und den Kutenai- und Omaha-Indianern in Nordamerika werden die Alten einfach ausgesetzt oder beim Weiterziehen des Stammes zurückgelassen. Es gibt sogar Völker, in denen die Alten mit (wer das wirklich glaubt, wird selig) oder ohne deren Einverständnis erdrosselt oder erstochen werden.
Aber: Nicht alle Naturvölker, die im Mangel leben, springen so mit ihren Alten um. Wenn es nämlich durch Arbeitsteilung gelingt, dass sie sich für die ganze Gemeinschaft nützlich machen können, bleibt ihnen dieses grausige Schicksal erspart. Mitunter profitiert die ganze Gemeinschaft davon, dass die Alten einfach in ihrem Leben so viel gelernt haben und ihr Wissen zum Überleben aller einfach nötig ist. Manchmal sorgen sie auch für die Kinder, wenn die anderen auf der Jagd oder beim Sammeln von Beeren, Früchten und Kräutern sind. Und wer’s als alter Mensch in manchen Naturvölkern besonders weit bringt, der wird am Ende seiner Tage Zauberer oder Schamane und als Hüter und Vermittler seines Wissens bei kultischen Handlungen unersetzlich. (4)
Nun sind die Naturvölker, jedenfalls was das anbetrifft, nicht gerade Vorbilder für uns und taugen auch wenig zum Vergleich mit einer Gesellschaft, in der die meisten eigentlich im Überfluss leben und das ständige Haben-Wollen in einem wahren Konsumrausch gipfelt.

Also wieder Routenänderung: Auch in der griechischen Antike war es um die, die damals zu den Unterschichten zählten, im Alter nicht gut bestellt, denn Rücklagen dafür anzulegen, war ihnen schlicht unmöglich. Was diesen Alten blieb, war die Hoffnung, dass sie von ihren Kindern versorgt wurden. Nun wurde ja im antiken Griechenland zwar kaum jemand nach heutigen Verhältnissen betrachtet, richtig alt (wer’s bis 15 geschafft hatte, konnte aber schon noch 30 Jahre oder sogar länger leben) (5). Vom Methusalem-Komplex (6) jedenfalls konnte in einer Zeit, bei der die Hälfte der Menschen, die überhaupt das Jugendalter erreichten, zwischen 45 und 50 Jahren schon das Zeitliche segneten, damals nicht die Rede sein. Aber nichtsdestotrotz: Dem Nachwuchs musste die Aufgabe auch damals eingebläut werden, dass sie ihre Eltern zu ehren und im Alter für sie und nach ihrem Tod für ihre Bestattung zu sorgen hatten. Wer das nicht tat, dem ging man vor Gericht an den Kragen und entzog ihm unter Umständen seine bürgerlichen und politischen Rechte (würde heute vielleicht viele politikverdrossene Jugendliche kaum aufregen, die ihre Stimme ohnehin lieber bei Smartphone-Votings von DSDS oder dessen Ablegern abgeben als im Wahllokal) und dann war man ehrlos.
Harte Zeiten für Drückeberger, die ihrem Alten zu Hause nicht mal den täglichen Graupenbrei, einen weichen Mantel, einen Pelz und eine Prostituierte (ok, war auch in den Wespen des Aristophanes nur ein Witz) gönnen wollten. Aber die Sache mit der Prostituierten ist vielleicht doch nicht so ganz weltfremd, denn Männer, so sagen sie jedenfalls heute, können schließlich immer und bei der Lebenserwartung damals waren viele von ihnen, auch ohne blaue Pillen, gut das ist natürlich eine reine Vermutung, sicher noch potent genug.
Aber nur kein Mitleid mit den Jungen: Wenn man übertragen kann, was für das Römische Reich errechnet wurde, hatten nahezu zwei Fünftel der 15-Jährigen schon ihren Vater verloren, für den das mit der Prostituierten-Versorgung dann natürlich auch Essig war.
Wer im antiken Athen Kohle besaß, machte mitunter auch den Versuch, sein Eigentum schon früher seinem Sohn zu vererben, um ihn für die eigene Daseinsvorsorge zu verpflichten, aber das konnte natürlich schiefgehen. Da war es schon besser, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, und wenn man gar kinderlos war, musste man, auch wenns mitunter schwerfiel, den Hintern hochkriegen und sich etwas einfallen lassen. Menekles, einer dieser Sorte, zeigte sich dabei besonders pfiffig: Er adoptierte einfach den Bruder seiner zweiten, von ihm geschiedenen Ehefrau, um das Problem zu lösen. (7)

Wer sich den Altersbaum, wie man die Visualisierung der Altersstruktur der Bevölkerung bezeichnet, einmal für die Zeit von 1910 bis 2013 (8) und die Prognosen bis zum Jahr 2060 (9) ansieht, kann verstehen, warum in der Politik über die Zukunft von Alt und Jung mit allen Bandagen gerungen wird. Was sich da in den Wipfeln des Altersbaums zusammenbraut, kann einem jungen Menschen vor allem schon angst und bange machen: Immer mehr ältere und alte Menschen müssen von denen, die künftig noch arbeiten, per Generationenvertrag, im Klartext: mit ihren monatlich zwangsabgeführten Beiträgen unterhalten werden. Kein Wunder, dass etliche Alten beginnen, denen die arbeiten, (Vorsicht ist besser als Nachsicht) nicht mehr so recht zu trauen.

