Ich glaube, ich esse heute nichts mehr, sagte vor ein paar Jahren ein Bekannter von mir, als wir uns in schöner Kaffeerunde – seine Frau liebte sich das Image zu geben, einen literarischen Salon, wenn auch im Vorort, zu unterhalten – zusammenfanden. Nun gut, er war ein eher schmächtiger Typ mit schütterem Haar und auch sonst eher der Meditation als irdischen Genüssen zugeneigt, aber salonfähig war das nicht, was er damit signalisierte: Was seid ihr doch für verfressene Schw… Während also der Rest der Kaffeeklatschgesellschaft im Salon von Schwarzwälder Kirschtorte, über den Apfelkuchen nach und nach zum Zwetschgendatschi überging, sonnte sich unser Hungerkünstler in seiner kurzen, aber schroffen Erklärung. Dabei ist Hungerkünstler ein Menschentyp, der laut Franz Kafkas gleichnamiger Erzählung eigentlich die besten Tage längst gesehen hat, Tage, an denen jeder den Hungerkünstler zumindest einmal täglich sehen wollte, in seinem kleinen Gitterkäfig, wo er nur vor sich hinsah mit fast geschlossenen Augen hie und da aus einem winzigen Gläschen Wasser nippte, um sich die Lippen zu feuchten. Den Hungerkünstler im Salon des Reihenhaussommergartens focht indessen der Anachronismus seines Tuns nicht an. Alles eine Frage, an welchen Diskurs man anschließt. Für den Salonhungerkünstler war die Anschlussstelle klar: Den Fit-Well-und-Coolness-Diskurs atmete jede seiner Körperzellen, während die übrigen es wohl eher mit  dem Kalorienzählen-aber-ohne-Erfolg-Diskurs hatten. Nicht dass einer Salonbesucher, darunter mindestens zwei Männer und Frauen mit einem dreifachen Normalgewicht, die anderen aber alle mit einem, das konnte, wer sehen wollte, nicht leugnen, übermäßigen BMI, den Diskurs hätte wechseln wollen. Insgeheim, das war an der ignoranten Kuchengabelführung zum Mund unschwer zu erkennen, erinnerten sie sich alle an die letzten Worte von Kafkas Hungerkünstler, die er zur Antwort auf die Frage gibt, warum er denn nicht anders könne als zu hungern: Weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie du und alle. Sag‘ ich doch. Eben. Und nun macht die DNA-Forschung kaputt, was so manchen literarischen Kaffeeklatschsalon über Jahre bei Baumkuchen und Sachertorte zusammengehalten hatte. In Schweden hat man festgestellt, dass schon 20 Minuten Sport das Erbgut verändern. Methylierung heißt der Vorgang, der darüber entscheidet, welche Gene einer Zelle aktiv sind. Kein Grund zur Beunruhigung? Es kommt noch viel dicker: Wissenschaftler haben nämlich festgestellt, dass sich im Laufe der Jahre im Erbgut jedes Menschen Erfahrungen und Umwelteinflüsse niederschlagen. So hat man schon Spuren von Luftverschmutzung, Drogen, Stress – und Ernährung in den so genannten epigenetischen Markierungen der DNA entdeckt. Sollte es wirklich wahr sein, dass ich meine Lust auf Currywurst, gegrillte Hähnchen, Schniposa und Ritters Rum-Trauben-Nuss schon meinen Kindern weitergegeben habe? Aber wenn es wirklich stimmt, dass manche Lebenserfahrungen sich so in die Gene einbrennen, dass sie an die nachfolgenden Generationen vererbt werden, dann weiß ich endlich, warum ich dann stets mit meinem Gewicht zu kämpfen habe:  Mein Vater und meine Mutter haben mich nämlich mitten im „Hungerwinter“ nach dem Krieg gezeugt. Und die Information, die sie in ihr gemeinsames Erbgut gepackt haben lautet: Iss, so lange es etwas zu essen gibt. Es dauert eben, bis die epigenetischen Marker umprogrammiert sind, aber es besteht Hoffnung: Wir haben die Macht, unsere Gene zu verändern. Der Mensch ist, was er isst, auch per DNA.

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