„Ich wollte vor meinem neuen Freund, der aus besseren Verhältnissen stammte, einfach nicht blöd dastehen,“ sagte Nadine C. (23) um zu erklären, weshalb sie im Alter von 21 Jahren mit 7.000 Euro Schulden bei verschiedenen Gläubigern (Versand—und Möbelhäuser, Mobilfunkanbieter) dastand. (1) Natürlich will man, gerade wenn man verliebt ist, etwas gemeinsam unternehmen, will vielleicht gemeinsam essen gehen, natürlich auch mal in den Europapark fahren, miteinander zu einem Open-Air-Festival und sich die neuesten Blockbuster im Kino auf der Kuschelbank in der Loge, wo sonst, reinziehen. Und auch handymäßig möchte man auch nicht als von gestern rüberkommen. Natürlich? Man macht „halt eigentlich mehr diese Sachen, anstatt auf den Spielplatz zu gehen oder so, mehr die Sachen (…), die einfach Geld kosten. Eis essen gehen, ins Schwimmbad gehen oder ins Spieleland gehen oder was auch immer“, fügt Nadine an. (2)
Sind also Jugendliche und junge Menschen leichtfertige Schuldenmacher? Mitnichten. Zwar gab in der Jugendstudie 2015 des Bankenverbandes etwa jeder Dritte der befragten Jugendlichen (14-17 J.) und jungen Erwachsenen (18-24 J.) an, schon irgendwann einmal Schulden gemacht zu haben (3), daraus aber zu schließen, dass die große Mehrheit der Jugendlichen keine Schuldenbremse hätte und am Abgrund der Schuldenfalle stünde, ist weit gefehlt. Schulden, das ist ohnehin eine Sache der Perspektive, Überschuldung allerdings ein großes Problem.
Schulden sind ja, rein ökonomisch, ein Schmiermittel jeden Wirtschaftens und juristische Zahlungsforderungen, wie sie alltäglich und in jedem Haushalt entstehen, wenn Waren oder Dienstleistungen bezogen und nicht sofort bezahlt werden müssen. (4) Wer z. B. ein Telefon oder Handy zur Telekommunikation nutzt, geht automatisch ein Dauerschuldverhältnis ein. Und da nahezu jeder ein Telefon oder ein Handy hat, hat also auch jeder Schulden. (ja, ja, das ist ein klitzekleiner Fehlschluss, schließlich gibt es ja noch die Prepaid-Karten)
Aber: so ganz haben Schulden, auch wenn das den Kredithaien, die ihre Hände ja stets in Unschuld waschen und allen, die mit dem Schuldenmachen ihr Geld verdienen, nicht so recht in den Kram passt, ihre Stigmatisierung durch den Begriff Schuld eben nicht vollständig eingebüßt. Wer nicht spart zur rechten Zeit …Eine Werbeunterbrechung während der Kein-Ohr-zwei-Ohr-oder-Drei-Ohr-Hasen weiter, schon wird einem klar, wie viel Erspartes oder Erspekuliertes in die Bankenwerbung fließen muss, damit uns diese Konnotation von Schulden und individueller Schuld durch das Strahlefinanzierungsgesicht einer jungen Bankangestellten in ihrem Bankenglashaus hoch über den Niederungen des Lebens der Abstotterer aus dem Kopf gelächelt wird.
Schulden sind also das eine, Überschuldung etwas gaaaanz anderes (wer’s glaubt!) Im Ökonomenjargon: Bei Überschuldung geht es „um eine Krise im Zusammenhang mit Liquidität. Die vorhandene Liquidität und die benötigte Liquidität entsprechen einander nicht.“ (5) Kurz und gut: wer überschuldet ist, hat einfach, auch wenn er sich noch so krummlegt, nicht mehr genügend Mäuse in der Tasche, um seine Schulden zu bezahlen.
Natürlich wissen auch die Ökonomen, so gut können sie allemal kalkulieren, dass die Geschichte mit dem dauerhaften Einfach-nicht-mehr-flüssig-Sein mehr als eine anhaltende Liquiditätskrise, also mehr als eine Dauerebbe im Geldbeutel ist und eine solche Betrachtung das ganze soziale Drama und juristische Galama in keiner Weise abbildet, in das überschuldete Menschen geraten. Aber wen interessiert das schon, wenn es darum geht, die Schulden wieder einzutreiben.
Natürlich gibt es auch junge Leute, die bis über die Ohren verschuldet sind. Sie kommen mehrheitlich aus sozial benachteiligten Familien, haben keine weiterführenden Schulen besucht, sind häufig schon früh aus dem Elternhaus ausgezogen, haben die Schule oder die Ausbildung abgebrochen, sind dadurch in Arbeitslosigkeit gerutscht und kommen mit den finanziellen Folgen dieser Situation nicht mehr zurecht. Bei dieser vergleichsweise kleinen Gruppe können sich die Schulden schon einmal auf mehrere Tausend Euro summieren. (6)
Aber die Jugendstudie 2015 des Bankenverbandes weist aus, dass der Anteil junger Leute, der schon einmal Schwierigkeiten hatte, seine Schulden zurückzuzahlen, seit 2006 mit 6% auf niedrigem Niveau stabil geblieben ist. Mehr noch: Über diesen Zeitraum hinweg hat die Überschuldung bei beiden Altersgruppen hinweg sogar eher abgenommen. 2006 waren noch 5% der Jugendlichen zwischen 14- und 17 Jahren überschuldet, 2015 sind es noch 3%. Nicht ganz so deutlich die Abnahme bei den jungen Erwachsenen (2006: 11%, 2015: 8%) (7)
Dass Schulden an sich (sie sind ja ökonomisch gesehen als Forderungen ohnehin „wertneutral“, auf Deutsch: es ist ganz egal, ob sie für die Anschaffung eines Fahrrads oder eines BMWs entstanden sind) (8) auch für junge Leute nichts Ehrenrühriges sind, leuchtet sofort ein.
In einer Welt, in der das Leben auf Pump für Staaten als Ganzes (Stichworte: Schuldenkrise, Rettungsschirme und Eurodauerdruckpolitik der EZB) genauso so selbstverständlich geworden ist wie für die meisten Menschen hierzulande, die mit gepumptem Geld an den Segnungen der Konsumgesellschaft teilhaben wollen, verhalten sich Jugendliche also systemkonform. Der Aufkleber „Alt, aber bezahlt“, der früher noch an so mancher motorisierten Rostbeule klebte, ist längst auf Nimmerwiedersehen zwischen den Schrottpressen verschwunden und der legendäre Geiz-ist-geil-Werbeslogan ging für Saturn ja auch nur dadurch auf, dass die Verbraucher gerade den Geiz auf den Mond schickten und munter Raten für den neuen Flachbildschirm, Notebooks, Digitalkameras, Lufttrockner und -befeuchter, Massageauflagen, -stäbe oder Blutdruckmessgeräte abdrückten.
Wer redet schon gern von Pumpen, wenn da immer schon die Pleite und damit das persönliche Versagen mitschwingt (selbst der DUDEN bringt das Beispiel: am Ende des Monats war er pleite, also pumpte er) Dann also besser Finanzierungslücke und Überbrückungs- oder Wunschkredit. Und für was gibt es schließlich Wir-machen-den-Weg-frei-Dispokredite oder Kreditkarten, mit denen man getreu dem Folgen-Sie-Ihrem-Anspruchsdenken-Motto der Kreditinstitute bis zur eingebauten Schuldennotbremse schnell mal Geld, das man eigentlich nicht hat, einfach ausgeben kann. Und angesichts der besonderen Kundenfreundlichkeit von Kreditkartenunternehmen, die einem, wie z. B. bei einer Amazon-Visakarte, den eingeräumten Kredit mit monatlich 10% abstottern lassen, macht einem auch der bis zum Anschlag ausgenutzte Kreditrahmen eine Weile lang keine Angst.
Viele wissen ja schlicht und einfach nicht, dass dann für den Rest 14,98 Prozent Zinsen anfallen, was Harald Czycholl von der Welt schon 2014 veranlasste, solche Konditionen „fast als Wucher (zu) bezeichnen.“ (9) Wer der Wir sind-für-Sie-da-Bankenwerbung allzu naiv aufsitzt und glaubt, das Geschäftsmodell Verschuldung sei ganz auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten, verkennt schnell die Geschäftsgrundlage, übersieht, was einem blüht, wenn man ohne jedes Bedürfnis Pleite geht. Die Folge: Die Bank an Ihrer Seite wird schnell zur Bank fürs Leben, die einen mit dem Eintreiben ihrer Forderungen um die geplatzten Träume vom guten Leben bringt.
Traurig, aber wahr: Aus dem Hut (einen Sparstrumpf hat ja kaum einer) lassen sich fällige Raten eben nicht zaubern und nicht selten summieren sie sich schnell wegen einer ganzen Reihe von Abzahlungsgeschäften so auf, dass an eine ordentliche Ratenzahlung überhaupt nicht mehr zu denken ist. Dann muss das Geld zunächst einmal woanders herkommen: Miete wird nicht mehr bezahlt, Stromrechnungen bleiben liegen, Mahnungen werden ignoriert und machen das Ganze noch viel schlimmer.
Denn jetzt fallen die über den säumigen Zahler her, die mit der Überschuldung der Betroffenen selbst Kasse machen. Inkassobüros schlagen zum Teil drastische Bearbeitungsgebühren obendrauf, selbst wenn die Beträge, die sie im Auftrag der Gläubiger beitreiben sollen, oft vergleichsweise gering sind. Wer einmal ein Schreiben eines, durchaus auch seriösen Inkasso-Unternehmens in der Hand gehalten hat, weiß wahrscheinlich ganz gut, wie es ist, wenn man sich von diesen Dienstleistern der Gläubiger unter Druck gesetzt fühlt. Dabei ist von den wirklich schwarzen Schafen darunter, den schwarzgekleideten Schuldeneintreibermuskelprotzen des so genannten Russen- oder Moskau Inkassos noch gar keine Rede, die sich für ihr auch vom Branchenverband der Inkasso-Unternehmen gerügtes harsches Auftreten gegen Schuldner schon etliche Anzeigen wegen Nötigung eingehandelt haben.
Trotzdem: Wer heutzutage seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen kann, muss keine Schuldknechtschaft mehr befürchten. Keiner muss sich also heutzutage bei uns wie in der frühen Antike als Sklave bei seinem Gläubiger verdingen, um seine Schulden mit willkürlich vom Gläubiger festgesetzten Verrichtungen abzuarbeiten. Und auch das mittelalterliche Konzept der öffentlichen Schuldhaft ist mittlerweile nur noch touristisch interessant, wenn man z. B. den Schuldturm in der Nürnberger Stadtmauer besichtigt.
Heute kann bei uns niemand mehr nur deshalb ins Gefängnis kommen, weil er Verpflichtungen nicht mehr erfüllen kann, die er vertraglich eingegangen ist (das ist Teil der Europäischen Menschenrechtskonvention und in dem seit 1976 in Kraft getretenen UN-Zivilpakt, den inzwischen 168 Staaten unterzeichnet und ratifiziert haben, verbürgt (10)) Allerdings wird man auf andere Art und Weise bestraft: Man verliert nämlich schneller, als man glaubt, seine Kreditwürdigkeit, bekommt einen negativen Schufa-Eintrag und findet dann kaum noch jemanden, der einem, wenn man es braucht, Kredit gibt. Und am Ende steht oft die Privatinsolvenz, mit der man sich zwar nach Ablauf mehrerer Jahre von den restlichen Schulden befreien kann, wenn bis auf das Mindeste alles, was man einst besessen hat, zur Tilgung herangezogen worden und alles, was man über einer Pfändungsgrenze verdient hat, an die Gläubiger gegangen ist. Die Hürden für einen derartigen finanziellen Neustart sind aber trotz neuerer Erleichterungen immer noch ziemlich hoch und die den Betroffenen auferlegte „Wohlverhaltensphase“, die ihnen gerade noch das Existenzminimum lässt, oft nicht einfach zu überstehen. (11)
Gut, wenn Betroffene noch rechtzeitig den Weg in eine Schuldnerberatung finden, die sich mit solchen Fällen auskennt. (Adressverzeichnis der Schuldnerberatungsstellen (12) Auch im Internet finden Menschen, die in eine schier aussichtlose Verschuldungslage geraten sind, verschiedene Anlaufstellen. So bietet z. B. das Forum Schuldnerberatung (fsb) (13) Informationen und Hilfestellung zu allen Fragen im Zusammenhang mit dem Thema. In spezifischen Diskussionsforen können sich Schuldner untereinander über ihre Erfahrungen und Probleme, auch mit Schuldenberatern, austauschen. Spezielle Foren kümmern sich um die sachliche Klärung von Fragen zu Verschuldung und Überschuldung. Im Forum Life! (14) kommen die persönlichen, sozialen, familiären oder beruflichen Auswirkungen von Überschuldung zur Sprache.
Aber auch für Personen, die sich mit ihren Schulden auseinandersetzen wollen, findet man auf der Webseite des fsb wichtige Hilfestellungen (z. B. Informationen rund um Schulden mit Musterbriefen (15), einem Schuldenlexikon (16) und zahlreiche andere nützliche Dinge rund um die Themen Schulden Überschuldung und Privatinsolvenz.
Die sind doch selber schuld! Man macht halt keine Schulden! Auch wenn das Problem haltologisch vom gesunden Menschenverstand gerne kleingeredet wird, ganz so einfach ist die Sache eben nicht. Meistens kommen eine ganze Reihe weiterer Faktoren dazu, ehe die Schuldenfalle zuschnappt. Das zeigen auch die persönlichen Erfahrungsberichte, die das fsb auf seiner Webseite unter der Rubrik „Der Mensch hinter den Schulden“ (17) veröffentlicht hat. Da ist z. B. die Geschichte von Joyce (2005), einer damals 20-jährigen jungen Frau, die durch Handy-Verträge und Kredite als Auszubildende in die Überschuldung geriet (18) oder auch die Geschichte von Tatjana, die die eigentlich „nie auf großem Fuß“ gelebt hat, und doch in große finanzielle Schwierigkeiten geriet. (19)
Wo immer ich hinkam, war der Flachbildschirm vor mir da“, sagte einmal Paul Zwegat, Deutschlands populärer Fernseh-Schuldenberater im Unterschichtekelfernsehen von RTL („Raus aus den Schulden„) (20) Viel mehr fiel ihm nicht ein, um auszudrücken, woran es seiner Ansicht nach liegt, dass viele junge Leute unter 30 überschuldet sind, außer seiner Beobachtung, „dass die Altersgruppe unter 30 höhere Konsumansprüche hat als die Älteren“ und dann schob er noch hinterher: „Ein Smartphone zu nutzen, bis es wirklich kaputt ist, wäre für viele der Jüngeren ein Unding.“ (21) Natürlich war ihm der Beifall sicher und so wundert es im Nachhinein auch nicht, dass Tobias Füllbeck von der HuffPost ihm beipflichtete. (22)
Aber hallo! Da muss man schon etwas genauer hingucken. „Der Jugendalltag ist“ einfach „kostenpflichtig geworden“, sagen Wissenschaftlerinnen und Fachleute aus Schuldnerberatungsstellen für Jugendliche wie Andrea Braun, Vera Lanzen und Cornelia Schweppe (23). Sie betonen dazu, dass heute „nicht zu konsumieren kaum eine Option“ darstellt (24). Wenn es eine ist, dann für wenige. Was immer junge Leute mit ihren Freunden in der Freizeit machen wollen, kostet heute Geld. Zu ihren fünf häufigsten Freizeitaktivitäten pro Woche zählen mit 34% „in die Disco, zu Partys oder Feten gehen“ (2002:21%). 16% sagen das vom Shoppen und Sich-tolle-Sachen-Kaufen (2002: 15%). Nur zehn Prozent gehen häufiger in der Woche in eine Kneipe (2002: 7%) (25) Verabredungen zu diesen Freizeitaktivitäten und die ganze weitere Kommunikation laufen nun einmal über Smartphones, die heute nahezu alle Jugendlichen ab 14 Jahre besitzen (96% der 14-17-Jährigen!, (26)), und das alles gibt es bekanntlich nicht zum Nulltarif. Und vielleicht sollte Zwegat einmal Radio hören und sich den Werbespot eines Mobilfunkanbieters anhören: Willst du etwa, dass man dich auslacht, weil das Video auf deinem (lahmen) Smartphone immer zuletzt angezeigt wird?
Die Ablösung vom Elternhaus, eine der wichtigsten Entwicklungsaufgaben im Jugendalter, geht heute ohne Geld kaum mehr reibungslos. Für alle, die es in dieser Kürze nicht glauben wollen, auch wissenschaftlicher: „Geld ist ein notwendiges Mittel zur Bewältigung der Jugendphase und zentral für die damit verbundenen Bildungs-, Sozialisations- und Entwicklungsprozesse und Übergänge.“ (27) Also doch, ohne Moos nichts los, klar. Geld war doch schon immer wichtig? Schon, aber offenbar noch nie so sehr. Da sollte man sich nicht die Haben-oder-Sein-Polarität in die Tasche lügen und das romantisch-nostalgische Kokettieren der Älteren mit dem vermeintlichen Armutstopos der anspruchslosen Hippie-Generation und ihrer vermeintlichen Konsumverweigerung hilft da auch nicht weiter. Im Gegenteil.
Daher bringt es auch nichts, wenn man, wie all die Zwegats von Sylt bis Oberammergau es tendenziell tun, die Smartphone-Gewohnheiten der jungen Leute als Folge eines ungezügelten I-shop-therefore-I-am-Wahn zu geißeln. Statt die Jugendlichen zu pathologisieren sollte man lieber die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen unter die Lupe nehmen, auf die solches Verhalten antwortet. Was für die Gesellschaft nämlich allgemein gilt, dass sie sich heute insgesamt vor allem über die Teilhabe am Konsum konstituiert, gilt erst recht für Jugendliche: Für ihre Identitätsentwicklung und die dafür erforderliche Auseinandersetzung mit den Peers ist die Teilhabe am Konsum unerlässlich. Über die Teilhabe am Konsum läuft ihre Einbindung in die Gesellschaft, nur, wenn sie konsumieren können, was ihnen wichtig ist oder ihnen per Werbungsbrainwash vom früheren Kindesalter an suggeriert worden ist, fühlen sie sich als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft. (28) Ein Muster, das eigentlich wohlbekannt ist.
Ohne den Blick auf die Bedeutung des Konsums gerade für Jugendliche zu richten, bleibt jede Kritik am Finanzverhalten junger Leute in oberflächlichen Erklärungsmustern stecken. Schließlich ist nicht jeder, der sich der Statussymbolik von Smartphones usw. nicht entziehen kann, auch ein Konsumidiot. Schlimmer noch: Wer so argumentiert, hat schlicht keine Ahnung davon, wie es den Jugendlichen geht, die aufgrund ihrer sozialen Verhältnisse „aus dem gesellschaftlich definierten leistungs-, wohlstands- und konsumorientierten Lebensentwurf ausgeschlossen“ sind. (29) Stolz, ein Deutscher zu sein und Hass auf alles Fremde, wer sehen will, weiß um solche Folgen.
Wissenschaftlich betrachtet, ist, wie schon eingangs erwähnt, die Verschuldung von Jugendlichen längst nicht so verbreitet, wie gemeinhin angenommen wird. So gaben lediglich 6% der 10- bis 17-Jährigen in einer Untersuchung aus dem Jahr 2005 an, dass sie sich Geld geliehen hätten, das sie nicht gleich wieder zurückzahlen könnten. (30) Im Durchschnitt hatten die Kinder und Jugendlichen 70 Euro Schulden, die meisten aber nicht mehr als 10 Euro (Median). In der Schweiz hat eine 2008 veröffentlichte Untersuchung unter Schülerinnen und Schülern verschiedener Schularten für die Altersgruppe der 18-24-Jährigen ergeben, dass über 3/5 überhaupt keine Schulden (62%) hatten. Bei den 38% der Befragten, die Schulden hatten, gab etwa jeweils ein Viertel an bis ca. 100 Franken, zwischen 100 und 1.000 Franken, zwischen 1.000 und 2.400 Franken und 2.500 Franken und mehr Schulden zu haben. (31)
Interessant auch die Frage, bei wem sich die jungen Leute Geld leihen: Überwiegend von den Eltern. Und: Diese Schulden werden in der Regel binnen weniger Tage zurückgezahlt. Solche Schulden gehören, wie die Schweizer Forscher schreiben „zur ‚normalen‘ Organisation des Alltags von Minderjährigen, mit der viele gut zurechtkommen.“ (32)
Wenn allerdings die Schuldenfalle zuschnappt, woran liegt es dann? Die Antwort ist vergleichsweise einfach wie komplex, lässt sich haltologisch (das liegt halt daran, dass) nicht sinnvoll beantworten. Das Ganze ist Ergebnis einer Entwicklung, die häufig mit sozialen und gesundheitlichen Problemen einhergeht. (33) Schulden sind also „meist mit vielfältigen Problembelastungen und Lebensschwierigkeiten verwoben“. (34) Es ist die „kumulierte Problemlage“ (Christa Schär), die das ganze Schuldenproblem zur Schuldenfalle werden lässt. Und um aus den Schulden herauszukommen müssen Betroffene erst einmal lernen, ein eigenes Leben in Selbstverantwortung führen zu können. Und das ist, wenn, wie bei den meisten überschuldeten Jugendlichen die Unterstützung aus der Familie oder dem sonstigen sozialen Umfeld fehlt, nicht gerade einfach.
Schulden an sich und die Gefahren und Folgen von Überschuldung dürfen nicht kleingeredet werden, aber eben auch nicht unnötigerweise dramatisiert werden. Aber über den Weg streiten, was dagegen getan werden kann, das muss sein:
Häufig werden Jugendliche, wenn das Thema und das Ausmaß ihrer Schulden oder ihrer Überschuldungen in den Medien zur Sprache kommt, gar nicht gefragt, wie es ihrer Ansicht nach zu einer Überschuldung gekommen ist. Stattdessen bilanzieren die, die von der Überschuldung der Jugendlichen und anderer Schuldner leben, die Gründe dafür. Schnell werden solche Jugendliche dann zu verschwendungssüchtigen und jeder Selbstkontrolle unfähigen Konsumabhängigen abgestempelt, die zu ihrer Shoppingwut auch noch keine Ahnung hätten, wie man mit Geld und Gelddingen wie Krediten usw. umgehen muss. Dementsprechend ist für das iff und die Stiftung „Deutschland im Plus“ die finanzielle Bildung der „wichtigste Stellhebel zur Schuldenprävention.“ Sie wollen „möglichst viele Bürger für einen angemessenen und verantwortungsvollen Umgang mit den eigenen Finanzen sensibilisieren, damit diese die richtigen Budgetentscheidungen treffen können.“ Und neben Workshops an Schulen verweist man dabei gerne darauf, dass man auch im App-Zeitalter mithalten kann und eine entsprechende App (Mein Budget) zum Download anbietet (seit 2013 40.000 Downloads). Und die App soll mit dazu beitragen, dass sich ihre Nutzer „nachhaltig mit ihren Finanzen beschäftigen“ (35)
Aber finanzielle Bildung ist eben nur das eine. Viel wichtiger scheint es, „jene Fragen aufzugreifen, die Jugendliche in Bezug auf Geld und Schulden auch wirklich beschäftigen.“ (36) Das sind ihre Wünsche und Vorstellungen vom Glück und dem richtigen Leben unter den Bedingungen der Konsumgesellschaft. (37)

