Meistens erfolgte kurz vor seiner Ausführung eine handfeste Drohung: „Wenn du zu meinem Bruder noch einmal ‚Blöde Sau‘ sagst, kriegst du einen Hirsch.“ Und war der „große Bruder“ – drei Jahre älter und mindestens eineinhalb Kopf größer musste er schon sein, um als solcher durchzugehen – körperlich auch in der Lage, diese Racheaktion zeitnah, wie man heute sagt, auch durchzuziehen, dann konnte das Ergebnis ein gut und gerne drei bis vier Zentimeter großer Bluterguss an der Außenseite eines der Oberschenkel sein, der einen zehn Tage oder sogar länger an die „blöde Sau“ bzw. ihren Bruder erinnerte. Ein „Hirsch“ nämlich war, kein Mensch weiß genau, was der gehörnte Waldbewohner dafür kann, ein kräftiger Kniestoß, der den Gegner in der Mitte, oder besser noch: ein klein wenig darüber treffen sollte. Nicht nur, dass so ein Hirsch saumäßig wehtat, man knickte auch meistens für eine Weile ein und musste, nicht selten vor Schmerz und Wut heulend, von dannen humpeln. Eines war dabei freilich klar: Der Hirsch des großen Bruders stand in keinem Verhältnis zu dem weitaus geringer einzuschätzenden Beleidigungswert der „blöden Sau“‚, die in einer in alle Richtungen offenen Skala bestenfalls halb soviel wert war, wie die Beschimpfung als „viermotorige Steppensau mit Düsenantrieb“, die wiederum nicht annäherndernd jene Werte erreichte wie die im Brustton klarer Abwertung vorgebrachte Äußerung „Deine Mutter“‚, welche ohne irgendwelche Zusätze, heutzutage schon ganze Bandenkriege ausgelöst hat.
Nun war so ein Hirsch also schmerzhaft und zwang einen meistens dazu, mehr oder weniger humpelnd das Feld zu räumen, aber er in seiner Wirkung blieb er doch weitgehend im Korperlichen haften, in die Seele des Opfers fand er selten hinein. Die psychosozialen Folgen waren nicht so dramatisch, auch das Opfer – vergessen wir nicht, das es mit der blöden Sau ja auch Täter gewesen ist – konnte trotz der wirklich zu beanstandenden Unverhältnismäßigkeit der Mittel mit dem blauen Fleck leben.
Ganz was anderes war es freilich, wenn man für irgendetwas, was dem großen Bruder nicht passte, einen Spitzer bekam. Dann traf einen die pure Verachtung ganz von oben herab. Dabei wurde der Spitzer ja eigentlich ganz von unten ausgeführt. Er war nämlich ein Fußtritt, der so gar nichts mit der Taekwondo-Ästhetik gemeinsam hat. Genaugenommen war er auch nicht nur ein Fußtritt – Fußballer würden die Fußhaltung als eine Art Spannstoß, ohne Ball versteht sich, bezeichnen – wenn man also genau hinsah, war der Spitzer eine Abfolge von mehreren, genau aufeinander abgestimmten Handlungen, an deren Ende der Spitzer ausgeführt wurde. Um es kurz zu machen: Das Opfer wird dabei mit beiden Händen an den Schultern gefasst, gegen seinen Willen um 180 Grad in die „A-tergo-Stellung“ bugsiert, dann so weit von sich weggeschubst, dass die Schuhspitze beim nachfolgenden weit ausholenden Fußtritt genau zwischen den Arschbacken landen konnte. Wer einen solchen Spitzer empfing, war bis in die Knochen blamiert, aber was nach viel schwerer wog, er war ausgeschlossen, zumindest für eine gewisse Zeitlang geächtet, litt aber meist viel länger unter der Demütigung, die der Spitzer einem bereitete. Auf solche Wirkung scheint auch der Namensvetter des besagten Spitzers aus zu sein. Damit ist nun keineswegs jenes kleine so nützliche und in unzähligen Formen die Schreibtische und Schulmäppchen zierende Utensil gemeint, in das man einen Stift hineinsteckt, dreht und so wieder spitz macht. Nein, hier ist die Rede vom Spitzer in Person, Manfred mit Vornamen und einem Professorentitel davor, der mit seinen auf populistische Zustimmung heischenden, fast marktschreierischen, nichtsdestotrotz oder gerade deshalb so erfolgreichen Ausführungen zur digitalen Demenz seinem Namen alle Ehre bereitet. Und die Masse seiner Leser sieht mit Vergnügen zu, wie er all denen, die sich darum bemühen, Kinder und Jugendliche auf ihrem oft nicht einfachen Weg zu einer kompetenten und selbstachtsamen Teilhabe am Leben in der Medien- und Informationsgesellschaft zu begleiten, seine Spitzer versetzt. Vielleicht ist es auch nur die Schadenfreude darüber, gepaart mit dem Wunsch nach einfachen Konzepten in einer hochkomplexen Welt wie heute, dass den medienpädagogischen Fachleuten oft auch nichts anderes einfällt, als den Eltern immer wieder gebetsmühlenhaft ins Gewissen zu reden: Kümmert euch um eure Kinder! Ob man es im Kreise von Medienpädagogen hören mag oder nicht: Den erhobenen Zeigefinger, der sich aller guter Absichten zum Trotz darin zeigt, wollen Eltern nicht sehen, die sich tagtäglich in zum Teil ganz schwierigen Verhältnissen in und außerhalb des Mediendschungels behaupten müssen, ihr tägliches doing family auf die Reihe bekommen möchten. Und trotzdem: Man wird das Gefühl einfach nicht los, dass es einfach ungerecht ist, wenn besorgte Väter und Mütter ihren Spitzer zücken, um auf Elternabenden dem Lehrer, für den Medieneinsatz aus guten Gründen unerlässlich ist, einmal ordentlich heimzuleuchten. Und dann beschleicht einen schon einmal der Wunsch, den Spitzer einfach umzudrehen, gegen den Namensvetter wohlgemerkt.

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