Schließlich geht es heute bei einigen von ihnen nicht mehr um Graupenbrei und die Vor-Ort-Prostituierte, sondern bei so manchem Rentner und Pensionär um Vietnamesische Sommerrollen im Thai Style und um die freie Prostituiertenauswahl in Pattaya, wo man, wie der kleine Heinz, ein ehemaliger Verpackungsingenieur im stolzgeilen Alter von 72 (10) erklärt hat, zu Zeiten des Euro-Höhenflugs „von 800 Euro im Monat leben kann, Alkohol, Frauen und Zigaretten inklusive.“ Und wen’s anmacht, der kann sich in unzähligen YouTube-Videos zeigen lassen, wie man mit wenig oder mehr Rente da unten zwischen Pool und Sandstränden die Puppen tanzen lassen kann. (11)
Aber die Erfolgsgeschichte des Renters Willi, Mitte 70, mit seiner jungen thailändischen Frau , das Ganze ebenfalls auf YouTube zu sehen (12) (der Altersunterschied macht das Ganze allerdings nicht obszön, wie man, wenn einer jetzt an Münte, den Cavaliere, Gerhard Schröder, Günter Öttinger, Helmut Kohl und Helmut Schmidt – ja auch der! – denkt, als Beitrag zur Männergerechtigkeit sagen muss), Willis Erfolgsstory kann als nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch dort unten die Kluft zwischen armen und wohlhabenden deutschen Rentnern weit auseinandergeht. Nur ist das – das wiederum ist wirklich der Gipfel! – bei vielen offenbar immer noch viel mehr ist, als das, was sich in den Puffs und auf dem Straßenstrich von Pattaya von den jungen Frauen verdienen lässt, die ihren Körper an die Rentnerzipfel vermeintlicher Woopies (Well-Off Older Persons) mit ihren mal mehr, mal weniger gut erhaltenen Oldie-Bodies, Faltengesichtern und Hängebäuchen verkaufen müssen. Willi jedenfalls bekommt noch heute lüsternglasige Augen, wenn er von seinen wilden 15 Jahren in Pattaya spricht. Hat er heute nicht mehr nötig, sagt er, blickt auf seine zwei Kopf kleinere Frau und grinst.

Gut für uns, die wir zu Hause bleiben (das macht uns aber nicht wirklich zu besseren Menschen), dass auf YouTube mit seinen inzwischen über eine Milliarde Nutzern, die jeden Tag weltweit  mehrere hundert Millionen Stunden Videos ansehen (13), das Genre Rentner-Nightlife-in-Pattaya und ähnliches wohl kaum von jungen Leuten gesucht und, obwohl, wie alles im Internet, eigentlich nur einen Klick entfernt ist, wohl auch selten gefunden wird. Solange sich keiner ihrer YouTube-Stars wie Y-Titty, Gronkh, Dagi Bee, freshaltefolie, albertoson, Simon Desue und andere von der Nur-Comedy, den Lets-Play-Videos, den SchminkBeautyLifestyle-Tipps und sonstigen simplen Inhalten (14) aus einer Welt voller Jux und Tollerei, einfach aus der Lust vieler, Spaß und nur Spaß zu haben, Geld drucken können, brauchen die Alten sich wenig Sorgen machen, selbst wenn es Rentner-Willi, der kleine Heinz oder die anderen mal in den YouTube-Charts weit nach oben bringen sollten. (LeFloid, alias Florian Mund mit seinen 2,6 Millionen Abonnenten ist mit seinem, teils etwas schrägen, auf Jugendliche zugeschnittenen Nachrichtenmagazin, in dem er auch aktuelle Themen aus Politik, Gesellschaft und Panorama aufgreift, die Ausnahme).
So haben die meisten Jugendlichen in ihren ureigenen YouTube-Reservaten oft nur wenig Ahnung davon, warum ausgerechnet Rentnerinnen und Rentner, die kaum mehr über die Runden kommen, vor Tafelläden (ein Begriff der, wenn man’s nicht besser kennt, auch leicht in die Irre führen kann) anstehen oder was einige selbsternannte Best Ager mit dem machen, was ihnen da monatlich nach Pattaya rüberwächst.
Weiß der Geier, wie schnell die Jungen dann wohl ins Lager der Generationenkrieger überlaufen würden, sieht man mal von der hartgesoffenen Malle-Fraktion ab, die sich den kleinen Heinz oder den Rentner-Willi schon heute zum Vorbild nimmt und halt, wenn’s nicht anders geht, mit einer privaten Riesterrente für den Bumsbomber nach Thailand spart, zumal der Preis für das Flugticket nach Pattaya (die Entfernung zwischen Palma de Mallorca und dem Flughafen U-Tapao in Thailand ist groß und die Flugzeit mit airberlin, Thai- und Bangkok-Airways mit zwei oder mehr Stopps und allem drum und dran schlappe 19 Stunden und 50 Minuten lang) auf den ersten Bordellbesuch draufgeschlagen werden muss.

