Pünktchen und Anton eröffneten mir eine neue Welt: Die Welt der Bücher, und dahinter die ganze Welt. Eine heile Welt des Kinderbuches, zugegeben, aber wahrscheinlich nicht minder spannend wie die Comic-Stripes auf RTL 2, die die Kinder meiner Kinder in ihren Bann ziehen. Und davor noch die Märchen. Märchen freilich waren, seitdem sie auf Schallplatten verfügbar gemacht wurden, in den Herrschaftsbereich des Vaters übergegangen. Er allein bestimmte darüber, wann sie gehört werden durften und vor allem wie lange. Viel zu lange, viel zu oft, hieß es oft tadelnd, wenn um eine Wiederholung gebettelt wurde. In dieser Sinnprovinz, sonntags und dann noch im Wohnzimmer, gab es nicht viel mitzubestimmen. Die Musiktruhe lag im Sperrbezirk. Hände weg, am besten gleich Hände hoch, damit nichts passieren konnte, war die Devise, wenn wir Kinder, sonn- und feiertags, an Weihnachten, Ostern, Pfingsten und so fort, in ihre Nähe kamen. Ein Kratzer auf der teuren Platte, eine Katastrophe! Dabei hatte es der Vater keineswegs leicht, die Familie unter einen Hut zu bringen. Da waren natürlich die Interessen der Mutter zu berücksichtigen. Nicht selten passierte es, dass sie während des Küchenabwaschs nach dem Essen  lauthals darum kämpfte, endlich mal wieder Martha, diese Langspielplatte zu hören, auf der ältlich klingende Damen mit schrillen Stimmen Unverständliches Zeug kreischten.  Und Vater gab sein Bestes – vorausgesetzt das ganze Theater ging ihm, wie er sagte, nicht über die Hutschnur – um die für die jeweils herrschenden Verhältnisse geeignete Medienauswahl zu treffen. Und auch wenn er nun nicht gerade als Opernliebhaber durchging, schlug er sich oft genug auf die Seite der Mutter. War etwas vorgefallen und war es nur, dass sich eines der Kinder wie immer vor dem Geschirrabtrocknen auf die Toilette geflüchtet hatte, bestand höchste Gefahr, dass Martha dem Rotkäppchen wirklich den Rang ablaufen konnte. Harte Zeiten für uns Kinder, die wir so der Willkür hilflos ausgesetzt waren. Der übermächtige Vater als Herrscher über die Welt – und Hilfe? Nicht in Sicht, für eine ganze Weile. Auch die Fernsehtruhe, welche die Musiktruhe ein paar Jahre später von der rechten in die linke Ecke und dann hinten an die Wand verdrängte, gehorchte den gleichen Gesetzen. Und was „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“ in der Augsburger Puppenkiste boten, war, so herrlich die Geschichten um die „dicke Emma“, wie die Lokomotive auf Lummerland hieß, auch waren, wenig, um an den bestehenden Herrschaftsverhältnissen auch nur in der Fantasie zu kratzen. Wenn da nicht Bücher gewesen wären, die ganz allein für einen da waren! Auf und unter der Bettdecke entführten sie einen, ohne Allmachtsfantasien a lá Harry Potter, in eine Welt, in der es vor Selbstbestimmung auch unter widrigsten Umständen nur so strotzte. Mit der Defoe-Formel aus Robinson Crusoe ließ sich, zumindest in der Fantasie, alles umdrehen: Ich Robinson, du Freitag.

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