Gert Egle. zuletzt bearbeitet am: 27.02.2016

Anmerkungen:

1 vgl. Name frei erfunden; ansonsten sinngemäße Äußerung einer Frau, deren Fallbeispiel von Braun, Andrea; Vera Lanzen und Cornelia Schweppe (2016): Junge Menschen, Geld, Schulden, in: APuZ 1-2/2016, S. 38f. geschildert wird
2 vgl Braun, Andrea; Vera Lanzen und Cornelia Schweppe (2016): Junge Menschen, Geld, Schulden, in: APuZ 1-2/2016, S. 38f.
3 vgl. Bankenverband: Jugendstudie 2015: Wirtschaftsverständnis, Finanzkultur, Digitalisierung (Langfassung der GfK Marktforschung, Nürnberg, im Auftrag des Bundesverbandes deutscher Banken, https://bankenverband.de/media/files/2015_11_20_BdB_Jugendstudie_2015_Ergebnisbericht_Langfassung-final.pdf, S.57
4 iff-Überschuldungsreport 2015: Überschuldung in Deutschland. Untersuchung mit freundlicher Unterstützung der Stiftung Deutschland im Plus, erstellt von Michael Knobloch unter Mitarbeit von Wilfried Laatz, Udo Reifner, Laura Hebebrand uns Kerim Sebastian Al-Umaray mit einem Beitrag von Harald Ansen, http://www.iff-ueberschuldungsreport.de/media.php?id=5101, S.6
5 ebd.
6 vgl. Streuli, Elisabeth u. a. (2008): Eigenes Geld – Fremdes Geld. Jugendverschuldung in Basel-Stadt, Olten-Basel 2008, S.4 Streuli spricht von mehreren Tausend Schweizer Franken.
7 vgl. Bankenverband: Jugendstudie 2015, S.59/60
8 vgl. iff-Überschuldungsreport 2015, S.6
9 vgl. http://www.welt.de/finanzen/verbraucher/article132807836/Hinter-Amazon-Kreditkarte-lauern-Kostenfallen.html
10 vgl. http://www.auswaertiges-amt.de/cae/servlet/contentblob/360794/publicationFile/3613/IntZivilpakt.pdf
11 vgl. http://www.handelsblatt.com/finanzen/steuern-recht/recht/reform-der-privatinsolvenz-schuldenfrei-im-nullkommanix/10104250.html
12 vgl. http://www.forum-schuldnerberatung.de/adressen/adressen-schuldnerberatungsstellen/
13 http://www.forum-schuldnerberatung.de/
14 http://forum.f-sb.de/forumneu/forumdisplay.php?6-Life
15 http://www.forum-schuldnerberatung.de/arbeitshilfen/musterbriefe/
16 http://www.forum-schuldnerberatung.de/informationen/schuldenlexikon/
17 http://www.forum-schuldnerberatung.de/informationen/meine-geschichte/
18 vgl. http://www.forum-schuldnerbera-tung.de/informationen/newsdetails/?tx_ttnews[tt_news]=1435&cHash=0a4316d9177ac362464782227c7a4917
19 vgl. http://www.forum-schuldnerberatung.de/informationen/newsdetails/?tx_ttnews[tt_news]=1429&cHash=ebe7d8c546ee6d6b5fb45ad41fc0ae12
20 vgl. http://www.huffingtonpost.de/2014/05/23/schulden-jugend-zwegat_n_5370628.html
21 vgl. ebd.
22 vgl. http://www.huffingtonpost.de/2014/05/23/schulden-jugend-zwegat_n_5370628.html
23 Braun/ Lanzen/Schweppe (2016), S.39
24 ebd.
25 vgl. Leven. Ingo und Ulrich Schneekloth, Freizeit und Internet: Zwischen klassischem »Offline« und neuem Sozialraum, in: Shell Deutschland Holding (Hrsg.) (2015): Jugend 2015. Eine pragmatische Generation im Aufbruch, Frankfurt/M.: Fischer, S.113)
26 vgl. Bankenverband: Jugendstudie 2015, S.18
27 Braun/ Lanzen/Schweppe (2016), S.39
28 vgl. ebd.
29 Böhnisch. Lothar (2008), Sozialpädagogik der Lebensalter. Eine Einführung, Weinheim-Basel 2008, S.235, zit. n. Braun u.a. 2016, S.39)
30 vgl. Lange, Elmar und Kari R. Fries (2006): Jugend und Geld 2005. Eine empirische Untersuchung über den Umgang von 10-17-jährigen Kindern und Jugendlichen mit Geld, München-Münster 2006, S.67
31 vgl. Streuli u. a. 2008, zit. n. Braun u.a. 2016, S.37
32 vgl. ebd.
33 vgl. Braun u.a. S.37, vgl. Streuli u.a. 2008, S.5
34 vgl. Braun u.a. S.40
35 vgl. . http://www.iff-ueberschuldungsreport.de/index.php?id=1976&viewid=48888,
36 vgl. Braun u.a. S.41
37 vgl. ebd.

Recht hast du, Jule (1): Das waren noch Zeiten, als eine Liebeserklärung per SMS noch 20 Cent kostete, T9 noch nicht erfunden und von Smartphones bestenfalls Steve Jobs wusste. Ach: Mein Engel, mein Alles, mein Ich!
Wer damals, technisch noch quasi nackt, sein Begehren und die dafür unvermeidlichen Liebesschwüre über Dinger absetzte, die man eigentlich kaum Handy nennen konnte, geriet in einen echten Liebesstau: Er oder sie musste warten, warten, warten, bis das Ganze bei der oder dem Angebeteten ankam. Und: Schwüre an unterschiedliche Adressaten konnten kaum, oder nur von denen, die Kohle hatten, gemeineidet werden, weil die Prepaid-Karte dem Liebesspam monetäre Grenzen setzte. Kein Wunder also, liebe Jule, dass ihr zehnmal überlegt habt, ob damit die Rechnung des Begehrens aufgehen konnte.
Und dann brach er herein, Vorwarnungen hin oder her, der Tsunami, der alle wahrhaft Liebenden auseinanderriss: Das Smartphone und die Flatrate. Jetzt also war es aus mit der Romantik, wie du sagst, und die Flat-Liebes-SMS verglichen mit ihrem flatlosen Vorgänger eben nur noch Ramschware. Und obendrein: Dauernerv-Klingelton-Terror statt das „romantische Piepsen“ des „guten alten Telefons“ alle drei Tage, ja das waren noch Zeiten. Ja, ja, wo ist sie hin die gute alte Briefromantik, wie du beklagst, die Seiten voll mit Gefühlen und Bekenntnissen?
HDGDL, wenn ich mal so sagen darf, Jule, für alles, was du da geschrieben hast, und: viel Erfolg beim künftigen Briefeschreiben, wo du dich doch nicht einmal an die gute alte E-Mail-Zeit erinnern kannst.
Aber auch die hatte ja schon ihre Tücken. Und so wundert es nicht, dass schon ihretwegen namhafte Wissenschaftler wie Detlev Schöttker, apl. Professor für Neuere Deutsche Literatur und Medienanalyse an der TU Dresden, kurz nach der Jahrtausendwende das Ende der Briefkultur vorhersahen. E-Mails nämlich, so betonte er, „dienen vornehmlich der vornehmlich der schnellen Mitteilung und fordern vom Partner keine bedachtsame Antwort, sondern umgehende Rückmeldung.“ (2)
Allerdings scheint auch entgegen aller kulturpessimistischen Prognosen die Handschrift und damit auch der handschriftliche Brief als Körperdokument, wie Renate Stauf, Professorin für Neuere Deutsche Literatur an der TU Braunschweig im Jahr 2010 bemerkte, auch gegen ihre übermächtigen multimedialen Widersacher, die beidem allüberall den Rang ablaufen wollen, nicht ganz verloren. Denn sie prognostizierte, dass irgendwann der Zeitpunkt kommen würde, an dem das gute alte Briefschreiben mit Papier und Tinte (da sieht man wieder, dass der so genannte Füllerführerschein für Grundschüler kein senilpädagogisch begründeter Drill ist). angesichts der Flut von E-mails-SMS-MMS-WhatsApp-tweet-Briefsubstituten irgendwann „umso attraktiver, weil exklusiver“ werden würde. (3) Gut, vielleicht hat sich die Gute, dabei ein wenig weit zum Briefkasten hinausgelehnt, aber, da wirst du staunen, Jule, sie hat das vor allem auf die private und intime Korrespondenz bezogen. Ja, der ganze Dauernerv-Klingelton-Terror hat für die Wissenschaftlerin, ähnlich wie von dir beschrieben, Jule, auch „etwas Zwanghaftes“. Und, ja jetzt kommt’s: “Die Liebesbriefkultur der letzten drei Jahrhunderte zumindest zeigt, dass die unhintergehbare Differenz zwischen Körper und Zeichen oft zur eigentlichen Inspirationsquelle für das Liebesgespräch wird. Gegenüber den neuen medientechnischen Möglichkeiten zwingt der postalische Brief dazu, das Ungleichzeitige, die Interferenzen zu kultivieren.“ (4) Klarer geht’s nicht, Jule, wenn man wissenschaftlich ausdrückt, was du meinst.

Einen Liebesbrief schreiben, gute Idee, aber einfach so drauflos und dann noch mehrere Seiten lang voll mit Gefühlen und Bekenntnissen? Aller guten Absichten zum Trotz, kein guter Rat für die meisten.
Da kann man ja froh sein, dass Deutschland nicht dem Beispiel der USA und Finnlands gefolgt ist, die, wie Wolfgang Spitzer, der Mahner gegen die Schwarmdummheit (5) aller an digitaler Demenz Leidenden und sonst wie Cyberkranken, behauptet hat, die Handschrift abgeschafft hätten (stimmt allerdings nicht!) (6). Ansonsten wären auch deine Vorsätze, Jule, dich „in Schönschrift (zu) üben“ ziemlich überflüssig. Ein eigenhändig hingedruck(s)buchstabter Liebesbrief, nein danke, dann lieber SMS oder WhatsApp!
Dabei hat Spitzer ja auch eine Erklärung dafür parat, dass beim Smartphone-Flirt und Online-Dating das Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel so weit verbreitet ist und vor allem so schnell geht. Wer nämlich nur tippt, statt handschriftlich schreibt, kann sich, so Spitzer, einfach nicht mehr merken, wem er seine Balzbuchstabentippfolge gesendet hat. Da kann man schon mal durcheinanderkommen, auch wenn die Timeline eigentlich ihren Rettungsschirm über die Liebenden spannt. Aber kein Grund zur Entwarnung: Schließlich wischen und tippen ja mittlerweile schon Babys und Kleinkinder auf den Smartphones herum und, wenn die dann in der Schule auch nur noch das Tippen lernen, dann, so Spitzer, verkümmert das Gehirn. Höchste Zeit also umzudenken: „Zettel und Stift hervorkramen„, recht so, Jule!

