Goldkettchen am Mann sind Geschmacksache, zugegeben, ein Kettenhemd ist, da kann wohl keiner ernsthaft widersprechen, aber von anderem, rein maskulinem Kaliber (nicht zu verwechseln mit den ärmellosen Netzhemden, dem Feinripp für Anabolika-Orks, die von echten Kerlen im Sommer auch mal gerne ohne Deo getragen werden). Das Goldkettchen am Mann jedenfalls ist eigentlich ein klarer Fall für Erving Goffman: Der ganze Apparat der Selbstinszenierung ist natürlich umständlich. Mit dem Kettchen am Hals (in Zuhälterkreisen trägt man es, glaube ich, auch bis ganz unten hin) jedenfalls spielen wir alle Theater, Männer vielleicht noch etwas mehr als Frauen. Dabei ist das Goldkettchen on stage, dem Bühnenalltag, Zierrat pur und signalisiert Potenz und oder Zugehörigkeit zum Milieu, manchmal auch beides. Eigentlich schon immer. Aber so recht zum individuellen Selbstausdruck werden die Ketten erst, wenn daran etwas baumelt, was die Persönlichkeit seines Trägers auszustellen vermag. Chantal, Daniela oder Liza ist da manchmal mit Buchstaben in Gold fein nebeneinander aufgereiht, ein Kreuz schaut zwischen dichtem Brusthaar heraus oder ein Drache, ein Yin Yang- oder NY-Symbol zeigen sich drei Knopf weiten unten auf trainierter Brust. Chantal, Daniela oder Liza (wahrscheinlich sind die Anhänger ja auch Geschenke der Frauen) werden wie der Hugo Boss-Schriftzug auf der Unterhose gut sichtbar präsentiert. Wer heute ein Medaillon an einer Kette um den Hals trüge, gälte als verklemmt oder, noch schlimmer, käme als Fetischist in Verruf. Und doch gibt es auch heute noch Liebhaber dieses Liebespfandes, das in der Epoche der Empfindsamkeit mit Klopstock, Sophie La Roche und dem Werther-Fieber seine Blütezeit hatte. Ein kleines, meist ovales, stets verziertes Behältnis zum Aufklappen war es, mit einem oder zwei Bildern darin, aber manchmal auch mit einem Bild und einer Haarlocke oder so etwas in der Art, welche das Herz des Betrachters verzücken und sein Blut in Wallung bringen sollte, genau genommen, eine Art empfindsam bürgerliches Profilbild und echtem Liebespfand mit der Botschaft: Ich bin dein und du bist mein. Ob man das Medaillon eher im Brusthaar versteckte oder mangels solcher hinter zugeknöpftem Hemd verborgen hielt, um es in einem unbeobachteten Augenblick zwecks vorgenannter Aufwallung allein anzusehen, oder es in der Schenke herumreichte, wer weiß es, aber letzteres verstieß wohl eher gegen den Liebesschwur der Beteiligten. Aber auch in Zeiten von Timeline, dem allgegenwärtigen Sharen von verbs and nouns wie Marc Zuckerberg jeden Tag schmackhaft machen will, suchen auch auch heute noch Liebende nach dem ultimativen Kick beim Pfänderspiel. Während die einen, ich habe das unlängst einmal beobachten können, ihre jeweils Liebste statt ins Medaillon packen oder mit Namen an die Kette legen, nach dem Booten aufs Windows-Desktop zaubern, erliegen die anderen, die aus der Apple-Gemeinde, dem App-Zauber und können sich für wenig Geld mit Medaillon App ein Medaillon auf dem iPhone oder iPad basteln, das dem empfindsamen Vorgänger in echt natürlich mit der Haarlocke nicht ganz das Wasser reichen und auch nicht im Brusthaar versteckt, sondern nur in die Hosentasche gesteckt werden kann, aber das Pfänderspiel neu erfindet: Zeig mir deins, dann zeig ich dir meins.

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