Die Mehrheit der jungen Leute zwischen 12 und 25 Jahren hat hierzulande jedenfalls nichts oder nicht viel gegen die Alten. Einige wissen vielleicht auch, was in den Wipfeln des Altersbaums, zwischen Tafelladen und Pattaya, los ist. Trotzdem sehen sich die meisten nicht als die Rentenbeitragssklaven von Silversurfern mit iPads, Best Agern und Woopies aller Art.
Und, solange jedenfalls die allgemeinen wirtschaftlichen Aussichten rosig sind und ein jeder und ein jede für sich hofft, sein Päckchen demografischen Wandels mit Eigeninitiative schultern zu können, wollen sich die meisten Jungen nicht in einen Krieg der Generationen hineinziehen lassen, wie die 16. Shell-Jugendstudie (2010, S.169) vor fünf Jahren schon festgestellt hat. (15)
Die jungen Leuten sehen allerding schon, dass der demografische Wandel der ganzen Gesellschaft eine Menge abverlangen wird, aber in der aktuellen Shell-Jugendstudie (2015) halten sogar verglichen mit 2006 nur noch die Hälfte von ihnen, nämlich 13%, es für ein sehr großes Problem, dass es in Zukunft mehr ältere und weniger jüngere Menschen gibt. (16) Aber für blöd verkaufen lassen, wollen sie sich auch nicht, und so erklären auch 2015 weiterhin knapp die Hälfte der befragten Jugendlichen, dass das mit den mehr Alten und den weniger Jungen schon ein großes Problem sei. Aber solange die allgemeine Stimmung im Lot ist und man für sich und das Ganze eine Perspektive sieht, bleibt wohl auch der Anteil der Jüngeren weiter gering (2010:25%; 2006 34%), die verlangen, dass Ältere zugunsten der Jüngeren zurückstecken sollen. Heinz und Willi können also aufatmen.
Überhaupt macht die Einschätzung der Mehrheit der jungen Leute, wonach das Verhältnis zwischen Alt und Jung heutzutage (2015) eher harmonisch (53%) statt angespannt (40%) ist, durchaus Mut, zumal sich viele Befragte, rein entwicklungsmäßig betrachtet, in einer Lebensphase befinden, in denen die Eltern naturgemäß schwieriger werden. Ja, und auch wenn – allerdings das offenbar in konjunkturellen Schwankungen – 32% meinen, dass sich das Verhältnis von Alt und Jung in Zukunft verschlechtern wird, liegen sie hinter dem Dreifünftel, das meint, alles bliebe beim Alten (49%) oder könnte sich sogar noch verbessern (13%), deutlich zurück. (17)

Also noch scheint im Verhältnis der Generationen alles irgendwie im Lot, auch wenn es wohl nicht lange gehen wird, bis der Anteil der Jungen, die noch 2010 geglaubt haben, der Wohlstand zwischen Alt und Jung sei gerecht verteilt (2006: 43%, 2010: 47%) abnehmen wird (18), wenn die Raten für einen BMW zu hoch sind und die Jungen im Rückspiegel ihres Kleinwagens sehen, wie manche Best Ager in ihren Wohnmobilen auf der Reise in den Süden hinter ihnen auf die Überholspur wechseln.