Aber reicht das? Natürlich hat, wie Renate Stauf meint, die Handschrift so etwas wie einen Offenbarungscharakter (Heerscharen von Graphologen leben schließlich davon) und wenn man dann noch die „Spuren oder Beilagen, die auf die Schreibszene zurückverweisen“ (Tränen-, Rotwein-, Lust- und Frustflecken aller Art wie Lippenabdrücke, (Scham-)Haarlocken etc.), „die Wahl von Papier und Tinte, die Anschrift, der Stempel, die Marke“ mitberücksichtigt, dann erreicht ein handschriftlicher postalischer Liebesbrief vielleicht auch ohne seitenlange Liebesbeteuerungen sein Ziel, weil er „einen Grad von Authentizität“ hat, „der in den elektronischen Medien so weder erfahren noch simuliert werden kann – egal ob die besagten Körperzeichen fingiert oder echt sind.“ (7) Ein bisserl Schummeln also inclusive.

Also einfach „Zettel und Stift hervorkramen“, Jule? Ich weiß nicht. Wie schreibt man also einen Liebesbrief? Woher die Seiten voll mit Gefühlen und Bekenntnissen nehmen, wenn nicht stehlen? – Stehlen, eigentlich keine schlechte Idee, oder wenigstens ein bisschen Unterstützung, die Zeit drängt kurz vor dem Valentinstag zum Beispiel. Also statt hinein in die eigene Seele, wieder hinaus ins Internet oder wenigstens an den eigenen Computer. Datei Neu – Suche Dokumentvorlage „Liebesbrief“ in Word … Fehlanzeige: Wir konnten keine Word-Vorlagen finden, die Ihren Suchbegriffen entsprechen. – Versuchen Sie es mit einem anderen Begriff. Wenn man sich einmal auf Bill Gates verlässt, aber der ist, so heißt es, mit Melinda ja glücklich verheiratet, wozu dann noch Liebesbriefe!

Also doch googlen – Liebesbriefe: Nach 0,46 Sekunden 470.000 Ergebnisse, nee jetzt! Vorlagen und Hilfen für den perfekten Liebesbrief im Einfach-mal-so-, Frisch-verliebt- oder Mit-eigentlich-schlechtem-Gewissen-Textdesign (8) (wer will kann sich die Formulierungen als Auto-Textbausteine in Word einspeichern!) Aber: Auf keinen Fall, selbst vor der Schönschriftaktion (es soll ja Leute geben, die machen sich die Mühe, um die Textbausteine aus dem Netz irgendwie persönlicher zu machen) die automatische Rechtschreibprüfung ausschalten, denn hierzulande kommt es ja nicht nur auf schöngeschriebene Liebeserklärungen an, sondern auch auf rechtschreibungskorrekte. Also auf den roten Kringel achten, besonders, wenn der oder die Angebetete so ein rechtschreibungssensitiver Typ ist, bei dem die orthografische Prüfung des Gegenübers grundsätzlich großgeschrieben wird und wichtiger ist als ein Profilbild auf Facebook oder im beigelegten Medaillon. Wer also, jetzt nehmen wir mal der Einfachheit halber, ein Stilbeispiel von ganz unten, schreibt: Mausi, ich habe dich zum fressen gern, sollte sich nicht wundern, wenn das Ganze weder am Dönerstand noch bei der übers Internet bestellten Pizza Amore im eigenen Bett landet.
Blöd auch, wenn man beim Korrekturlesen fehlerblind ist und dann vergisst, die männliche oder weibliche Form, je nach Geschlecht des Adressaten, zu löschen (Du bist es, der (die) mein Herz erobert hat und sich meiner Liebe bis in alle Ewigkeit gewiss sein kann.) (9)

Aber nur kein Spott an dieser Stelle für diejenigen, denen die Liebesbriefgeneratoren aus dem Internet eine echte Lebenshilfe geben. Wer vor langer Zeit im frühen BRAVO-Alter die für heutige Verhältnisse richtig unschuldigen Dr. Sommer- -Ratschläge über Pickel und die Frage: So fängt man einen Jungen ein (Bravo v. 11.5.1970) studiert hat, dann während der spätpubertären Jahre in dem Pärchen-Magazin (10) JASMIN, der Zeitschrift für das Leben zu zweit, ganz heimlich, das beigelegte ungeschnittene, aber diskret verschlossene „Lexikon der Erotik“ auftrennte und sich mit „gebremster Halbschlüpfrigkeit“ (Stuttgarter Zeitung) über „die Onanie beim erwachsenen Mann und bei der erwachsenen Frau“ (11) informieren wollte , oder, im reiferen HÖRZU-Alter, sich mit seinen Fragen-Sie-Frau Irene-Problemen (12) Verhaltenstipps fürs Eheleben über eine Fernsehzeitschrift holte, braucht über Liebesbriefsammlungen und -generatoren im Netz wirklich nicht die Nase rümpfen. Denn schließlich gibt es auch eine erkleckliche Zahl von Menschen, die sich, nicht etwa, weil ihnen nichts einfällt, sondern weil sie nicht wissen, wie man Schnuckiputzischatzilein richtig schreibt, scheuen, ihrem Liebling eine waschechte 70-Cent-Briefmarkenansichtskarte aus der nächsten Kreisstadt zu senden. Sie schämen sich und haben Angst, sich damit bis auf die Knochen zu blamieren.

Dann halt doch lieber wieder ILD oder für (D)Englisch-Liebhaber ILY, T9 (lässt einem aber leider doch oft die Wahl) oder IHDL, nicht wahr, Jule?
Nee jetzt, nirgendwo auf der Welt wird ein solches Gedöns um die Rechtschreibung gemacht, wurden Kinder, die sie nicht gut beherrschten, über Generationen hinweg damit gequält und stigmatisiert. Nirgendwo sonst auf der Welt wird bis heute so getan, als seien Rechtschreibfehler Ausdruck mangelnder Intelligenz. Schluss damit, sollen sich die Rechtschreibungssensitiven in ihrem Orthografenghetto doch miteinander vermehren, solange sie wollen. (Aberaberaberaber rhabarberrhabarberrhabarber … ich höre sie schon, meine Kolleginnen und Kollegen vom Fach!)
Trotzdem: Mit dieser Freisprechung, und die ist nötig, ist es leider beim Liebesbriefschreiben immer noch nicht getan. Wer einmal gesehen hat, wie eine größere Zahl erwachsener Männer und Frauen, die sich mit dem Schreiben an sich schwertun, bei einem der zahllosen Aufsätze im Berufsschulunterricht (privater Geschäftsbrief, Inhaltsangaben en gros und kreatives Schreiben (!)), sich die Handgelenke verrenken, um ein paar wenige Sätze aus ihnen herauszuwringen, weiß, dass Liebesbekenntnisse eigentlich keine Frage der Schönschrift sind (die findet man im Übrigen ohnehin nur bei jungen Frauen, die mit ihrer Aussiedlerfamilie irgendwo aus Osteuropa nach Deutschland gekommen sind).

Natürlich muss sich die Schule der Sache annehmen, und den Schülerinnen und Schülern das nötige Rüstzeug an die Hand geben, wenn es um das Schreiben von Liebesbriefen geht. Schon in der Grundschule könnten statt ödem Schönschreiben mit Buchstaben (9) schöngeschriebene Knudelliebesbriefe an den eigenen Goldhamster oder an Butzi, den Wellensittich von Oma, geschrieben werden, im Zahnlückenalter Schmachtliebesbriefe an Justin Bieber oder so und später als Prüfungsaufgabe der Ich-kann-dir-alles-erklären- oder Ich-weiß-auch-nicht-warum-ich-mit-deiner-besten-Freundin-geschlafen-habe-obwohl-du-alles-für-mich-bist-Liebesbrief mit einer kleinen Situationsvorgabe (Alkohol, Disko, Liegesitze, es bedeutet mir gar nichts, war bloß Sex, wird nicht wieder vorkommen, sei kein Frosch, zum Beispiel) als Prüfungsaufgabe beim kreativen Schreiben gestellt werden.
In jedem Fall könnte auf diese Weise ein Stück alte Briefkultur gerettet werden, weil dann statt Kürze wieder die „ persönliche Aussprache oder genauere Erläuterungen von Sachverhalten“ (13), von der Schöttker einmal sprach, gefordert würde, die zuguterletzt auch vorschnelle Trennungen verhindern könnte.

Nur die echten Gefühle und Bekenntnisse, die, wie du richtig sagst, Jule, erst die Seiten vollmachen, sie lassen sich auch bei Rollenspielen nicht ohne weiteres hervorkitzeln (oft wird man ja da mit einem schlechten Zwei bis 3-Punkte-Mitschüler (auf der nach oben offenen Zehnerskala) zusammengebracht, und das, obwohl man von Binichattraktiv.de genau weiß, dass einen das Vote-Barometer als super sexy ausgezeichnet hat. Und dann sich noch gegenseitig Liebesbriefe schreiben, auch nur so zur Übung und ohne jeden Spaß, geht gar nicht.).
Gar nicht so einfach also, den perfekten Liebesbrief schönzuschreiben. Aber vielleicht haben wir ja auch mal genug, von dem Perfektionsdrang in der Liebe. Und Bücher zu wälzen wie Der perfekte Liebhaber, Die perfekte Liebhaberin, Die perfekte Leidenschaft oder Anleitungen wie man ein perfekter Online-Verführer werden kann erübrigt sich dann genau so, wie 120 Tipps für den perfekten Flirt auswendig zu lernen. Vielleicht tut’s ja auch was Selbstgebasteltes oder Teilschöngeschriebenes wie z. B. das Was-ich-an-dir-liebe-Ausfüllbuch im Poesiealbum-Stil, eine, da bin ich etwas anderer Meinung als die Autoren, keineswegs originelle Liebeserklärung zum Ausfüllen und Verschenken, aber immerhin eine. Nur dort nicht hineinschreiben, was man auf einer Liebesbriefseite im Netz entdeckt hat (kann einfach gegoogelt werden!). Kommt das raus, dann hilft auch eine nachgeschobene Ich-konnte-einfach-nicht-anders-Liebeserklärung wahrscheinlich nicht weiter.

In dem Falle, und da wirst du mir sicher zustimmen, Jule, ist es vielleicht besser, Tennisstar zu werden und wie einst Michael Stich, vermutlich nach dem Gewinn der ATP-Weltmeisterschaft gegen Pete Sampras in Frankfurt 1993 (2:36:37 auf YouTube) seiner Jessica, die ihm allerdings einige Jahre später den Laufpass gab, kurz und bündig zur Tribüne hinüberzuschluchzen: Jessica, ich liebe dich. Noch kürzer, aber ganz schön geschrieben, gab sich Willi Kronhardt von Energie Cottbus nach einem Tor gegen den KSC im Jahr 1997, der sich danach kurzerhand sein Trikot vom Leib riss und den laufenden Kameras auf dem T-Shirt, das er darunter trug, den Namen Jule, den Kosenamen seiner Freundin Juliane präsentierte. (14)
Sagen wir mal so, liebe Jule: Schön wäre es in der Tat, wenn alle wieder seitenlange Schönschreibliebesbriefe voll mit Gefühlen und Bekenntnissen schreiben könnten, aber wir wissen beide, dass das nicht nur eine Frage des Wollens und Begehrens ist. Vielleicht tut es manchmal auch ein Blumenstrauß, ein paar Pralinen, ein Gutschein fürs Kino oder eben was Selbstgebasteltes ganz ohne Worte oder eine Liebeserklärung per YouTube-Video. 253.000 Treffer in 50 Sekunden, nee jetzt!

Anmerkungen:
1 vgl. Jule, Digitalisierung der Liebe – warum wir mehr Liebesbriefe schreiben sollten     http://www.huffingtonpost.de/jule/digitalisierung-der-liebe_b_9166010.html, 10.2.2016
2 vgl. http://www.academics.de/wissenschaft/pro_bedeuten_e-mail_und_co_das_ende_der_briefkultur_40026.html
3 vgl. http://www.academics.de/wissenschaft/contra_bedeuten_e-mail_und_co_das_ende_der_briefkultur_40028.html
4 vgl. Manfred Spitzer, Schwarmdummheit,  http://www.znl-ulm.de/Veroeffentlichungen/Geist_und_Gehirn/NHK14_Schwarmdummheit.pdf
5 vgl. http://blog.doebe.li/Blog/NeinDieUSAHatNichtDieHandschriftAbgeschafft
6 vgl. http://meine-liebeserklaerung.de/liebesbrief/liebesbriefe-vorlagen
7 vgl. http://www.academics.de/wissenschaft/contra_bedeuten_e-mail_und_co_das_ende_der_briefkultur_40028.html
8 vgl. http://www.liebeskosmos.de/liebesbriefe/schoene/ewige-gefuehle.html
9 vgl. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41840288.html
10 vgl. ebd.
11 vgl. Lu Seegers, Fragen Sie Frau Irene. Die Rundfunk- und Familienzeitschrift Hör zu als Ratgeberin in den fünfziger Jahren, in: Werkstatt Geschichte 21, Hamburg 1998, S.87-103 , im Internet verfügbar unter: http://www.werkstattgeschichte.de/werkstatt_site/archiv/WG21_087-103_SEEGERS_IRENE.pdf
12 vgl. http://www.kreativerunterricht.de/html/schonschreiben_mit_buchstaben_.html
13 vgl. http://www.academics.de/wissenschaft/pro_bedeuten_e-mail_und_co_das_ende_der_briefkultur_40026.html
14 vgl. http://www.berliner-zeitung.de/archiv/kein-titel,10810590,9265408.html

 

Über allen Gipfeln ist Ruh hat Goethe gut sagen, mit dem, was er, womöglich über Gott und die Welt sinnierend, mutmaßlich im September 1780, bei einer Wanderung mit einem Bleistift an die Holzwand der Jagdaufseherhütte auf dem Kickelhahn bei Ilmenau geschrieben hat. Und wie er fortfährt in allen Wipfeln/ Spürest du/ Kaum einen Hauch und dabei mit seinen Versen, wie Sigrid Damm sagt, den ganzen Kosmos durchwandert, will bei unserem Thema so gar keine Message rüberbringen.
Wenn man sich dem Gipfel allerdings auf einer anderen Route nähert, wird schnell klar, dass Gipfel, vor allem in der Politik, nichts Gutes versprechen. Wenn der Ruf nach einem Gipfel laut wird, dann ist von Ruhe nämlich weit und breit nichts mehr zu sehen und der Hauch hat sich längst zu einem Sturm entwickelt.
So verhieß auch der Wir-brauchen-einen-Renten-Gipfel-Ruf von Heribert Karch, dem Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Altersversorgung (aba)(1) im letzten Frühjahr grundsätzlich nichts Gutes (die großen und kleinen Rentengipfel zu Beginn dieses Jahrtausends sind Legion). Und wenn sich sogar ein DGB-Bundesvorständler beim Rentengipfel der DGB-Senioren der Region Osnabrück-Emsland von aufgebrachten Rentnerinnen und Rentnern sagen lassen muss, er und seine Gewerkschaft würden nicht genügend für die Rentner und gegen das sinkende Rentenniveau tun (2), dann ist auch im hintersten Zipfel angekommen, wie hart die Auseinandersetzungen um die Verteilung der Lasten des demografischen Wandels künftig geführt werden könnten.
Was Alt und Jung bewegt: Immer größere Altersarmut bei jenen, immer höhere Beiträge zur Rentenversicherung bei diesen. Und natürlich will keiner die Zeche einer verfehlten Rentenpolitik langer Jahre bezahlen. Und: viele können das auch nicht, selbst wenn sie es wollten. Aber über all den Rentengipfeln ist weitere Unruhe in Sicht: Jetzt machen sogar die eigenen Parteijungen (schließt Frauen ein) Front gegen das Rentenreformpaket der Großen Koalition. Während diese sich wegen ihrer milliardenschweren Verbesserungen für die langjährigen Versicherten, ältere Mütter und sogenannte „Erwerbsgeminderte“ (geht’s noch?!) eigenlobt, stellt der angebliche Fortschritt zu mehr Generationengerechtigkeit dem Jungen Wirtschaftsrat der CDU, jungen Leuten bei den Piraten und sogar bei der FDP (ja, die gibt es offenbar auch noch) die Haare zu Berge.
Was sie der Bundesregierung vorwerfen: Anzettelung eines Krieges der Generationen. Ihr Ziel im Generationenkrieg: Die Rente mit 63 stoppen. Der Verband der Jungen Unternehmer hat mit seiner Vorsitzenden Lencke Wischhausen so gar keine Lust, zur Zahlmeisterin des Rentnerstaates degradiert zu werden. Das Rundumsorglos-Paket der Großen Koalition verlange nämlich von der jungen Generation, „härter zu arbeiten und mehr zu bezahlen, um am Ende selbst weniger Rente zu bekommen“. Und am Ende wieder der Ruf: „Wir fordern einen Gipfel für die junge Generation.“ (3) Also wieder nichts mit Goethe.

