Erst hieß es, eine Stunde Auto fahren, um über die Grenze zu kommen, wenn wieder einmal die Schweizer Nudeln ausgegangen waren. Das klingt vielleicht etwas seltsam, ist aber allen, die im Süden in der Nähe der Schweiz wohnen, ganz selbstverständlich ein Begriff, und bis heute gibt es auch weit und breit niemanden hier, der allen Ernstes in Zweifel zöge, dass die Schweizer Nudeln einfach besser aussehen und schmecken, als die aus deutschen Landen, angeblich frisch auf den Tisch. Die Schweizer Nudel jedenfalls war zu einer Zeit, zu der man die Pasta eben nicht einfach um die Ecke beim Italiener genießen konnte, weil der entweder auf einer Schaufel ruhend beim deutschen Straßenbau eingesetzt oder eben einfach noch dort in Rimini oder bella Venezia war, wo er eigentlich zu Hause war, die Schweizer Nudel war und ist so etwas wie das Schweizer Offiziersmesser der einfachen Küche, in tausend Varianten eben, aber stets Rösti oder sogar der Frigor-Schokolade nach weit voraus, Schweizer Qualität eben, geerdet im Rütli-Schwur. Kein Wunder also, dass Heerscharen deutscher Käfer, Goggos, 12-, 14– und auch 16M’s sich immer wieder zur Nudelfahrt aufmachten und die Parkplätze vor den Migros-Supermärkten bis auf den letzten Platz füllten. Das war natürlich der Nudel (Hildegard, sagen Sie jetzt nichts) nicht allein geschuldet, sondern vor allem auch der Tatsache, dass der Franken damals mit der guten alten D-Mark einfach nicht mithalten konnte, das Einkaufen beim Migros fast wie heute ein Donnerstag bei aldi war, aber natürlich um viele Nudeln feiner. Bei der Nudeltour in die Schweiz musste das Auto vollbesetzt sein, denn selbst ein Kind war am Zoll gut gerne noch ein oder zwei Kilogramm Schweizer Nudeln wert. Doch mit Kinderaugen besehen war die ganze Nudelei natürlich wenig aufregend, aber was dabei abfiel, war der Hammer, der Hit oder einfach voll geil, wie man heute so sagt. Wer einmal beim Mittagessen am Sonntag erlebt hat, wie viel für den einzelnen übrig bleibt, wenn das 850gr.- Hollandhähnchen (Frau Antje hatte offenbar auch für Hähnchen ein Händchen) in fünf oder sechs Teile zerlegt wird (eine 1400gr.-Poularde gab es nur an besonderen Festtagen), weiß, was teilen bedeutet. Am Hollandhähnchen exerziert, war Teilen gottgewolltes Prinzip in jeder kinderreichen Familie, wie man die nach heutigem Verständnis fast asozialen Familien mit drei oder mehr Kindern beschönigend nannte, ohne auch nur einen Gedanken an die alltägliche Teilungsqual zu verschwenden. Da wurde das Badewasser geteilt, die Schokolade Rippchen für Rippchen und natürlich der Kosakenzipfel (Dann wird eben brüderlich geteilt – Geteilte Freude ist doppelte Freude, wohin das führen kann, hat Loriot meisterlich gezeigt), aber Bruderliebe, von Schwestern gar nicht zu reden, kam davon nie auf. Von Spaß am Sharen, keine Spur. Nirgendwo zeigte sich dies deutlicher als auf der Nudeltour. Zur Krönung des Tages durfte nämlich jeder Mitreisende, der mit seiner Person für zwei drei Nudelpackungen am Zoll einstand, im Migros-Restaurant für gefühlte ein Franken zwanzig ein ganzes halbes Migros-Grillhähnchen mit Pommes verdrücken. Und selbst unter Brüdern hätte wohl die Einforderung des Teilen-Gesetzes unter diesen Umständen zu Beschimpfungen der übelsten Sorte und zu Handgreiflichkeiten geführt. Was in der Mangelgesellschaft am Sonntagstisch mit dem schmalbrüstigen Hollandhähnchen völlig reibungslos funktionierte, war im Migros-Hähnchentempel der Überflussgesellschaft schnell vergessen: Ich teile, also bin ich.

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