Ballonreifen machen Sieger, eine Botschaft, die sich mir nach ein paar wenigen Blicken auf Schrägles neuen rotblitzenden Roller ins Herz brannte. Schrägle, wie hieß er noch mit Vornamen, war der Junge zwei Stockwerke höher aus dem gleichen Haus. Wahrscheinlich stand er Pate für den modernen Werbespot „Mein Auto, mein Boot, mein Haus …“, er lebte dieses Lebensgefühl auf jeden Fall längst, ehe irgendwelche Werbestrategen die Klimax des Angebers wieder entdeckten. „Meine schwarze Lederhose, meine Eisenbahn, mein knatschroter Roller mit Ballonreifen!“ Auf so etwas kommt es nicht an, sind bestimmt Flüchtlinge, fahren ja auch einen Lloyd, den Flüchtlingsporsche, die Schrägles, so what!, meinte meine Mutter, ohne so what natürlich. Trotzdem, kümmerlich sah er schon aus, der abgenutzte Holzroller, das Bobby-Car der fünfziger Jahre, in der bestimmt schon fünften Generation im Dienst, kein Vergleich mit den Lifestyle-Kickrollern für jung und alt, auf denen sich heutzutage auch schon mal ein Promi bei der Auffahrt zum roten Teppich fotografieren lässt. Hartgummireifen hatte er, der Holzroller, nicht mal eine Klingel – von Lifestyle, den Begriff kannten weder ich noch meine Eltern, keine Spur. Eher irgendwie ärmlich, jedenfalls nicht das, was Schrägle hatte. Eine richtige Bremse! Der Schrägle konnte tatsächlich auf seinem Roller stehen bleiben und mit einer lässigen Fußbewegung und einem leichten Druck auf die Bremse am Hinterrad das Ding zum Stehen bringen! Was ist schon ABS dagegen! Halsbrecherisches Abspringen und Bremsen, bis die Schuhsohlen durch und der Hintern vom Vater dafür versohlt waren, kannte der Schrägle nicht. Und noch schlimmer: Beim Wettrennen war  der Ballonreifen-Roller, wenn die Reifen gut aufgeblasen waren, immer schneller. So werden Sieger gemacht, das wurde mir klar. Haste was, biste was.

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