Routenänderung: Der Generationenkrieg ist grundsätzlich nichts Neues, Scharmützel sind schon immer gang und gäbe, die offene Feldschlacht allerdings wurde meistens gemieden. Und das ist auch gut so.
Bei manchen Naturvölkern, holen wir also mal weiter aus, herrschen, wie man weiß, viel rauere Sitten, was den Umgang mit alten Menschen angeht. Dort, wo man in Gesellschaften, in denen der Mangel alles bestimmt und sich jeder als Jäger und Sammler aktiv am Überlebenskampf aller beteiligen muss, sind Alte und Gebrechliche eine Last, derer sich die anderen, sagen wir’s mal so sachlich-nüchtern wie möglich, entledigen.
Altenmord, nennen das andere, wenn diesen meist nomadisierenden Gesellschaften, die mit ihrem wenigen Hab und Gut und ihren Kindern oft weiterziehen müssen, offenbar nichts anderes übrigleibt, als die Alten zu töten oder dem sicheren Tod auszusetzen. Wie das jeweils geschieht, lehrt einen hier das Grausen, wenngleich angesichts der Foltergeschichte des christlichen Abend- und des muslimischen Morgenlandes, angesichts von Holocaust, Madaja, Islamischem Staat und Guantanamo kein Anlass zur Überheblichkeit gegenüber indigenen Völkern angesagt ist.
Aber auch eine romantisierende Sicht mit Scheuklappen vor Augen (Vorsicht: Hier nur nicht ins Fettnäpfchen treten!), taugt nichts, wenn man einen kurzen Blick auf die Praktiken von manchen Naturvölkern im Umgang mit ihren Alten wirft.
Jared Diamond, ein US-amerikanischer Evolutionsbiologe, hat in seinem Buch Vermächtnis (2012) eine ganze Liste davon zusammengetragen (genau das hat allerdings auch Kritiker aus der Wissenschaft, aber auch von indigenen Völkern auf den Plan gerufen, die meinen, dass diese Gesellschaften zu pauschal als kriegerisch dargestellt würden).
Bei den Hopi in Nordamerika, einigen Inuit-Stämmen in der Arktis und bei einigen Gruppen von Aborigenes in Australien werden die alten Menschen einfach ausgegrenzt, sie erhalten nichts mehr zu essen und verhungern. In der afrikanischen Kalahari, bei den Ache-Indianern in Südamerika und den Kutenai- und Omaha-Indianern in Nordamerika werden die Alten einfach ausgesetzt oder beim Weiterziehen des Stammes zurückgelassen. Es gibt sogar Völker, in denen die Alten mit (wer das wirklich glaubt, wird selig) oder ohne deren Einverständnis erdrosselt oder erstochen werden.
Aber: Nicht alle Naturvölker, die im Mangel leben, springen so mit ihren Alten um. Wenn es nämlich durch Arbeitsteilung gelingt, dass sie sich für die ganze Gemeinschaft nützlich machen können, bleibt ihnen dieses grausige Schicksal erspart. Mitunter profitiert die ganze Gemeinschaft davon, dass die Alten einfach in ihrem Leben so viel gelernt haben und ihr Wissen zum Überleben aller einfach nötig ist. Manchmal sorgen sie auch für die Kinder, wenn die anderen auf der Jagd oder beim Sammeln von Beeren, Früchten und Kräutern sind. Und wer’s als alter Mensch in manchen Naturvölkern besonders weit bringt, der wird am Ende seiner Tage Zauberer oder Schamane und als Hüter und Vermittler seines Wissens bei kultischen Handlungen unersetzlich. (4)
Nun sind die Naturvölker, jedenfalls was das anbetrifft, nicht gerade Vorbilder für uns und taugen auch wenig zum Vergleich mit einer Gesellschaft, in der die meisten eigentlich im Überfluss leben und das ständige Haben-Wollen in einem wahren Konsumrausch gipfelt.

Also wieder Routenänderung: Auch in der griechischen Antike war es um die, die damals zu den Unterschichten zählten, im Alter nicht gut bestellt, denn Rücklagen dafür anzulegen, war ihnen schlicht unmöglich. Was diesen Alten blieb, war die Hoffnung, dass sie von ihren Kindern versorgt wurden. Nun wurde ja im antiken Griechenland zwar kaum jemand nach heutigen Verhältnissen betrachtet, richtig alt (wer’s bis 15 geschafft hatte, konnte aber schon noch 30 Jahre oder sogar länger leben) (5). Vom Methusalem-Komplex (6) jedenfalls konnte in einer Zeit, bei der die Hälfte der Menschen, die überhaupt das Jugendalter erreichten, zwischen 45 und 50 Jahren schon das Zeitliche segneten, damals nicht die Rede sein. Aber nichtsdestotrotz: Dem Nachwuchs musste die Aufgabe auch damals eingebläut werden, dass sie ihre Eltern zu ehren und im Alter für sie und nach ihrem Tod für ihre Bestattung zu sorgen hatten. Wer das nicht tat, dem ging man vor Gericht an den Kragen und entzog ihm unter Umständen seine bürgerlichen und politischen Rechte (würde heute vielleicht viele politikverdrossene Jugendliche kaum aufregen, die ihre Stimme ohnehin lieber bei Smartphone-Votings von DSDS oder dessen Ablegern abgeben als im Wahllokal) und dann war man ehrlos.
Harte Zeiten für Drückeberger, die ihrem Alten zu Hause nicht mal den täglichen Graupenbrei, einen weichen Mantel, einen Pelz und eine Prostituierte (ok, war auch in den Wespen des Aristophanes nur ein Witz) gönnen wollten. Aber die Sache mit der Prostituierten ist vielleicht doch nicht so ganz weltfremd, denn Männer, so sagen sie jedenfalls heute, können schließlich immer und bei der Lebenserwartung damals waren viele von ihnen, auch ohne blaue Pillen, gut das ist natürlich eine reine Vermutung, sicher noch potent genug.
Aber nur kein Mitleid mit den Jungen: Wenn man übertragen kann, was für das Römische Reich errechnet wurde, hatten nahezu zwei Fünftel der 15-Jährigen schon ihren Vater verloren, für den das mit der Prostituierten-Versorgung dann natürlich auch Essig war.
Wer im antiken Athen Kohle besaß, machte mitunter auch den Versuch, sein Eigentum schon früher seinem Sohn zu vererben, um ihn für die eigene Daseinsvorsorge zu verpflichten, aber das konnte natürlich schiefgehen. Da war es schon besser, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, und wenn man gar kinderlos war, musste man, auch wenns mitunter schwerfiel, den Hintern hochkriegen und sich etwas einfallen lassen. Menekles, einer dieser Sorte, zeigte sich dabei besonders pfiffig: Er adoptierte einfach den Bruder seiner zweiten, von ihm geschiedenen Ehefrau, um das Problem zu lösen. (7)

Wer sich den Altersbaum, wie man die Visualisierung der Altersstruktur der Bevölkerung bezeichnet, einmal für die Zeit von 1910 bis 2013 (8) und die Prognosen bis zum Jahr 2060 (9) ansieht, kann verstehen, warum in der Politik über die Zukunft von Alt und Jung mit allen Bandagen gerungen wird. Was sich da in den Wipfeln des Altersbaums zusammenbraut, kann einem jungen Menschen vor allem schon angst und bange machen: Immer mehr ältere und alte Menschen müssen von denen, die künftig noch arbeiten, per Generationenvertrag, im Klartext: mit ihren monatlich zwangsabgeführten Beiträgen unterhalten werden. Kein Wunder, dass etliche Alten beginnen, denen die arbeiten, (Vorsicht ist besser als Nachsicht) nicht mehr so recht zu trauen.

Schließlich geht es heute bei einigen von ihnen nicht mehr um Graupenbrei und die Vor-Ort-Prostituierte, sondern bei so manchem Rentner und Pensionär um Vietnamesische Sommerrollen im Thai Style und um die freie Prostituiertenauswahl in Pattaya, wo man, wie der kleine Heinz, ein ehemaliger Verpackungsingenieur im stolzgeilen Alter von 72 (10) erklärt hat, zu Zeiten des Euro-Höhenflugs „von 800 Euro im Monat leben kann, Alkohol, Frauen und Zigaretten inklusive.“ Und wen’s anmacht, der kann sich in unzähligen YouTube-Videos zeigen lassen, wie man mit wenig oder mehr Rente da unten zwischen Pool und Sandstränden die Puppen tanzen lassen kann. (11)
Aber die Erfolgsgeschichte des Renters Willi, Mitte 70, mit seiner jungen thailändischen Frau , das Ganze ebenfalls auf YouTube zu sehen (12) (der Altersunterschied macht das Ganze allerdings nicht obszön, wie man, wenn einer jetzt an Münte, den Cavaliere, Gerhard Schröder, Günter Öttinger, Helmut Kohl und Helmut Schmidt – ja auch der! – denkt, als Beitrag zur Männergerechtigkeit sagen muss), Willis Erfolgsstory kann als nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch dort unten die Kluft zwischen armen und wohlhabenden deutschen Rentnern weit auseinandergeht. Nur ist das – das wiederum ist wirklich der Gipfel! – bei vielen offenbar immer noch viel mehr ist, als das, was sich in den Puffs und auf dem Straßenstrich von Pattaya von den jungen Frauen verdienen lässt, die ihren Körper an die Rentnerzipfel vermeintlicher Woopies (Well-Off Older Persons) mit ihren mal mehr, mal weniger gut erhaltenen Oldie-Bodies, Faltengesichtern und Hängebäuchen verkaufen müssen. Willi jedenfalls bekommt noch heute lüsternglasige Augen, wenn er von seinen wilden 15 Jahren in Pattaya spricht. Hat er heute nicht mehr nötig, sagt er, blickt auf seine zwei Kopf kleinere Frau und grinst.

Gut für uns, die wir zu Hause bleiben (das macht uns aber nicht wirklich zu besseren Menschen), dass auf YouTube mit seinen inzwischen über eine Milliarde Nutzern, die jeden Tag weltweit  mehrere hundert Millionen Stunden Videos ansehen (13), das Genre Rentner-Nightlife-in-Pattaya und ähnliches wohl kaum von jungen Leuten gesucht und, obwohl, wie alles im Internet, eigentlich nur einen Klick entfernt ist, wohl auch selten gefunden wird. Solange sich keiner ihrer YouTube-Stars wie Y-Titty, Gronkh, Dagi Bee, freshaltefolie, albertoson, Simon Desue und andere von der Nur-Comedy, den Lets-Play-Videos, den SchminkBeautyLifestyle-Tipps und sonstigen simplen Inhalten (14) aus einer Welt voller Jux und Tollerei, einfach aus der Lust vieler, Spaß und nur Spaß zu haben, Geld drucken können, brauchen die Alten sich wenig Sorgen machen, selbst wenn es Rentner-Willi, der kleine Heinz oder die anderen mal in den YouTube-Charts weit nach oben bringen sollten. (LeFloid, alias Florian Mund mit seinen 2,6 Millionen Abonnenten ist mit seinem, teils etwas schrägen, auf Jugendliche zugeschnittenen Nachrichtenmagazin, in dem er auch aktuelle Themen aus Politik, Gesellschaft und Panorama aufgreift, die Ausnahme).
So haben die meisten Jugendlichen in ihren ureigenen YouTube-Reservaten oft nur wenig Ahnung davon, warum ausgerechnet Rentnerinnen und Rentner, die kaum mehr über die Runden kommen, vor Tafelläden (ein Begriff der, wenn man’s nicht besser kennt, auch leicht in die Irre führen kann) anstehen oder was einige selbsternannte Best Ager mit dem machen, was ihnen da monatlich nach Pattaya rüberwächst.
Weiß der Geier, wie schnell die Jungen dann wohl ins Lager der Generationenkrieger überlaufen würden, sieht man mal von der hartgesoffenen Malle-Fraktion ab, die sich den kleinen Heinz oder den Rentner-Willi schon heute zum Vorbild nimmt und halt, wenn’s nicht anders geht, mit einer privaten Riesterrente für den Bumsbomber nach Thailand spart, zumal der Preis für das Flugticket nach Pattaya (die Entfernung zwischen Palma de Mallorca und dem Flughafen U-Tapao in Thailand ist groß und die Flugzeit mit airberlin, Thai- und Bangkok-Airways mit zwei oder mehr Stopps und allem drum und dran schlappe 19 Stunden und 50 Minuten lang) auf den ersten Bordellbesuch draufgeschlagen werden muss.

Die Mehrheit der jungen Leute zwischen 12 und 25 Jahren hat hierzulande jedenfalls nichts oder nicht viel gegen die Alten. Einige wissen vielleicht auch, was in den Wipfeln des Altersbaums, zwischen Tafelladen und Pattaya, los ist. Trotzdem sehen sich die meisten nicht als die Rentenbeitragssklaven von Silversurfern mit iPads, Best Agern und Woopies aller Art.
Und, solange jedenfalls die allgemeinen wirtschaftlichen Aussichten rosig sind und ein jeder und ein jede für sich hofft, sein Päckchen demografischen Wandels mit Eigeninitiative schultern zu können, wollen sich die meisten Jungen nicht in einen Krieg der Generationen hineinziehen lassen, wie die 16. Shell-Jugendstudie (2010, S.169) vor fünf Jahren schon festgestellt hat. (15)
Die jungen Leuten sehen allerding schon, dass der demografische Wandel der ganzen Gesellschaft eine Menge abverlangen wird, aber in der aktuellen Shell-Jugendstudie (2015) halten sogar verglichen mit 2006 nur noch die Hälfte von ihnen, nämlich 13%, es für ein sehr großes Problem, dass es in Zukunft mehr ältere und weniger jüngere Menschen gibt. (16) Aber für blöd verkaufen lassen, wollen sie sich auch nicht, und so erklären auch 2015 weiterhin knapp die Hälfte der befragten Jugendlichen, dass das mit den mehr Alten und den weniger Jungen schon ein großes Problem sei. Aber solange die allgemeine Stimmung im Lot ist und man für sich und das Ganze eine Perspektive sieht, bleibt wohl auch der Anteil der Jüngeren weiter gering (2010:25%; 2006 34%), die verlangen, dass Ältere zugunsten der Jüngeren zurückstecken sollen. Heinz und Willi können also aufatmen.
Überhaupt macht die Einschätzung der Mehrheit der jungen Leute, wonach das Verhältnis zwischen Alt und Jung heutzutage (2015) eher harmonisch (53%) statt angespannt (40%) ist, durchaus Mut, zumal sich viele Befragte, rein entwicklungsmäßig betrachtet, in einer Lebensphase befinden, in denen die Eltern naturgemäß schwieriger werden. Ja, und auch wenn – allerdings das offenbar in konjunkturellen Schwankungen – 32% meinen, dass sich das Verhältnis von Alt und Jung in Zukunft verschlechtern wird, liegen sie hinter dem Dreifünftel, das meint, alles bliebe beim Alten (49%) oder könnte sich sogar noch verbessern (13%), deutlich zurück. (17)

Also noch scheint im Verhältnis der Generationen alles irgendwie im Lot, auch wenn es wohl nicht lange gehen wird, bis der Anteil der Jungen, die noch 2010 geglaubt haben, der Wohlstand zwischen Alt und Jung sei gerecht verteilt (2006: 43%, 2010: 47%) abnehmen wird (18), wenn die Raten für einen BMW zu hoch sind und die Jungen im Rückspiegel ihres Kleinwagens sehen, wie manche Best Ager in ihren Wohnmobilen auf der Reise in den Süden hinter ihnen auf die Überholspur wechseln.

Besser als, wie Kaninchen vor der Schlange, auf das Gefühlsbarometer der Jungen zu schauen wäre es indessen, wenn auch wir Alten, insbesondere als Herbst-Menschen um die 60 herum, denen oft noch viele Jahre beschieden sind, ehe sie zu den Winter-Menschen werden, die pflegebedürftig und vielleicht auch dement ihre restlichen Tage leben, dem folgen würden, was Heribert Prantl einmal den gerontologischen Imperativ genannt hat: Pflege die sehr Alten so, wie Du selbst in zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahren gepflegt werden willst. (19) Und vielleicht verlieren wir dann auch unsere Angst vor dem Altern, vergessen das Gerede von der Alzheimerisierung unseres Landes und der drohenden Rentnerdiktatur und können dann, weil es für uns selbst ja auch nicht mehr so fern erscheint, ein Altern in Würde und sozialer Sicherheit ohne Psychopharmaka und Neuroleptika, ohne Festschnallgurte, kurz ohne Stalingrad im Pflegeheim (Prantl) mitorganisieren helfen.
So nehmen wir auch, wenn die Zeiten mal wieder schlechter werden, von den Jungen den Druck, sich für einen Generationenkrieg zu erwärmen, der in die soziale Kälte und für Alt und Jung gleichermaßen in die soziale Verwüstung (Prantl) führt.

