Trotz allem: In der Kindheit waren wir, trotz Schrägles Ballonreifen-Roller, der uns sozial deklassierte, erstaunlich gleich. In einem Stadtviertel, das von Arbeitern und kleineren Angestellten geprägt war, kümmert es zunächst wenig, ob der eine vom Wenigen mehr hat als der andere. Die Stadtteilgrenzen wirkten dagegen noch wie hohe soziale Mauern. Und über den Stühlinger ging es bestenfalls innerlich fröstelnd und mit dem Gefühl, sich verlaufen zu können, kaum hinaus. Markierte doch die „Fensterle-Brücke“ in die eine Richtung fast die Grenze zur Unterwelt, die man nur erreichte, wenn man sich durch das Labyrinth der Schrebergärten wagte, das, so fürchtete meine Mutter, von so genannten „Bonbon-Onkels“ belagert war. „Bonbon-Onkels“ nannte man die sonst als  „Schmutzfinken“ titulierten Männer, meist fortgeschrittenen Alters, die kleine Jungs mit einem Bonbon hinter den Geräteschuppen lockten, um sie zu missbrauchen. Das elterliche Präventionskonzept vor pädophilen Übergriffen war knapp und klar: Keine Bonbons von fremden Leuten! Komisch nur, dass solche „Bonbon-Onkels“ nur dort ihr Unwesen treiben konnten, wo so ein dicker, fetter Mocken oder ein in Knisterpapier gehülltes Bonbon, Gutsele, wie wir sagten, halt doch nicht zu den täglichen Verköstigungen gehörten, die den Alltag eines Kindes versüßen. Dass wir „Gutsele“ dafür auch noch für andere Sachen sagten, die irgendwie Süßes versprachen, von dem wir indessen weder wussten, wie es schmeckt noch wie es eingepackt war, scheint aus heutiger Sicht betrachtet, die Folge dieses Mangels. Bei „Doktorspielen“ im Park und dunklen Treppenaufgängen kam es nämlich schon einmal vor, dass ein Mädchen, ebenfalls im Kindergartenalter, aufgefordert wurde, uns Jungs ihr „Gutsele“ zu zeigen. In Littenweiler oder in Herdern gar, dort, wo die „Großkopfeten“ vor ihren Villen in Swimmingpools lagen, so viel war klar, gab es genügend Bonbons, dort war das ganze Leben ein Bonbonstand, der den Kindern anderswo klarmachte: Haste nix, biste nix.

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