Wer bin ich eigentlich und warum eigentlich genau der, von dem die andern sagen, dass ich der bin oder sogar gerade so einer, der mir aus dem Spiegel direkt ins Gesicht schaut, und das sogar noch dann, wenn ich mich gar nicht sehen will oder gar für einen ganz anderen, meistens deutlich besser Aussehenden, halte? Wenn es stimmt, was George Herbert Mead meinte, als er sagte, man könne sich nur mit den Augen des anderen sehen, das Me, wie er den Teil des Ichs nennt, der mein soziales Selbst darstellt, eben nur die Verinnerlichung dessen ist, was die anderen von mir erwarten, dann ist die ewige Selbstbespiegelung ohnehin ebenso nutzlos wie überflüssig. Und auch Louis XIV. müsste wohl ein Einsehen haben und die Wandverkleidung seines Spiegelsaales durch eine schlichte Raufasertapete ersetzen, um sich nicht die Aussicht auf die zahlreichen Pupillen zu nehmen, mit denen unzählige Verehrerinnen (ganz Genaues weiß man ja nicht) und die Meute hundsföttischer Höflinge seine, von Rigaud andernorts immer wieder auf Leinwand gespannte, absolutistische Männerherrlichkeit widerspiegelten.
Nun ist natürlich so eine Pupille, selbst wenn man gewöhnlich zwei vor sich hat, eine bisschen klein und spiegelt auch nicht sonderlich gut (ein Zahnarztspiegel etwa von gleicher Größe bringt da weit mehr ans Tageslicht!), und, ob man sein „Me“ darin findet, ist mehr als zweifelhaft, aber auch der Weg in den Kopf der anderen und damit eine authentische Auskunft darüber, was sie über uns denken, ist uns, wie fast jeder, von Ehepaaren nach der Silbernen Hochzeit einmal abgesehen, weiß, prinzipiell verwehrt. Dann also doch: Her mit der immer wieder fröhliche Urstände feiernden, Verwendung der altbekannten Descartes-Formel für Spiegellose: Cogito ergo sum oder eben: ich denke, also bin ich. So denke ich also, dass die junge Türkin, die vor ein paar Monaten in einer Talkshow von Maybrit Ilnner gefragt wurde, ob denn ein Bundespräsident wie Joachim Gauck für junge Leute nicht eben doch ein wenig zu alt sei, antwortete: „Mmh, schon, wir jungen Leute sind heute doch alle bei Facebook.“ Da blitzte sie also auf, die Antwort auf die Frage, wer bin ich eigentlich und woran sieht man das: Ich bin bei Facebook, also bin ich und mein Me ist das in Facebook in Postform (nein, nicht die gute alte Post), sondern in Postings kristallisierte Me, das einem online, je nach Privacy-Einstellung, den Spiegel so vorhält, wie es einem gerade passt, selbst wenn die Grundbotschaft immer die gleiche ist: Ich Facebook, also bin ich.

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