In einer Zeit, in der simple Konzepte zur Lösung politischer Fragen und gesellschaftlicher Probleme Oberwasser zu bekommen drohen, darf man den Gipfel des Menschseins, die soziale und politische, aber auch ganz und gar eigenverantwortliche Anerkennung der Menschenwürde der Winter-Menschen nicht, wie Prantl weiter schreibt, am Lineal von Ökonomie und Leistungsfähigkeit messen. Und auch, wenn das an dieser Stelle nur wiederholt, was an anderer Stelle immer wieder mal zitiert worden ist: Die Betreuung und die Pflege altersverwirrter Menschen ist wesentlich mehr als eine lästige Pflicht, der wir uns zu unterziehen haben. Sie ist der einzige wirksame Schutz vor der Neuauflage der alten Idee vom ‚lebensunwerten Leben‘, zumal in einer Welt zunehmender wechselseitiger Distanziertheit unter dem eisigen Dreigestirn von Geld, Technik und rationalem Eigennutz. (John Bayley in seiner „Elegie für Iris“, die seinen Alltag mit seiner demenzkranken Ehefrau beschreibt). (20)
Wenn wir Herbst-Menschen, denen es gut geht (ganz viele sind indessen davon weit entfernt), uns nützlich machen, bleibt uns das Schicksal der Alten in manchen Naturvölkern (so viel Vergleich darf jetzt einfach mal sein) erspart und auch die Menekles-Strategie zur Sicherung der Altersversorgung muss niemand folgen. Und die Jungen werden, selbst wenn es in der Pubertät mit den Alten hoch hergeht, weiterhin sagen: Die Alten sind ganz ok so – und: Über allen Gipfeln und an allen Zipfeln ist Ruh.
(5.2.2016)

Anmerkungen:
1 http://www.presseportal.de/pm/102567/3016271
2 http://www.noz.de/lokales/osnabrueck/artikel/624240/rentengipfel-der-dgb-senioren-der-region-osnabruck-emsland
3 http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/umstrittene-rentenplaene-grosse-koalition-zettelt-krieg-der-generationen-an/9711084.html
4 vgl. Diamond, Vermächtnis, Frankfurt/M. 2012, S.246ff.
5 vgl. Krause, Ehe und Familie in Griechenland, 2003, S.24ff.
6 http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/alter-der-methusalem-komplex/1912784.html
7 vgl. Krause, Ehe und Familie in Griechenland, 2003, S.83f.
8 http://www.teachsam.de/politik/Arbeitswelt%20BRD/strukturwandel/demografischer%20wandel/demografischer%20wandel_ub_11.htm
9 http://www.teachsam.de/politik/Arbeitswelt%20BRD/strukturwandel/demografischer%20wandel/demografischer%20wandel_ub_8.htm
10 http://www.spiegel.de/spiegel/a-614996.html
11 http://www.youtube.com/watch?v=ae_BaB0HuRU
12 http://www.youtube.com/watch?v=sDQt2N7Qi3g
13 http://www.youtube.com/yt/press/de/statistics.html
14 http://www.heise.de/newsticker/meldung/YouTube-Stars-Viel-Geld-viel-Schleichwerbung-kaum-Inhalt-3056341.html
15 vgl. Jugend 2010, 16. Shelll-Jugenstudie, hrsgg. v. der Deutschen Shell, Frankfurt/M.: Fischer 2010, S.169
16 vgl. Jugend 20015, 17. Shell-Jugendstudie, hrsgg. v. der Deutschen Shell, Frankfurt/M.: Fischer 2001516. Shell-Jugendstudie 2010, S.191
17 vgl. ebd.
18 vgl. 16. Shell-Jugendstudie 2010, S.169
19 vgl. Heribert Prantl, Zeitenwende: Das Altern als Glücksfall für die Gesellschaft, aus: Der Bürger im Staat, H.2/3 2015, S.76-77
20 zit. n. ebd.

Wer hinriechen wollte, hätte es längst wissen müssen. Aber viele tragen ihre Nase einfach schon immer so hoch, dass sich in deren Flügeln die überall herumwabernden Duftwolken von Deos und Intimsprays nicht verfangen. Deos und Intimsprays stehen möglichweise bald vor dem Aus: Der Schweiß macht’s.

Dabei steigen Gerüche, wie man ja, man muss es mal offen sagen, vom <em>Furzen</em> weiß, von besonderen thermischen Bedingungen mal abgesehen, leider auch immer nach oben, wenn der Pups, wie das Gemisch aus Methan und allerlei anderen Gär– und Faulgasen manchmal verniedlichend genannt wird, nicht beim rektalen Entweichen, z. B. im Schlaf, von einem Dickicht hohlkieliger Gänsefedern am Aufstieg gehindert wird.

Nicht immer mit Erfolg, wie jeder weiß,  der sich beim Abendessen bosnische Ćevapčići oder bulgarische Kebaptscheta, eine provenzalische Aigo Boulido, koreanisches Kimchi oder arabisches Zitronen-Knoblauch-Huhn mit Kartoffeln und Zwiebeln hat servieren lassen, aber wegen weniger Minusgrade draußen, ausnahmsweise versteht sich, das Schlafzimmerfenster nicht geöffnet hat.

Vielleicht sollte man solchen Stinkern (Frauen weigern sich ja bis heute vehement dazugezählt zu werden) einmal sagen, wie man seine Flatulenz besser kontrollieren kann und dass der Aus – und Aufstieg des Flatus mit Plumeau oder Daunendecke bei richtiger Handhabung wirksam verhindert werden kann.

Dazu muss man wissen, Fort-  und Weiterbildung kann ja nicht schaden – dass sich so ein Gänsefederdickicht von Natur aus geradezu ideal dafür eignet, „sowohl warme Luft an der Hautoberfläche einzuschließen, als auch die Durchdringung der kalten Luft von außen optimal zu verlangsamen.

Überflüssig darauf hinzuweisen, dass nicht jeder Furz den rektalen Weg nimmt, was schon Georg Kreisler zur olfaktorischen Markierung aller Schwätzer in den Parlamenten genutzt hat, als er in einem gleichnamigen Lied (ich glaube,  Song kann man dazu nicht sagen) die Zeilen dichtete:
„Dann sagt ein Redner: „Hohes Haus
Dieser Furz muss raus!“
Und das sind die richtigen Worte
Die kriegen viel Applaus!“
Und natürlich gibt es auch den kleinen Furzer, der sich aufführt, als sei er der Herr der Winde.

Gutsein, hier soll ja nicht dem Furz nach dem Geruch geredet werden und die weltweite Furzliteratur um eine neualte Glosse über den guten alten Leibeswind weiter aufgebläht werden. Der Furz als solcher kann auch nicht ästhetisiert werden, indem man ihn quasi in Abwesenheit (?) und mangels synästhetischer Präsentation zu einem abstrakten Thema und zum Gegenstand einer symbolischen Aneignung macht.
Soviel muss aber noch sein, ein paar Titel bei Amazon gegoogelt (keine Sorge, ich bin weder an den Büchern, noch den Werbeeinahmen einen Furz beteiligt!), zeigen, woher der Wind weht: Fürze, Der ultimative Blähführer: Buch mit Soundkonsole; Wer hat hier gefurzt?  Malbuch für Erwachsene; Far(h)t-(en)buch Fartbook Furzbuch: Das „Fahrtenbuch“ der Fürze; Furzbuch: Das kleine Mädchen, das nicht aufhören konnte zu pupsen (Kostenloses Furz Mädchen Malbuch enthalten) oder Zwei Diskurse über den Furz: Gelehrte Betrachtungen über ein anrüchiges Thema.

Wer glaubt, der Furz und die Art und Weise, wie er rektal abgesetzt wird, eigne sich besonders gut zur sozialen Distinktion, im Klartext: Man könne beim Furzen erkennen, ob der– oder (gewagt, gewagt! – s.o.) diejenige eher ein kleiner Furzer oder eine niedlich kleine Pupserin ist oder ganz oben Wind macht, dem sei gesagt, dass der Flatus groß und klein gleichmacht wie sonst nur der Tod.
Und privat ist die Darmflöte schon längst nicht mehr. Wer will, kann sich sogar mit Obamas Furz (Buchtitel) befassen, oder, da der Furz ja ein multimediales Ereignis ist, sich bei YouTube nach der Eingabe Furz mindestens 95.000 (in Worten: fündundneunzigtausend) Furzvideos ansehen, die in der Welt sozialer Netzwerke, (noch) ohne Geruchsübertragung, zum guten Ton gehören. Ein ganz eigene Welt der Fart-Community im Netz, deren Kernforderung Die eigene Dutfnote gehört ins Facebook-Profil! über kurz oder furz von Marc Zuckerberg sicher erhört werden wird, sobald der Meteorismus, wie der Abgang von Darmgasen, um es mal politisch und moralisch korrekt auszudrücken, weitere Milliarden von Dollar, Euro und Renmibi in seine Kassen hineinrubelt.
Wer will, findet also hinreichend Literatur und Anschauungsmaterial. Wem aber die ganze Furzerei zuviel ist (meine Tante in den USA bekommt, wenn sie das Wort fart hört, regelmäßig einen nicht ganz ungefährlichen Fremdschämlachkrampf und muss nun nach einem Zwerchfellanriss einen Flatus-interruptus-Kurs besuchen), und sich dem Furz lieber in „ästhetischer Distanzierung“ (Pierre Bourdieu) nähert, findet auch sicher etwas über den Furz an sich, den das Vulgäre des Miefs nicht mehr umweht.

Gegenwind: Die herumwabernden Gerüche – in der Pariser Metro meist ein süß-säuerliches Gemisch aus billigem Rasierwasser, teuren Parfüms und eher mittelmäßigen Intimsprays und am anderen Ende der Welt, in den An- und Abflughallen des Internationalen Flughafens von Incheon offenbar massenhaft rektal entsorgte Blähungen der Fluggäste aus aller Welt, die auf den hartstieligen koreanischen Knoblauch zurückgeführt werden müssen – haben als Gerüche gemeinsam, dass sie nicht einfach unmittelbar dramatisiert, in Heimvideos inszeniert und dann über Facebook und Instagram geshared werden können.
Auch wenn es auf den ersten Blick nicht gut aussieht: Die Rettung naht, wie bei allen Problemen dieser Welt, mit einer App. Nein, noch ist sie nicht da, die ultimative Furz-App und die ganze Entwicklung steht noch am Anfang, aber der ist gemacht. Eigentlich ist man erst einem Bruder des Furzes appmäßig auf die Pelle gerückt, dem Schweiß nämlich, der ja, wie man weiß, selbst gar nichts dafür kann, dass er als Stinker verschrien ist, denn erst die bei seinem Abbau entstehende Buttersäure bringt ihn regelmäßig in Verruf. Kulturell bedingt, sind die offenen Anhänger der natürlichen Aura von Schweiß und Furz nur die Männer, und auch bei denen ist dies nur die radikale Minderheit der Netzhemdfetischisten, die einem an heißen Sommertagen zwischen Baumarktregalen und Bierfestsitzgarnituren begegnen.

Die Deutsche Presseagentur hat gerade rechtzeitig, ehe die Netzhemden wieder aus dem Schrank geholt werden, die Erfindung – ich finde, sie hätte den Daniel-Düsentrieb-Preis verdient – in Deutschland verbreitet. Es gibt jetzt ein Schweißarmband, von dem eine, die das Ding im Selbstversuch ausprobiert hat, sagt, es sei ein fantastisches Tool, um den eigenen Körper kennenzulernen.
Das Schweißarmband (demnächst vielleicht auch mit 14-Karat beim Juwelier zu haben) hat einen Sensor, der die chemische Zusammensetzung des Köperschweißes, man glaubt es kaum, in Echtzeit!, messen kann. Schwuppdiwupp, besser gesagt: über Bluetooth aufs Smartphone an die transpiration app (?) – Vorsicht NSA und Krankenkasse lesen mit! – und schon hat man Datensätze generiert, die einem, ohne weitere Doktorspiele am eigenen Körper, sagen, ob man kommt oder geht, kurz: was mit einem los ist.

Muss man sich echt mal überlegen, was die von Ali Javey von der renommierten University of California in Berkeley erstmal nur für die Anwendung des Schweißbändels im Sport gemachte Aussage bedeutet: „Menschlicher Schweiß enthält physiologisch reichhaltige Informationen, was ihn zu einer attraktiven Körperflüssigkeit für nicht invasive, tragbare Sensoren macht.
Klingt vielleicht für alle, die nicht jede freie Minute auf dem Laufband verbringen und ohnehin alle ihre Aktivitäten mit einem der unzähligen Fitnesstracker aufzeichnen, um ein besseres Gefühl für ihren Körper entwickeln zu können, ein bisschen schräg. Aber, wenn man das mal weiterdenkt, dann ist das rechtzeitige Erkennen des Anteils der Natriumionen im Schweiß (die für sich allein genommen ja über jeden Gestank erhaben sind),  bevor man völlig dehydriert, also innerlich austrocknet, auch bei vielen Aktivitäten eines stinkebumsnormalen Bundesbürgers, der sich einen Bewegungsmelder bisher nur an der eigenen Haustüre vorstellen kann, eine Echtzeithilfe.
Ob beim Heckeschneiden oder Fensterputzen oder bei sexuellen Vergnügungen, die sich bei vielen mit aufsteigendem Alter immer häufiger unter der Decke abspielen, wo es, wir ja schon wissen, im Dickicht hohlkieliger Gänsefedern schnell unangenehm heiß werden kann, ist auch die dem Schweiß per Sensor abgeluchste Information in ein nicht allzu abtörnendes Warnsignal gebettet (ein passender Klingelton kann downgeloadet werden!) für beide Akteure eine echte Lebenshilfe. Und, Frauen jetzt mal alle hergehört, auch die Gefahr einer plötzlichen Ermüdung des Partners wird euch so rechtzeitig signalisiert, dass man darauf mit kleinen, aber wirksamen taktischen Änderungen und Spielereien reagieren kann.
Aber auch für Politiker wäre so ein Überhitzungsschutz zu empfehlen, dass sie nicht bei jedem Furz (s. Kreisler), der im Parlament Wind machen will, überdrehen.
Wahrscheinlich lässt sich in absehbarer Zeit in dem Hohen Hause aber kein Gesetz durchbringen, das im Gefolge der neuen Erkenntnisse aus Berkeley, Deos und Intimsprays aus Metros und öffentlichen Hallen verbannt. Aber die Zeit arbeitet sicher für die App und alle, die schon immer an die natürliche Aura geglaubt haben, die von Schweiß und – Furz ausgeht.

Das mit der Schweißanalyse-App eingeläutete Rollback für andere Naturdüfte ist dazu noch ökologisch und sozial im Trend.
Denkt man also weiter, und spinnt den Faden am Flatus weiter, was könnte eine App, die dessen chemische Zusammensetzung und Lautstärke misst, nicht alles dazu beitragen, um den eigenen Körper wieder neu kennenzulernen. Ins Facebook-Profil könnte automatisch in der Timeline aufgelistet werden, was man vor einer Weile gegessen und getrunken hat und Marc Zuckerberg könnte einem dann die passende Chop Suey-Tagesgericht-Werbung vom Chinesen um die Ecke aufs Smartphone schicken.
Und ökologisch wäre so eine App der Hammer. Endlich könnte man in Echtzeit wesentliche Daten des eigenen ökologischen Fußabdrucks durch die Vermessung und Analyse der selbstgemachten Flatulenz erkennen. Der eigene Methan-Ausstoß könnte dazu mit einer Art Umweltplakette markiert werden, und die App könnte in Verbindung mit Mobile Payment den käuflichen Erwerb von Knoblauch und Co. nach mehrfachen Überschreitens eines Grenzwertes einfach sperren. Und … schon weht es mich mit meinen Zukunftsfantasien noch weiter fort, auch beim Essen beim Griechen, Türken, Chinesen oder in Maredos Steakhouse müsste nicht nur auf der Speisekarte stehen, woher der Fleischklops auf dem Teller stammt, sondern auch wieviel Methan früher die Lebendware erzeugt hat und wieviel nach dessen Verdauung dazukommt, um sich nicht ungewollt in eine Methanfalle zu futtern.

Am Ende aber bleibt auch der Zweifel. Vielleicht ist der ganze Wind um Schweiß und Furz 2.0 eben doch nichts anderes als eine – Furzidee.

Irgendwie kam die Meldung daher, wie der tägliche Wetterbericht. Bei Colorado Springs in der Nähe einer Klinik von Planned Parenthood (PPFA), einer Non-Profitorganisation, die ihn ihren mehreren hundert Kliniken in den USA auch Schwangerschaftsabbrüche durchführt, wurden drei Menschen ermordet und etliche andere verletzt. Schwer zu sagen, ob sich die Motive des 57-jährigen Mörders, Robert Lewis Dear, letztlich nur auf seine unverhohlene Abscheu vor der Abtreibung gründen. (1) „Turn to JESUS or burn in hell“ (2) hatte der vor 25 Jahren wegen seines gesetzwidrigen Zur-Schau-Tragens von Messern und geladenen Waffen in der Öffentlichkeit schon mal festgenommene Täter in einem Internetforum geschrieben. Vieles deutet jedenfalls darauf hin, dass Dear den Schauplatz des Colorado-Springs-Planned-Parenthood-Shootings bewusst gewählt hat, zumal er offenbar schon früher einmal eine Klinik der Organisation ins Visier genommen hatte. (3) Nach Recherchen der „Gray Lady“ aus New York war Dear darüber hinaus in seinem Umfeld als radikaler Abtreibungsgegner bekannt und zeigte nicht nur Sympathien für alle jene, die Personen und Einrichtungen angriffen, die Schwangerschaftsabbrüche vornahmen. Mehr noch: Die Art und Weise, wie er solche Angriffe als das Werk Gottes hinstellte und die Mitglieder des terroristischen Anti-Abtreibungsnetzwerks Army of God als Heroes glorifizierte (4), zeigt, dass sich seine Mordtat in die große Zahl krimineller Straftaten gegen Personen und Einrichtungen einreihen lässt, die Abtreibungen unter bestimmten Bedingungen befürworten oder vornehmen. (5)

Die Bluttat des religiösen Fanatikers Dear, der sich selbst als „Warrior for the babies“ (6) bezeichnete, wurde in der deutschen Öffentlichkeit, in der die Diskussion um die Abtreibung seit der letzten Änderung der rechtlichen Rahmenbedingungen für den Schwangerschaftsabbruch im Jahr 2010 deutlich abgeebbt ist, mehr in den Kontext der allgemeinen Entrüstung über Shootings und Waffengesetzgebung in den USA gestellt. Das liegt wohl daran, dass die Deutschen einen besonders ausgeprägten Hang zum Mitleiden zeigen, wenn das Gute gegen das Böse den Kürzeren zieht oder, wenn, wie in diesem Fall, demokratische US-Präsidenten immer und immer wieder daran scheitern, gegen die Waffenlobby, die Republikaner und den waffenstarrenden American Way of Life eine Verschärfung der Waffengesetze durchzusetzen.