Besser als, wie Kaninchen vor der Schlange, auf das Gefühlsbarometer der Jungen zu schauen wäre es indessen, wenn auch wir Alten, insbesondere als Herbst-Menschen um die 60 herum, denen oft noch viele Jahre beschieden sind, ehe sie zu den Winter-Menschen werden, die pflegebedürftig und vielleicht auch dement ihre restlichen Tage leben, dem folgen würden, was Heribert Prantl einmal den gerontologischen Imperativ genannt hat: Pflege die sehr Alten so, wie Du selbst in zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahren gepflegt werden willst. (19) Und vielleicht verlieren wir dann auch unsere Angst vor dem Altern, vergessen das Gerede von der Alzheimerisierung unseres Landes und der drohenden Rentnerdiktatur und können dann, weil es für uns selbst ja auch nicht mehr so fern erscheint, ein Altern in Würde und sozialer Sicherheit ohne Psychopharmaka und Neuroleptika, ohne Festschnallgurte, kurz ohne Stalingrad im Pflegeheim (Prantl) mitorganisieren helfen.
So nehmen wir auch, wenn die Zeiten mal wieder schlechter werden, von den Jungen den Druck, sich für einen Generationenkrieg zu erwärmen, der in die soziale Kälte und für Alt und Jung gleichermaßen in die soziale Verwüstung (Prantl) führt.

In einer Zeit, in der simple Konzepte zur Lösung politischer Fragen und gesellschaftlicher Probleme Oberwasser zu bekommen drohen, darf man den Gipfel des Menschseins, die soziale und politische, aber auch ganz und gar eigenverantwortliche Anerkennung der Menschenwürde der Winter-Menschen nicht, wie Prantl weiter schreibt, am Lineal von Ökonomie und Leistungsfähigkeit messen. Und auch, wenn das an dieser Stelle nur wiederholt, was an anderer Stelle immer wieder mal zitiert worden ist: Die Betreuung und die Pflege altersverwirrter Menschen ist wesentlich mehr als eine lästige Pflicht, der wir uns zu unterziehen haben. Sie ist der einzige wirksame Schutz vor der Neuauflage der alten Idee vom ‚lebensunwerten Leben‘, zumal in einer Welt zunehmender wechselseitiger Distanziertheit unter dem eisigen Dreigestirn von Geld, Technik und rationalem Eigennutz. (John Bayley in seiner „Elegie für Iris“, die seinen Alltag mit seiner demenzkranken Ehefrau beschreibt). (20)
Wenn wir Herbst-Menschen, denen es gut geht (ganz viele sind indessen davon weit entfernt), uns nützlich machen, bleibt uns das Schicksal der Alten in manchen Naturvölkern (so viel Vergleich darf jetzt einfach mal sein) erspart und auch die Menekles-Strategie zur Sicherung der Altersversorgung muss niemand folgen. Und die Jungen werden, selbst wenn es in der Pubertät mit den Alten hoch hergeht, weiterhin sagen: Die Alten sind ganz ok so – und: Über allen Gipfeln und an allen Zipfeln ist Ruh.
(5.2.2016)

Anmerkungen:
1 http://www.presseportal.de/pm/102567/3016271
2 http://www.noz.de/lokales/osnabrueck/artikel/624240/rentengipfel-der-dgb-senioren-der-region-osnabruck-emsland
3 http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/umstrittene-rentenplaene-grosse-koalition-zettelt-krieg-der-generationen-an/9711084.html
4 vgl. Diamond, Vermächtnis, Frankfurt/M. 2012, S.246ff.
5 vgl. Krause, Ehe und Familie in Griechenland, 2003, S.24ff.
6 http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/alter-der-methusalem-komplex/1912784.html
7 vgl. Krause, Ehe und Familie in Griechenland, 2003, S.83f.
8 http://www.teachsam.de/politik/Arbeitswelt%20BRD/strukturwandel/demografischer%20wandel/demografischer%20wandel_ub_11.htm
9 http://www.teachsam.de/politik/Arbeitswelt%20BRD/strukturwandel/demografischer%20wandel/demografischer%20wandel_ub_8.htm
10 http://www.spiegel.de/spiegel/a-614996.html
11 http://www.youtube.com/watch?v=ae_BaB0HuRU
12 http://www.youtube.com/watch?v=sDQt2N7Qi3g
13 http://www.youtube.com/yt/press/de/statistics.html
14 http://www.heise.de/newsticker/meldung/YouTube-Stars-Viel-Geld-viel-Schleichwerbung-kaum-Inhalt-3056341.html
15 vgl. Jugend 2010, 16. Shelll-Jugenstudie, hrsgg. v. der Deutschen Shell, Frankfurt/M.: Fischer 2010, S.169
16 vgl. Jugend 20015, 17. Shell-Jugendstudie, hrsgg. v. der Deutschen Shell, Frankfurt/M.: Fischer 2001516. Shell-Jugendstudie 2010, S.191
17 vgl. ebd.
18 vgl. 16. Shell-Jugendstudie 2010, S.169
19 vgl. Heribert Prantl, Zeitenwende: Das Altern als Glücksfall für die Gesellschaft, aus: Der Bürger im Staat, H.2/3 2015, S.76-77
20 zit. n. ebd.

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