Mit einem Unglück hat es angefangen, zu meinem Unglück hat es beigetragen und am Ende hatte ich eine neue Antwort auf zwei Fragen erhalten, die ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht, oder bestenfalls unbewusst, gestellt hatte. „Wer bin ich?“ die eine, und „Was ist der Mensch?“, die andere. Und am Ende die klare Erkenntnis über mich selbst, die mir die anderen vermittelt haben: „Fettsack“.
Angefangen hat dieser Prozess damit, dass mich eine Verbrennung dritten Grades, das ist eine, bei der die Haut nicht mehr nachwachsen kann, zu einem wochenlangen, ich meine, mindestens zwölfwöchigen stationären Aufenthalt in der Klinik zwang. Ans Bett gefesselt, das Bein an eine Schiene gebunden, blieb die Zeit im Kindersaal mit in Wirklichkeit vielleicht 12, aber gefühlten 48 anderen Kindern, für Wochen stehen. Nach langen Wochen endlich der Tag der Entlassung aus dem Krankenhaus! Was war das denn? Wo Wochen zuvor der Reißverschluss meiner Hose die Unterhose den neugierigen Blicken meiner Umwelt entzog, klaffte nun so etwas vie ein „V-Ausschnitt“ beträchtlicher Ausdehnung, allerdings an der nicht dafür gedachten Stelle. Mein erster Schultag nach dem Krankenhaus brachte mir dann Gewissheit: Was mir von einigen, zugegebener Maßen nicht gerade einfühlsamen, aber desto stärker und mächtiger wirkenden Klassenkameraden immer wieder entgegenschallte, machte mir unmissverständlich klar, was in den letzten Wochen meines Krankenhausaufenthalts, in nicht mal einem Vierteljahr, geschehen war: Ich war ein neuer Mensch geworden. Ein „Fettsack“ eben. Sicher, ich empfand das alles als Demütigung, aber ich musste es eben, so schien es mir, akzeptieren, denn hinter der schmerzlichen Erfahrung stand doch eine mir von meiner Umwelt vermittelte Erkenntnis und eben eine Antwort auf eine Frage, die ich so jedenfalls nie gestellt hatte: Der Mensch ist, was er isst.

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