So wundert es auch nicht, wenn die Tränen, die Barack Obama vergoss (7), als er zuletzt seine eigenmächtig-präsidialen Verschärfungen der Waffengesetze im Weißen Haus ankündigte, auch hierzulande die Aufmerksamkeit auf das Waffenarsenal dieser bis zu den (Milch-)Zähnen bewaffneten Nation lenkten, wo viele bis heute meinen, man könne sich gegen das Böse wie einst Wild Big Hickock (1837-1876) im Gunfight, allerdings mit modernen Pumpguns im Anschlag oder mit den sogenannten Kurzwaffen (concealed handguns) unterm T-Shirt verteidigen, die weit über 11 Millionen erwachsene Amerikaner vom Walmart bis nach Disneyland verdeckt herumtragen dürfen. (8) Für den Rest der Welt unvorstellbar: Auf 100 Bürger kommen fast 90 Schusswaffen in Privatbesitz, in fast jedem zweiten Haushalt gibt es mindestens eine Schusswaffe, statistisch gesehen hat nur etwa jeder Zehnte keine Schusswaffe und manche sagen, davon gäbe es in den USA inzwischen 310 Millionen, jeden einzelnen Tag werden knapp dreihundert Menschen durch Schusswaffen verletzt oder getötet, 30.000 lassen pro Jahr durch sie aus Versehen oder bei Schießereien ihr Leben, 11.000 davon durch Totschlag und Mord, zwei Drittel Suizide, allein 2015 ballerten mindestens 265 Kinder und Jugendliche aus Versehen auf andere oder trafen sich … und Massenschießereien, sogenannte Shootings mit mehr als vier Opfern (einschließlich der Täter) gab es 2015 so gut wie jeden Tag …(9) Wer dieses Fass aufmacht – Michael Moore hat uns davon mit Bowling for Colombine einen Einblick gegeben -, hat keine Angst mehr vor der Büchse der Pandora.
erspektivenwechsel: Natürlich hat auch dies alles für die Morde Dears eine Rolle gespielt. Wenn es aber nur in diesen Kontext gestellt wird, kann es auch von anderen, mindestens genau so wichtigen Aspekten ablenken. Und nicht nur das: Die Kritik am Waffenwahnsinn in den USA – wie kann man schreiben, die Menschen dort seien bloß in Waffen „vernarrt“? (10) – leistet dann unter Umständen auch einer Deutung des Colorado-Springs-Planned-Parenthood-Shootings und ähnlicher Vorkommnisse Vorschub, alles mit dem Waffenwahn von Joe und Bill oder Jane und Jill (average Joe and plain Jane) oder irgendwelchen Hillbillies und ihren Hintermännern in der National Rifle Association, dem mächtigsten Interessenverband der USA, zu erklären. Viel zu einfach das Ganze, das wissen die Deutschen aus eigener leidvoller Erfahrung. Monokausale, einfache Erklärungsmuster (ganz unmathematisch, nur verdeutlichend: Shooting=Waffendichte, Amoklauf=Ego Shooter) bringen nichts. Die Massenschießerei von Colorado Springs ist und bleibt ein Angriff auf Pro Choice und alle Menschen und Institutionen, die in den USA für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch eintreten.

Mehrfacher Schauplatzwechsel: Selbstverständlich scheiden sich, selbst wenn die Gräben derzeit zugeschüttet scheinen, beim Thema Schwangerschaftsabbruch auch hierzulande weiterhin die Geister, und das oft vollkommen unversöhnlich. Die Geister früherer Tage: „Mein Bauch gehört mir“ vs. „Abtreibung ist Mord“ haben sich wohl nur vorübergehend verzogen. Aber eines ist sicher: Der Ohrwurm der frühen 68er „Die Herrschaft der Schwänze hat ihre Grenze“ passt zwischen die Ohrstöpsel der iPodPadPhone-Generation nicht mehr hinein. „Weiberräte“ (alte Anti-68er-Parole: Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen!)– nein, der Weiberrat des Markranstädter Carneval Clubs ist etwas ganz anderes – Weiberrat und Katholibans aller Art in Deutschland – das ist wieder eine ganz eigene Geschichte. Soviel nur: Bis heute sammeln letztere auf Facebook für die Parole Abtreibung ist Mord, für den „guten Zweck“, fleißig Likes. Trotzdem: Auch wenn es, weiter können wir den Deckel hier nicht lüften, sogar eine De-URL mit der Parole als Domain gibt, hat sich hier selbst in Zeiten hitzigster Kontroversen (noch) niemand an den barbarischen Terrorakten schießwütiger Abtreibungsgegner in den USA ein Beispiel genommen. Die drüben zum Teil aus dem Umfeld des schon Jahrzehnte bestehenden Army-of-God-Netzwerks (AOG) stammenden Warriors, einem losen Haufen selbsternannter Gotteskrieger christlich-fundamentalistischer Ausprägung, haben hier noch keine direkten Nachahmer, Gottseidank!

In den USA zählen Shootings wie das von Colorado zu terroristischen Straftaten. Man bezeichnet sie als domestic terrorism und will sie damit als „hausgemacht“ ausweisen, weil ihre Terrorakte von amerikanischen Staatsbürgern oder Personen mit einem Aufenthaltsrecht in den Vereinigten Staaten ausgeführt werden. Zum Feld des Inlandsterrorismus, wie man den „hausgemachten“ Terrorismus nennen könnte, zählen dabei nicht nur Terrorakte, die radikale Abtreibungsgegner (anti-abortion-violence) durchführen, sondern auch der so genannte Eco-terrorism (Gehören eigentlich „Free-Willy“-Aktionen in Delphinarien auch dazu? ), die Aktionen der Animal Liberation Front, der Black Liberation Army, der Jewish Defense League und eben auch der Terror des Ku Klux Klan und der Army of God. Deren Gotteskrieger bekennen sich, wie jede andere Terrororganisation der Welt, offensiv zu Geiselnahmen, Brandstiftungen und Briefbomben-Attacken (vorgeblich oder tatsächlich mit Anthrax gefüllte Briefe), um ein Klima der Angst zu erzeugen und, in diesem Fall, die Befürworter von Schwangerschaftsabbrüchen (Pro-Choice-Bewegung) mit ihren Angriffen auf Leib und Leben oder ihrem Telefon-, Brief- und E-Mail Terror, mit Cybermobbing im Netz (Internet-Harassment jeder Art) und vielem anderen mehr einzuschüchtern. Und die Hassprediger dieser Christobans haben bis heute die Stirn, in einem Land, dem die freie Meinungsäußerung über alles geht, in einer – man höre und staune – Selbstverteidigungserklärung (Defense Action Statement) kundzutun, dass sie (allein) „die gerechte göttliche Sache vertreten“ und demzufolge auch das Recht beanspruchen könnten, „alle notwendigen Mittel“ einzusetzen, und zwar „einschließlich Gewalt, um das unschuldige Leben, geboren oder ungeboren, zu verteidigen.“(11) Christlich motivierte Allahu-akbar-Rufe vor dem nächsten Blutbad? Die Opfer bei Charlie Hebdo und im Pariser Bataclan und anderswo schreien auf! Kein Vergleich? Und ob, und selbst dann, wenn sich IS und Army of God kaum noch mehr spinnefeind sein könnten.

Bis heute dürfen die Gotteskrieger der Army of God, die ohne Zweifel die geistigen Anstifter des irgendwie psychopathisch wirkenden Mörders von Colorado Springs sind, auf ihrer Webseite den reuelosen und kaltblütigen Mörder des NAF-Mitglieds Dr. George Tiller, den 52-jährigen Scott Roeder, der 2010 zu einer mindestens 50 Jahre dauernden Freiheitsstrafe verurteilt worden ist, ungehindert zu einem American Hero mit eigener (Gedenk-)Seite küren und ihre Anhänger dazu auffordern, diesem mit E-Mails ins Gefängnis ihre Sympathie auszudrücken, während sie zugleich den ermordeten Arzt in schonungsloser Weise weiter verhöhnen. Doch dies ist bekanntlich nur die Spitze des Eisberges. Die Nichtregierungsorganisation National Abortion Federation (NAF) verzeichnete seit Mitte der 70er-Jahre nicht nur mehr als 200 Bomben- und Brandanschläge auf Beratungsstellen und Kliniken, in denen Schwangerschaftsabbrüche oder künstliche Befruchtungen (In-Vitro-Fertilisation) vorgenommen wurden bzw. werden, sondern auch 8 Morde, die meisten davon allerdings zwischen 1974 und 1994. Insgesamt kam es in diesen 40 Jahren zu 6.948 kriminellen Gewalttaten gegen diese Einrichtungen in den Vereinigten Staaten. (12)

Inlandsterrorismus pur in genau dem Land, das nach dem furchtbaren Terroranschlag auf die Twin Towers in New York und die anderen Ziele am 11. September unter seinem bis auf die Knochen erschrockenen Präsidenten George W. Bush (US-Präsident 2001-09), den War on Terror (WoT) oder auch Global War on Terrorism (GWOT) lauthals ausgerufen und mit seinem, wie wir heute wissen, beispiellosen Pyrrhussieg über den irakischen Diktator Sadam Hussein und seinen Folgen, den Terrorismus von Al-Qaida und dem Islamischen Staat in der ganzen Welt erst so richtig groß gemacht hat; Inlandsterrorismus in einem sich selbst stets hochlobenden Land, von US-Kriminellen praktiziert, eine bittere Pille für viele dort, so weit so schlimm, aber „hausgemacht“? Domestic terrorism ein Gezücht der eigenen politischen Kultur? Das geht ans Eingemachte und vielen Amerikanern zu weit.

Wer glaubt, dass die Gotteskrieger der AOG heutzutage mit der gleichen unerbittlichen Härte bekämpft würden, wie dies so manchem vermeintlichen Taliban-Sympathisanten aus aller Welt ergangen ist, der unter völliger Missachtung von Menschenrechten und ohne ordentliches Gerichtsverfahren, einfach auf Verdacht hin, terroristische Straftaten begehen zu wollen, von den Anti-Terror-Kriegern nach Guantánamo verbracht und dort vor den Augen der Weltöffentlichkeit u. U. gefoltert wurde, verkennt, worum es geht, und wie tief religiös kaschierte Vorurteile in der amerikanischen Gesellschaft verwurzelt sind.

Die Cruzification– und Trumpification der öffentlichen Meinung mit Vorurteilen hat sogar die „Post“ im Dezember 2015 veranlasst, eine Zeichnung ihres Karikaturisten Tom Toles zu drucken, die zeigt, wie Donald Trump der Statue of Liberty ein Hitlerbärtchen malt und sie damit zur Statue of Limitations umfunktioniert.
Die Trumpification spielt jedenfalls nicht nur der großen Zahl von Evangelibans und der Tea-Party-Fraktion in die Hände (Sarah Palin feiert gerade an der Seite Trumps ihre Wiederauferstehung!), sondern zielt mit ihrem zum Teil faschistoiden Populismus mitten ins Herz der amerikanischen Gesellschaft, dort sehen sie auch in Donald Trump den „Uramerikaner“, „der zwischen Hirn und Mund keinen Filter hat“(13) und gerade deshalb ankommt, weil seine Sprechblasen aus genau dem Stoff gemacht sind, den die erzkonservative Rechte gesabbert hat, aber in der Mitte inzwischen auch als „erfrischend“ goutiert wird. Und selbst die Mitbewerber bei den Republikanern haben den Braten gerochen: „Ich denke, er zapft die Wut an, die die Leute fühlen“, sagt Carly Fiorina.

Beim Thema Abtreibung eiert der Immobilien-Milliardär herum – ein Post bezeichnet ihn als „flip flopper on abortion“ (14) – und gibt sich, gemessen an der Haltung der extremen Rechten in seiner Partei, geradezu „liberal“, wenn er öffentlich verkündet, er sei schon immer „very pro-choice“ gewesen, dann aber auf Nachfragen erklärt, wie das zu verstehen ist: Schwangerschaftsabbruch in einer bestimmten Frist, aber nur dann, wenn das Leben der werdenden Mutter in Gefahr ist, nach einer Vergewaltigung oder bei Inzest.

Für den ganzen Trump-Eiertanz in der Abtreibungsfrage – keine Zeit. Aber auch das ist typisch Trumpification und jeder Autofahrer kennt die Unart: Links blinken und dann rechts abbiegen. Und taucht dann etwas weiter ein Krankenhaus von Planned Parenthood am Horizont auf, das wie die anderen Kliniken der Organisation Schwangerschaftsabbrüche im gesetzlichen Rahmen des jeweiligen Bundesstaates anbietet, dann summieren sich die dort vorgenommenen Abtreibungen vor dem inneren Auge des Betrachters schnell auf horrende Zahlen, und, wie schon gesagt, ohne Filter zwischen Hirn und Mund, bricht aus Trump wieder hervor, was er sich nach einem möglichen Wahlerfolg vorgenommen hat: Planned Parenthood, der „abortion factory“, zumindest seinem „brutal part“, wie der Ex-Showmaster von The Apprentice, Trump sagt, den Garaus zu machen. (15) Defund Planned Parenthood lautet seine Devise und, wer hätte es gedacht auch die von Ted Cruz, auf gut Deutsch, alle staatlichen Zuschüsse streichen. Dann müssen sie dichtmachen, so oder so. Eine kleine Genugtuung jedenfalls auch für Dear, dem die Todesstrafe droht.

Courageous Cruzer“ prangt von dem Bus (bei uns nennt man solche Fahrzeuge bekanntlich Guido-Mobile), mit dem ein anderer Anwärter auf die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner, Ted Cruz, Sohn eines aus Kuba stammenden Predigers, in Iowa, einem der bigottischen Stammlande fundamentalistischer Evangelicals, durch die ländlich-weiße Provinz tourt, wo sich sonst wohl kein anderer Jihadist wahrscheinlich je hinverirren wird, die Angst vor dem radikalen Islamismus aber um so größer ist (Wen erinnert das nicht an Sachsen, wo die Angst vor Ausländern so groß ist, dass sich dort schon längst keiner mehr niederlässt. ). Dass Cruz fest an der Seite der Gunfighter-Fraktion steht und dem Schwangerschaftsabbruch den Kampf angesagt hat, das nur der Vollständigkeit halber.

Dort zwischen Waukon, Decorah, Cherokee und Hinterpfuideifel findet er, händchenhaltend mit seinem Ehekassiber Heidi (ihre Anhänger sehen in ihr den „Jackpot“ der ganzen Cruzcampaign) die, obwohl sie mal Vizepräsidentin von Goldman Sachs gewesen ist, die Schutzmantelmadonna aller Nur-Hausfrauen- und -Mütter gibt, dort also findet er die Gläubigen, auch mal in einem heruntergekommenen Landpub versammelt, (für einen wie „The Donald“ undenkbar!), die jeden seiner missionarischen Ausfälle auf seinem Kreuzzug gegen die „blutsaugenden Parasiten“ in Washington, den Schwächling Obama and so on, mit den gleichen ekstatischen „Amen-Amen-Amen“- Rufen bejubeln (16) wie auf einem Massen-Anti-Christ-Prophezeiungsevent von Billy Graham, dem baptistischen Erweckungsprediger.

Dass in Anbetung des Gotteskriegers Cruz dann schon mal, wie bei einem Stop an einer Pizza Ranch in Pocahontas, eine Frau in Ohnmacht fällt (17), ist, so gesehen, nicht verwunderlich  – das ist im Übrigen schon auf anderen Wallfahrten, nach Rom oder Woodstock beispielsweise oder zu den Beatles, den Göttern der heutigen Sixty+-Generation, zu den Teenie-Olympiern Take that, zum Schnulzengott Julio Iglesisias, zur Sexmachine und Godfather James Brown oder zum Pandabemaskten Rapper Carlo Waibel alias Cro vorgekommen… will eigentlich sagen: Es zeigt, in welchen bewusstlosen Sphären sich die cruzifizierten Jünger und Jüngerinnen des Predigersohnes bewegen.

Wie andere Evangelibans bei uns (ja die gibt es), die für sich reklamieren, „keine Denkverbote für das Reden über den Glauben, über das Leben, über Gott und die Welt“ (18) zu haben, himmeln sie drüben Cruz dafür an, dass er mit ihnen Himmel oder Hölle spielt, nur mit dem zugegeben gewaltigen Unterschied zum Spiel, dass künftig jeder, dann auch zwischen Laramie und Dodge City im Wilden Westen, schon bei dessen ersten Worten weiß, wo der Himmel und wo die Hölle ist. „Ich ersuche Sie zu beten, auch wenn es nur eine Minute am Tag ist“, so einer der Kernsätze von Ted Cruz auf der Courageous-Cruzer-Rally, und das Gebet, das er anstimmt, klingt wie das Horst-Wessel-Lied, das heute hierzulande, dem Himmel sei Dank, nur noch jene kennen, die im Nebel der Pegidasierung der öffentlichen Meinung irgendwo in Deutschland Jagd auf so genannte „Kinderschänder“ und Flüchtlinge  machen: „Gottvater, bitte setze dieses Erwachen fort und führe diese spirituelle Erneuerung fort. Erwecke den Leib Christi, um uns vor dem Abgrund zurückzureißen!“ (19)

Wem davon nicht schlecht wird, dem bleibt zumindest die Hoffnung, dass Deutschland, selbst wenn man hierzulande seit den Kölner Silvesterereignissen kräftig „aufrüstet“, von solchen „Warrior for the babies“ für immer verschont bleibt, und das, was die extremen Gotteskrieger von der Army of God aus dem Rückenwind der Cruzifizierung und Trumpifizierung machen, uns nicht auch noch aufgetischt wird, sondern bleibt, was es ist, domestic terrorism „Hausmacher Art“. – Amen.

Anmerkungen:
* Glossay ist ein Kunstwort, das aus den Begriffen Glosse und Essay gebildet ist. Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass der Text zwischen Glosse, Kommentar und Essay bewusst mäandert.
1) Bei seiner ersten Vorführung vor Gericht schwieg er sich jedenfalls über seine Motive aus. vgl. Spiegel online, 1.12.2015, http://www.spiegel.de/panorama/justiz/planned-parenthood-schiesserei-mutmasslichem-taeter-droht-todesstrafe-a-1065369.html, 14.01.16 Allerdings ließ er seine gegen Abtreibung und gegen die Ziele und Praktiken von Planned Parenthood gerichteten Sichtweisen erkennen und bezeichnete sich selbst als „a warrior for the babies“ –Auch Planned Parenthood zeigte sich in einer ersten Stellungnahme unmittelbar nach dem Geschehen vorsichtig: „We don’t yet know the full circumstances and motives behind this criminal action, and we don’t yet know if Planned Parenthood was in fact the target of this attack. We share the concerns of many Americans that extremists are creating a poisonous environment that feeds domestic terrorism in this country.“ (zit. n. 9NEWS COLORADO#S NEWS LEADER, http://www.9news.com/story/news/local/2015/11/27/colorado-springs-shooting/76454812/, 29.11.2015
2) Turn to JESUS or burn in hell: dt. :
3) Dies geht aus einer Aussage einer Frau gegenüber NBC hervor, die zwischen 1985 und 1993 mit Dear verheiratet gewesen ist. vgl. dort als Quelle angegeben: „Planned Parenthood Shooting Suspect Robert Dear Targeted Agency Before: Ex-Wife“. NBC News. December 1, 2015
4) vgl. Fausset, Richard „For Robert Dear, Religion and Rage before Planned Parenthood Attack“. The New York Times, (December 1, 2015) – http://www.nytimes.com/2015/12/02/us/robert-dear-planned-parenthood-shooting.html, 20.1.16
5) »National Abortion Federation (NAF):History of Violence, http://prochoice.org/education-and-advocacy/violence/violence-statistics-and-history/, http://www.nytimes.com/2010/01/30/us/30roeder.html?_r=0, 14.01.16
6) Warrior for the babies: (dt. Krieger für die Babys); zit. n. Wikipedia, http://en.wikipedia.org/wiki/Colorado_Springs_Planned_Parenthood_shooting dort als Quelle angegeben: Wagner, Laura (December 9, 2015). „Accused Planned Parenthood Shooter: ‚I’m A Warrior For The Babies'“. NPR
7) Barack Obama zeigte sich immer wieder zu Tränen gerührt, wenn er zu den verschiedenen Amokläufen in einer Pressekonferenz Stellung. Sogar bei seiner Verkündung einer Verschärfung der Waffengesetze im Weißen Haus am 6.1.2016 zeigte sich der US-Präsident den Tränen nahe.
8) vgl. Fox News online July 9, 2014, http://www.foxnews.com/us/2014/07/09/murder-drops-as-concealed-carry-permits-rise-claims-study.html, 15.01.2016;
9) vgl. ZEIT ONLINE, 5.1.2016: http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-01/waffen-usa-barack-obama-gesetz ,15.01.16
10) So der schon erwähnte Artikel auf ZEIT ONLINE, vgl. Anm. 20
11) The Second Defense Action Statement, http://www.armyofgod.com/defense2.html; 14.01.16 Im Original: „We the undersigned, declare the justice of taking all godly action necessary, including the use of force, to defend innocent human life (born and unborn). We proclaim that whatever force is legitimate to defend the life of a born child is legitimate to defend the life of an unborn child.“
12) vgl. History of Violence, http://prochoice.org/education-and-advocacy/violence/violence-statistics-and-history/, http://www.nytimes.com/2010/01/30/us/30roeder.html?_r=0 , 14.01.16 – NAF VIOLENCE AND DISRUPTION STATISTICS. INCIDENTS OF VIOLENCE & DISRUPTION AGAINST ABORTION PORVIDERRS, http://5aa1b2xfmfh2e2mk03kk8rsx.wpengine.netdna-cdn.com/wp-content/uploads/Stats_Table_2014.pdf
13) Eric T. Hansen: Super Trump – Warum Donald für uns Amis ein Held ist, in: DIE ZEIT Nr. 35/2015, 27. August 2015, http://www.zeit.de/2015/35/donald-trump-usa-wahlkampf, 16.1.16
14) vgl. Bethany Blankley, Donald Trump’s abortion muddle, LiveActionNEWS, 5.12.2015, http://liveactionnews.org/donald-trump-abortion-muddle/, 16.01.16
15) vgl. ebd.
16) vgl. Oliver Grimm, US-Präsidentenwahl: Ted Cruz, der Gotteskrieger, Die Presse.com, 16.1.2016, http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/4905933/USPraesidentenwahl_Ted-Cruz-der-Gotteskrieger-?_vl_backlink=/home/politik/aussenpolitik/index.do, 17.1.16
17) vgl. http://edition.cnn.com/2016/01/07/politics/woman-faint-ted-cruz-pocahontas/index.html, 18.01.16
18) vgl. http://www.em.k.de/methodismus/theologische-offenheit.html, 17.1.16
19) vgl. Oliver Grimm, US-Präsidentenwahl: Ted Cruz, der Gotteskrieger, Die Presse.com, 16.1.2016, http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/4905933/USPraesidentenwahl_Ted-Cruz-der-Gotteskrieger-?_vl_backlink=/home/politik/aussenpolitik/index.do, 17.1.16

vgl. auch die Langfassung mit umfangreicheren Anmerkungen und verschiedenen Varianten zur Textpräsentation auf www.teachsam.de

Die „Bild“-Zeitung vom 1.1.2016 kürte den Mann zum größten „Knallkopp“ von Berlin, weil er in der Silvesternacht über mehrere Stunden hinweg nach eigenen Angaben Feuerwerkskörper im Wert von 6.000 Euro zum Explodieren brachte und in den Nachthimmel verschoss. Hätte nicht viel gefehlt und der Knallkopp wäre mitsamt der restlichen Dreiviertel-Tonne Krachern, Raketen und Böllerbatterien, die er noch im Keller unter Bewachung eines Kampfundes gebunkert hatte, am nächsten Tag bei ihrer Beschlagnahmung durch die Polizei in der grünen Minna abtransportiert worden.1 Sein privates Böllerarsenal lag damit wohl, rein kilogrammäßig, kaum unter dem, was am Bodensee, in Konstanz allein, bei einem traditionellen Seenachtsfest in einer halben Stunde von professionellen Feuerwerkern verpulvert wird. Ein Wunder fast, dass bei den siebenstündigen Dauerdetonationen und Raketenstarts und Shots, auch mit illegalen Kalibern wie „Dum Bum“, dem selbsternannten „General Manager of Playstation“, wie der Knallkopp sich vollmundig auf seiner Facebookseite präsentiert, nichts passiert ist und er offenbar auch die Dachstühle der Umgebung nicht in Brand setzte, wie dies andere Knallköppe und unzählige Hobby-Feuerwerker jedes Jahr in der Silvesternacht tun. Wegen des Knallkopps musste die Feuerwehr, die wie immer an Silvester in Berlin und andernorts im Dauereinsatz war, jedenfalls nicht ausrücken, aber wer kann da ganz sicher sein bei den Abertausenden von Raketen, die den Himmel über Berlin an Silvester erhellt haben. So dumm der 27-jährige Mann aus Hellersdorf jetzt auch dastehen mag, was er da aufzog, war eine, von der Sprengkraft der Böller her betrachtet, sagen wir mal, semiprofessionelle Inszenierung, die von den meisten Gaffern aus der Nachbarschaft während des stundenlangen Dauerfeuers durchaus gerne gesehen worden ist. Und damit die Kunde von dem Spektakel des Mannes – Frauen kämen wahrscheinlich nie auf solche Ideen! – auch bis nach China, wo man einst das Feuerwerk erfunden hat, dringen konnte, präsentierte der Sprengmeister in Sachen Feuerwerk sich und seine Böller schon seit längerem auf Facebook, wo er ansonsten gerne herumdaddelt. Ob die ganze Knallerei geistloses Gewumme war, wie die hämischen Kommentare aus den sozialen Netzwerken, die nun auf ihn herunterregnen, unterstellen, oder ob der Knallkopp jedes Jahr mit so großen Erwartungen an das neue Jahr herangeht, dass er geradezu zwanghaft so lange böllern muss, oder ob er einfach, einem rein kompetitiven Ansatz wie ein Leistungssportler folgend, in den weltweit übers Internet kommunizierbaren Wettstreit mit historischen und heute lebenden Artgenossen eintreten will – wer hat den größten und den längsten Böller?  – ist jedenfalls nicht ganz klar. Irgendwie tragisch für ihn, dass er nun für die ganze Plackerei in der Silvesternacht noch eine Anzeige wegen des Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz am Hals hat, die mit ihrer Geldbuße seine Ausgaben gut und gerne verdoppeln könnte. Immerhin: Er wird er wohl seinen Hals retten und ist, was seine Hände, Nase, Ohren oder Augen angeht, davongekommen. Ein Kapitel zum Thema „Blutiges Silvester! Frau verliert Fuß, Junge seine Finger, Männer getötet“, wie auf der Webseite von news.de an Neujahr getitelt wurde, hat er, das sei ihm hier einfach einmal als mildernder Umstand angerechnet, nicht geschrieben. Solches Glück hatten viele, darunter auch gänzlich Unbeteiligte, in der Nacht der Nächte nicht. Die Lazarette und Sanitäter wissen ein Lied davon zu singen und der Schlagzeile von oben ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Dennoch: Nur mal so und einmal kurz den Begriff „Unfälle an Silvester“ gegoogelt, schon werden einem binnen 31 Sekunden 735.000 Ergebnisse geliefert, die ein Schreckensbild nach dem anderen zeichnen. Und wer es härter mag, der kann sich mit dem gleichen Suchbegriff ja einmal auf (oder bei?) YouTube umsehen und seine voyeuristischen Neigungen bis zum Abwinken befriedigen. Also, nicht weiter mit Knalltraumata, Brandwunden und verlorenem Augenlicht! Stattdessen ein Blick darauf, dass Böller schon einmal zum regelrechten Kriegsgerät umfunktioniert werden, wenn, z. B. wie in Berlin in der Silvesternacht geschehen, Polizeibeamte mit Kanonenschlägen und Raketen unter Feuer genommen werden.
Dass der Knallkopp und alle anderen Silvesterfeuerwerker damit aber dafür sorgen, dass Umsatz und Gewinne der pyrotechnischen Industrie weiter auf hohem Niveau bleiben, ist für ihn und die anderen sicher auch nicht weiter wichtig. Fakt ist allerdings, dass die Freude am Zünden diverser Feuerwerkskörper außergewöhnlich groß ist. Selbst in Krisenzeiten, in denen es vielen Menschen nicht so gut geht oder die allgemeine Stimmung im Hinblick auf die Zukunft eher gedämpft ist, heften die Menschen ihre Hoffnungen an die Zündschnüre von Raketen oder vertreiben ihre Sorgen mit dem Knall eines Kanonenschlages. Fehlt lediglich noch die individualisierte Variante des Feuerwerks, bei der man sich z. B. übers Internet Leucht- und Knallfarben nach Wunsch zusammenstellen und die Rakete online mit einem Spruch eigener Wahl versehen kann, um den vom eigenen Feuerwerk erhellten Platz am Nachthimmel auch wirklich persönlich für die eigene Zukunft in Besitz zu nehmen und gegen die dort blitzenden und zerplatzenden Hoffnungen und Erwartungen anderer zu behaupten. Eigentlich ein ganz normaler Vorgang in der Ellbogengesellschaft.
Der Silvesterumsatz mit Feuerwerksartikeln jedenfalls soll nach Schätzungen des Verbandes der pyrotechnischen Industrie 2015 in Deutschland wie im Vorjahr bei etwa 129 Millionen Euro liegen. Zehn Jahre zuvor waren das noch 96 Millionen gewesen, 2007 wurde die 100-Millionen-Marke gerissen. Seitdem ist der Umsatz zumindest im 2-Jahres-Rhythmus weiter gestiegen (2009: 113 Mio., 2011: 115 Mio., 2013: 124 Mio.) Feuerwerke anderer Art, die bei großen Massenveranstaltungen, aber mittlerweile auch kleineren Dorf-, Stadtteil- oder Straßenfesten veranstaltet werden, nicht mit eingerechnet.
Gründe, warum die Menschen in so großer Zahl von Feuerwerken im Allgemeinen und dem Silvesterfeuerwerk im Besonderen fasziniert sind, gibt es viele und einige hängen unmittelbar mit der Tradition und Bräuchen zusammen. So hat der Wumms von Feuerwerken eben auch seine eigene Geschichte.
Die ersten Feuerwerke gab es wohl in China, wo es aller Wahrscheinlichkeit nach Mönche waren, die es im 6. oder 7. Jahrhundert erfunden haben. Über arabische Händler kam das Feuerwerk im 14. Jahrhundert nach Europa. In Italien entwickelte sich im späten 14. Jahrhundert eine besondere Feuerwerkskunst, die sich von da aus in Europa weiterverbreitete. Insbesondere im Zeitalter des Barock wurden Feuerwerke an den Höfen von Fürsten und Königen in ganz Europa hochgeschätzt. Sie standen oft im Mittelpunkt der Feste an den Höfen, die auch mit solchen pyrotechnischen Attraktionen europaweit miteinander wetteiferten. Allen voran gingen dabei die Feuerwerke, die am königlichen Hof in Versailles veranstaltet wurden. Aber auch eher mittelprächtige Fürsten ließen sich bei Feuerwerken und Illuminationen nicht lumpen. Sie öffneten wie z. B. Carl Eugen von Württemberg es vor allem während seiner wilden Jahre tat, gerne ihre mit erfindungsreichen Abgaben wie der Spatzensteuer gefüllten Schatullen, um Hof und Untertanen mit solchen und anderen Events zu beeindrucken. Und Anlässe für Feuerwerke, welche die absolutistische Herrlichkeit wie auf eine Großleinwand an den Nachthimmel zauberten, gab es natürlich in Hülle und Fülle. Geburtstage, Hochzeiten, Besuche von Staatsgästen und einfach auch mal einfach so aus Jux und Tollerei, besser gesagt aus Lust an Prasserei und absolutistischem Potenzgebaren. Legendär bis heute das 1770 unter Ludwig XV. (1710-1774) im Schlosspark von Versailles veranstaltete Feuerwerk, mit dem der absolutistische Herrscher Frankreichs seine Schwiegertochter Marie Antoinette (1755-1793) begrüßte. Trotzdem konnten auch die dabei zum Einsatz gelangten 20.000 Raketen, 6.000 Feuertöpfe und Vulkane und mehrere Dutzend Sonnen mit einem Durchmesser von bis zu 30 Metern2, der späteren Königin von Frankreich, wie jeder weiß, den Hals nicht retten. Allerdings, so sei gesagt, waren solche Spektakel eben auch nicht dafür gemacht, Gottes Segen einzuholen oder Geister und Dämonen für eine glückliche Zukunft einzelner Individuen zu beschwören. Genauso wenig waren sie an typisch bürgerliche, an die eigene Leistung geknüpfte Wohlstandserwartungen oder Deklassierungsängste gekoppelt. Für absolutistische Prachtentfaltung und Repräsentation von Macht waren sie aber besonders gut geeignet, weil sie, mythisch-mystisch oder mystisch-mythisch, „den Sieg des Lichts über die Dunkelheit“ verkörperten. Indem man so das Feuerwerk mit Blitz und Donner ineins setzte, wurde es als göttliche Gewalt verstanden, an der der absolutistische Fürst oder König mit seinem Feuerwerk, und zwar je größer und prächtiger, desto mehr teilhatte.3
Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden Feuerwerke zu einem Vergnügen größerer Teile der Bevölkerung. Nun fanden sie im öffentlichen Raum statt, bald schon in Städten in der Silvesternacht und auch bei anderen Veranstaltungen unter freiem Himmel. Aber erst im 20. Jahrhundert konnten Feuerwerkskörper von jedem, der dafür das nötige Kleingeld besaß, gekauft werden. Erst damit konnte die private Feuerwerksinszenierung zu einem, keineswegs als spießig geltenden, Privatvergnügen werden, bei dem Raketen von der Rampe einer eben mit Freunden und Verwandten geleerten Sektflasche aus dem eigenen Vorgarten in den Himmel geschossen wurden. Dass dort oben, wo die Raketen krachten, wieder eine gemeinsame Raketenöffentlichkeit entstand, tat dem Ganzen keinen Abbruch. Schließlich konnte man (Mann?) ja, und kann das bis heute, bei Bombenrohren, Feuerwerksbatterien, Verbundfeuerwerk und Knallern dem Nachbarn auch noch hoch oben am Nachthimmel zeigen, wo der Hammer hängt bzw. wer den dicksten Geldbeutel besaß und besitzt. An die gigantischen Wunderwerke pyrotechnischer Kunst mit ihrem vor sich hin protzenden Wahnsinn, die bei der Eröffnung oder am Ende von Olympischen Spielen, beim Champions-League-Finale oder bei Freiluft-Klassikevents zur Aufführung gelangen, reichen die Privatfeuerwerke natürlich nicht heran, jene befeuern aber, als Top-Medienereignisse mit traumhaften Einschaltquoten inszeniert, die Nachfrage nach immer knalligeren Knalleffekten bei Feuerwerkskörpern durch die breite Masse, die sich, Gottseidank nur im Extremfall mit einem wie dem Berliner Knallkopp messen oder als Superknallkopp einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde haben will.
In der letzten Zeit ist ein Trend festzustellen, der vom privaten Kleinfeuerwerk im Kreis der Familie und von Freunden wegführt. Outdoor-Silvesterpartys mit Hunderttausenden von Teilnehmerinnen und Teilnehmern trotzen Wind und Wetter und lassen sich unter dem Schutz von Polizeikräften, auch bei Angst vor Terroranschlägen, ihr Vergnügen beim gemeinsamen Feiern und Böllern in der Öffentlichkeit nicht nehmen. Vielleicht schließt dieses Verhalten an die Tradition an, mit der man in der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr schon seit Menschengedenken Dämonen, Hexen und Geister mit allerlei Lärm und Geräuschen vertreiben wollte. Und für das, was von dem Spuk zurückbleibt, nämlich abertausend Tonnen von Müll, sind schließlich der Staat und die Gemeinden zuständig.
Dass die Menschen auf der Silvestermeile während und nach dem Feuerwerk den ganzen Lichterglanz als Dreck in die Lungen bekommen, stört wenige und gehört zu den Risiken, die alle, auch wenn sie sonst dem vermuteten Elektrosmog eines Reiseweckers mit Messgeräten auf den Leib rücken, eingehen. Und für manche gehören der archetypische Pulverdampf und Feinstaub zu Silvester halt ebenso dazu wie Weihrauch bei der Taufe oder Beerdigung. Der Luft selbst tut die ganze Böllerei jedenfalls nicht gut. So werden in der Silvesternacht und oft auch noch am folgenden Neujahrstag bundesweit immer wieder deutlich erhöhte Feinstaubwerte gemessen, die nicht nur verkaterte Zeitgenossen, die es nach einer mit Alkohol durchfeierten Nacht mit oder ohne Aspirin eigentlich nach draußen zum fast obligatorischen Neujahrspaziergang zieht, in die Heizungsluft ihrer Wohnungen verbannt. Die Schadstoffe, die mit jeder in den Himmel gejagten Rakete in der Luft verteilt werden und in unsere Atemluft zurückkehren, machen jedenfalls vielen Menschen gesundheitlich kurz- oder auch längerfristig zu schaffen. Ja-aber-schon-Technik: Ja, aber schon, einfach mal weiterdenken! Wie Phoenix aus der Asche steigt dadurch ein neuer Markt aus dem verdreckten Firmament! Modisch designte Ein-Weg-Atemmasken für das Silvesterfeuerwerk, in allen Trendfarben und/oder mit einem Selfie verziert …  man hört die Kassen fast schon klingeln! Ein kleines Aber höchstens: Pekings oder Neu Delhis ganz normaler Alltagssmog lassen grüßen. Zugleich winkt von dort vielleicht auch eine kleine Lösung: Wie bei Regelungen für den Autoverkehr in den asiatischen Megastädten, mit denen der Smog gesenkt werden soll – einmal dürfen Autos mit gerader, mal mit ungerader Nummer fahren – könnte ja jedes Jahr abwechselnd nur der Teil bei uns böllern dürfen, der in einem geraden Jahr oder einem ungeraden Jahr geboren ist. Wenn da nicht die Arbeitsplätze wären, heißt es.
Dass die Böllerei für viele Tiere ein Albtraum ist, Hunde, Katzen oder Pferde in Angst und Panik versetzen kann, ist ebenso so unstrittig wie die Tatsache, dass sich davon aber auch eingefleischte Liebhaber der Vierbeiner kaum abhalten lassen, den Jahreswechsel mit Kanonenschlägen „einzuläuten“. Schließlich gibt es ja noch den Tierarzt, der einem ein Mittel aushändigt, mit dem man seinen Hund ein paar Stunden lang einschläfern kann. Und wenn ein völlig verstörter Vierbeiner Reißaus genommen hat, Pech für ihn: Dann muss er halt durch wie die Eichhörnchen eben auch, die es sich in ihren Nestern gerade so kuschelig eingerichtet haben. Immerhin mit seinem Schicksal ist er ja nicht allein. Und wenn das gleiche Schicksal Füchsen widerfährt, die wir ohnehin in unseren Städten nicht sehen wollen, ist das doch eigentlich ein positiver Nebeneffekt. Gut, schade um den Falken im Kirchturm und die Fledermäuse, die im Kasten am Haus hängen, aber die sind je eh die Ausnahme, und wer sagt denn, dass die wirklich etwas mitkriegen?
So what? Da ist guter Rat schwer, will man doch weder Spaßbremse sein, noch als ignoranter Knallkopp dastehen. Bleigießen? Geht gar nicht! Dann schon eher Tischfeuerwerk mit Knallbonbons und Rosenkanonen? Für Kinder schon, Frauen vielleicht, aber für Männer? Ich weiß nicht. Dorfbums ohne Dorfwumms? Dann lieber gar nicht, aber wer will das allen Ernstes wirklich?
Und doch gibt es Alternativen. Schon seit 1981 ruft die Hilfsorganisation Brot für die Welt dazu auf, wenigstens einen Teil der ansonsten für Silvesterfeuerwerk ausgegebenen Geldsumme für die Entwicklungshilfe zu spenden. Die Präsidentin der Organisation Cornelia Füllkrug-Weitzel will mit der Aktion die Menschen dazu einladen, „das neue Jahr mit einem Geschenk an Menschen in Not zu beginnen.“ 4 Für sie steht fest: „Der Spaß, den ein Feuerwerk macht, ist nur kurz. Die Freude, die durch Teilen entsteht, ist von Dauer.“ Und auch andere Organisationen sind der Ansicht, dass sich das ganze Geld, das an Silvester im wahrsten Sinne des Wortes verpulvert wird, anders besser angelegt ist. So hat z. B. der Tourismusverband die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern in diesem Jahr schon zum neunten Mal dazu aufgerufen, statt Geld für Silvesterböller auszugeben, dieses Geld im Rahmen seiner Kampagne „Bäume statt Böller“ in Waldaktien anzulegen.5
Allerdings sind solche „Statt-Böller-Kampagnen“ keineswegs unumstritten und ihre Kritiker kommen nicht aus den Reihen der pyrotechnischen Industrie oder sind auch keine Pyromanen oder „Knallköppe“. So erklärt z. B. die Berliner TAZ den „Zusammenhang zwischen dem Hunger in Afrika und dem Geböller“ für schlichtweg „konstruiert“ und beruft sich auf die Aktion Dritte Welt Saar, die darin eine Beliebigkeit sieht, die genauso gut in einer Kampagne wie „Brot statt Jogginganzüge“ fortgeführt werden könne. Auf die eigentlichen Ursachen für den Hunger in der Welt werde jedenfalls während der Brot-statt-Böller-Kampagne nicht hingewiesen. Um an Spenden zu kommen, werde damit dem Normalbürger ein schlechtes Gewissen gemacht, indem man ihm einrede, sein punktuelles und persönliches Verhalten „habe irgendwie was mit dem Elend in Afrika zu tun“. Für die Aktion Dritte Welt Saar ist das Ganze aber auch eine typisch protestantische „Lustfeindlichkeit“.6 „Auffällig“, heißt es da sinngemäß weiter, dass solche „Statt-Böller-Kampagnen“ sich über das Lustfeuerwerk des kleinen Mannes und der Massen mokieren, andere Feuerwerke aber wie z. B. bei den Salzburger Festspielen, bei denen sich die Reichen und Mächtigen verlustieren, ungeschoren davonkommen lassen. Und wer legt sich schon mit FIFA, IOC oder den Bayernbossen an, wenn sie ihre Sportgroßereignisse mit unzähligen Knallkörpern am Himmel zelebrieren?
Am Ende … alle Fragen offen, aber auch ein wenig Hoffnung: Wie wäre es, nur mal so laut gedacht, wenn man bei den großen Outdoor-Silvesterpartys einfach die Riesenleinwände, die beim Sommermärchen und dem WM-Gewinn 2014 zum Einsatz gekommen sind, nehmen und vielleicht ein paar davon noch so zusammenmontieren würde, dass sie die störenden Lichteffekte eines ja jederzeit drohenden Sternenhimmels abdecken, um dann auf diesen Supermegawänden virtuell erzeugte Feuerwerke zu zeigen oder stundenlang, ganz ohne Feinstaubgefahr, YouTube-Videos von Feuerwerken früherer Tage abzuspielen. Wenn dazu noch – was kann schöner sein? – die Bassboxen der Loveparades von Berlin und Zürich gemeinsam ohrenbetäubend wummern würden, könnte vielleicht auch ein größerer Teil der „Spaßfraktion“ auf die klassische Silvesterböllerei ganz verzichten. Und wer auf den billigen Plätzen, meilenweit von den Supermegaleinwänden entfernt, auch noch Spaß haben will, dem könnte man das Ganze doch aufs Smartphone und von da in die Ohrstöpsel streamen, um Blitz, Knall und Glamour des aufziehenden neuen Jahres auch in den letzten Winkel der Spaßmeile zu tragen. Und von da über Facebook in die ganze Welt und so weiter und so fort. Das passt dann auch zu einem weiteren Trend: Da der Lichtzauber am Himmel allein die oft zahlenden Partygäste auf den Silvestermeilen und -plätzen von Berlin bis Sidney nicht mehr hinreichend unterhält, der Lärm von Knallern und Schwärmern und das Blitzen von Raketen nicht mehr genügend „Spaß“ machen, ist man nämlich bei großen Freiluftveranstaltungen wie dem Konstanzer Seenachsfest schon seit einiger Zeit dazu übergegangen, mit Megaboxen Megaklänge aus Klassik und Pop über den See hallen zu lassen. Und wenn, wie auf der zwei Kilometer langen Silvestermeile von Berlin, Showstars mit ihren Showacts auf Showbühnen von Actionhighlights, Laser- und Lichtanimationen ins Rampenlicht gesetzt werden und damit ein eigenes Feuerwerk von Attraktionen zur Bespaßung der Partygäste abfeuern, dann kann das neue Jahr vielleicht auch kommen, wenn es nicht mit herkömmlichen Böllern und Krachern von einem Ende zum anderen Ende der Welt gehetzt wird. Dann ist nicht nur das Erlebnis Feuerwerk so ein richtiger Knaller, sondern es wird endlich zu einer Win-Win-Sache für alle, die Aktionäre der pyrotechnischen Industrie mal ausgenommen. Einzig die unterbezahlten Böllermänner und Böllerfrauen, die in China das Schwarzpulver in die Böller stopfen, müssen sich nach einem neuen Job umsehen. Machen diese Ideen erstmal die Runde, wird wohl auch der gute alte Chinaböller ein Globalisierungsopfer werden. Der Knallkopp von altem Schrot und Korn bliebe allerdings in jedem Fall auf der Strecke. – Eine Runde Mitleid schon, aber kein Grund, dass allen der Spaß vergeht.

Anmerkungen:
1) vgl. Bild-online, 3.1.2016
2) vgl. Huo-Pau – Die Geschichte des Feuerwerks, http://www.pyroweb.de/informationen/geschichte/, 4.1.2016
3) vgl. Anja Kircher-Kannemann, http://resikom.adw-goettingen.gwdg.de/abfragebegriffe.php?optionID=50 –  vgl. auch ihren Beitrag in: Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich. Bilder und Begriffe. Hg. von Werner Paravicini, bearb. von Jan Hirschbiegel und Jörg Wettlaufer.Residenzenforschung 15 II, Teilbd. 1+2, Thorbecke Verlag, Ostfildern 2005
4) http://www.brot-fuer-die-welt.de/so-helfen-sie/brot-statt-boeller.html?gclid=CP2f9O-4jsoCFQb3wgod1PwJDA
5) http://www.focus.de/regional/rostock/brauchtum-fuer-ein-gruenes-gewissen-an-silvester-baeume-statt-boeller_id_5178509.html
6) http://www.taz.de/!5076331/

Mit dem Vorsatz ist das, wie jeder weiß, so eine Sache. Manchmal genügt schon das Aufwachen aus den süßen Träumen eines kleinen, unschuldigen Mittagsschläfchens, dass er angesichts der noch irgendwo in der Wohnung ohne jeden Vorsatz gebunkerten Restschokoweihnachtsmänner und -osterhasen nach einem halben Stündchen schon nicht mehr vorgeht. Vorsätze menscheln eben, weiß auch jeder! Böser das Erwachen aber, wenn man den Fehler gemacht hat, seinen Vorsatz hinauszuposaunen, hinauszutwittern oder gar hinauszuposten. Als ob man seine Vorsätze absichtlich gegen die Schokolade gefahren hat, bekommt man schon beim nächsten Kaffeekränzchen von liebenswürdigen Kaffeetanten und – man achte auf die Genderlinie! – Kaffeeonkels die hämische Erinnerung an diese Vorsätze wieder vorgesetzt, wenn man, zugegeben etwas blauäugig, die aufgenötigte Sachertorte mit halbwegs Genuss verspeist. Wer sich in Gefahr begibt … Ehe man sich versieht, hat einer der „Freunde in echt“ – natürlich nur aus Jux und Tollerei und ohne jeden Vorsatz! – seine Facebook-Freunde informiert, dort auf die Pinnwand des armen Versagers vor alle anderen Einträge gesetzt: „Na, Moppel, wieder nichts mit den guten Vorsätzen? Macht nix!“ – Macht’s wohl! Wer dann noch erleben darf, dass ausgerechnet das Foto vom Kaffeekränzchen unter Freunden an die WhatsApp-Gruppe „Rund-aber-Gesund“ gesendet wurde, auf dem man mit aufgesperrtem Munde gerade mit seiner Kuchengabel der Torte auf die Schokolade rückt, dann könnte man, ohne Aussicht auf mildernde Umstände, also mit Vorsatz oder Heimtücke, am besten mit beidem, den Rachefeldzug gegen die Lästermäuler, besten Freunde mit den besten Absichten in echt und anderswo, die Mobber und die Cybermobber und am Ende gegen Gott und die Welt vorsätzlich beginnen.
Der Weg zur Hölle ist eben mit guten Vorsätzen gepflastert, wusste Samuel Johnson (1709-1784) zu sagen, warum sagt einem das heute keiner mehr! Dabei hat der Gute allerdings übersehen, dass das mit dem Vorsatz eigentlich begann, noch ehe man so richtig von der Hölle sprechen konnte. War es doch Eva im Paradies gewesen, die ihren Adam mit dem Apfel vorsätzlich verführt und damit für uns alle erst den Weg dahin so richtig freigemacht hat. Aber war die Schöpfung selbst nicht auch etwas wie eine vorsätzliche Tat? Wenn ja, was hat sich der liebe Gott bei der Sache eigentlich vorgenommen? Wie würde er heute angesichts von Dauerkriegen, Hunger, Not, Flüchtlingselend und Klimakatastrophe das Ganze beurteilen? Und, mit welchen Vorsätzen könnte der das Ganze nachbessern? Schwer zu sagen, ob er wirklich für das Ganze einen Plan hatte, aber das macht ihm ja auch keiner zum Vorwurf und postet seine Kritik an die Pinnwand des Himmels. Also doch lieber Plan als Vorsatz, haftet doch letzterem seit Evas unsäglicher Aktion immer die Vorstellung vom Vorhof der Hölle an, auf dessen abschüssiger Bahn hinunter man nur Halt finden kann, wenn man bereit ist, sich vorsatzgemäß zu kasteien. Wer allerdings der Geißeltour der Vorsätze und ihrer Antreiber aus dem Weg gehen will, der sollte doch lieber von Plänen reden. Klingt nicht nur besser, motiviert mehr, ist vergleichsweise simpel, kommt aber mit einer Weißt – du- oder Wissst-Ihr-Anrede bei Freunden und Bekannten auch rundum kreativ rüber: „Weißt du/Wisst ihr, ich habe immer so viele Pläne!“ Damit wird man nicht nur weniger leicht angreifbar, sondern signalisiert auch, dass man nicht zu den Zeitgenossen gehört, die sich, ohne jeden Plan für ihr Leben, jeden Morgen geist- und lustlos zur Arbeit schleppen. Aber vor allem garantieren Pläne, wenn man sie über den Haufen werden muss oder mit ihrer Umsetzung hadert (s. Gott und Welt), dass man obenauf bleibt. Wofür gibt es, da kann der bleierne Vorsatz nur staunen, schließlich den Plan B?

Zu Unterrichtszwecken auch veröffentlicht auf teachSam: Mit dem Vorsatz ist das so eine Sache